Kunst aus dem Ofen. (Nicht nur) Keramik im Arp Museum

Kunst aus dem Ofen. (Nicht nur) Keramik im Arp Museum

Von Thomas Köster

Flamingos in Eiern, eine Wand voller Brüste und ein Dorf aus dem Kongo: Im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigen Künstler, was Keramik kann. Und wie mobile Solarien das Universum erhellen.

Es dauert. Es ist riskant. Es bleibt womöglich für immer, Arp Museum Rolandseck, Remagern 2018 (Ausstellungsansicht)

"Es dauert. Es ist riskant. Es bleibt womöglich für immer." So fasst die in Leipzig lebende Kuratorin Olga Vostretsova im Ausstellungstitel die Möglichkeiten und Herausforderungen zusammen, die Keramik an Künstler stellt. Tatsächlich kann der Ton beim Brennen explodieren oder rissig werden. Oder aber Generationen überdauern. Oder beides. (Emma Perrochon, "Oology", 2017).

"Es dauert. Es ist riskant. Es bleibt womöglich für immer." So fasst die in Leipzig lebende Kuratorin Olga Vostretsova im Ausstellungstitel die Möglichkeiten und Herausforderungen zusammen, die Keramik an Künstler stellt. Tatsächlich kann der Ton beim Brennen explodieren oder rissig werden. Oder aber Generationen überdauern. Oder beides. (Emma Perrochon, "Oology", 2017).

Lange Zeit war Keramik als Stoff für Badezimmerkacheln oder bestenfalls Design – also als Material für den Alltagsgebrauch – in der Kunstszene verpönt. Inzwischen rückt er wegen seiner Möglichkeiten bei der Formung, Lasur oder Glasur etwas mehr ins Blickfeld. Das "futuristische Potenzial" bei der Oberflächenbehandlung stellt am deutlichsten Antye Guenther heraus.

Im Arp Museum Bahnhof Rolandseck sind 16 zeitgenössische Positionen vor allem von Stipendiaten des Schloss Balmorals in Bad Ems zu sehen, die sich zum Großteil mit Keramik auseinandersetzen. Zumindest für diejenigen Künstler, die ein paar Monate in dem idyllischen Künstlerhaus leben wollten, war das Pflicht (Maria Kropfitsch, "Unbetitelt", 2017).

So wie bei Lambert Mousseka, der in Stuttgart lebt und arbeitet. Er hat ein ganzes Dorf samt Einwohnern, Tieren und Häusern mit in den Bahnhof Rolandseck gebracht, das an seinen Geburtsort Kanaga in der Demokratischen Republik Kongo erinnert. Und über den Titel "Cette parcelle n’est pas à vendre" eine klar politische Botschaft formuliert.

"Im Kongo ist gerade alles zu verkaufen, sogar die Flüsse", sagt Mousseka. "Das letzte, was bleibt, ist die Hoffnung. Aber die Politiker haben auch die Priester gekauft, die die Hoffnung vermitteln sollen." Moussekas Kunstwerk stellt sich dieser Vermarktung – auch durch seine bewusst anarchische Rohheit – konsequent entgegen.

Um Sündenfälle der Kunstgeschichte geht es der Düsseldorfer Künstlerin Yvonne Roeb. Zumindest auch. "Da wird die Schlange immer mit Eva in Verbindung gebracht. Als Frau wollte ich das kurz einmal hinterfragen." Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Es geht um die ganze "Terra Incognita Mammalia", die große unbekannte Welt der Brust.

Und es geht um die großen Archetypen von Liebe und Tod, die in einer phantastischen Welt nicht nur keramisch verschmelzen. Besonders deutlich wird dies in Roebs Arbeit, die den beschlängelten Brüsten gegenüber hängt. Vordergründig reißt hier der Gepard die Gazelle. Oder werden wir hier Zeugen einer erotischen Vereinigung, die genau das Mischwesen schafft, dass da eigentlich schon an der Wand hängt?

Mischwesen tummeln sich im Arp Museum massenweise. Emma Perrochon packt Flamingos in durchsichtige Eier. Die lateinische Bezeichnung "Phoenicopterus" des Vogels führt unmissverständlich zur mythischen Gestalt des Phoenix, der – wie der Ton bei der Keramik – aus dem Feuer verwandelt wiederaufersteht.

Auf dem Boden liegen zwei von Perrochons "Loopholes" (2018), die vielleicht rätselhaftesten Wesen der ganzen Schau. Schlüpft auch da etwas aus dem Ei? Oder gehört die im Ofen durch den Zufall des Brands wundervoll lebhaft gestaltete Schale zum Körper? Man kann sich jedenfalls gut vorstellen, dass diese Wesen in der aus der Zeit gefallenen Atmosphäre von Schloss Balmoral geboren wurden.

Vom Ort inspiriert sind alle Arbeiten von Künstlern mit so genanntem Anwesenheitsstipendium, am meisten vielleicht die von Daniel Wetzelberger. Für seine Arbeit ist er in den Keller von Schloss Balmoral gestiegen und hat dort in einer Art archäologischer Spurensuche beschädigte Mosaikfliesen zu Tage gefördert, wie sie im Schlosspavillon Verwendung fanden.

Die Bruchränder dienten Wetzelberger als Grundlage für die Profile dieser Keramikrahmen, die im Arp Museum gleich neben den Kacheln hängen. Die Leerstelle in der Mitte verweist auf sehr doppelbödige Art und Weise auf das Fragmentarische des historischen Vorbilds. Trotzdem wäre es in jedem Fall hübsch gewesen, die Kacheln in die Rahmen zu hängen.

Neben den so genannten Anwesenheitsstipendiaten sind im Arp Museum auch Arbeiten von Künstlern zu sehen, die ein Auslandsstipendium erhielten. So wie die Berliner Künstlerin Emma Adler, die im Land der "Fake News" – genauer: in New York – gewesen ist. Dem entsprechend geht es ihr um "Dopplungen und reziproke Beziehungen zwischen Original und Fälschung, Fälschung und Fake, Fake und Original".

In ihrem Universum, das von der künstlichen Sonne eines mobilen Solariums beleuchtet wird, ist wenig so, wie es scheint. Sind die am Boden liegenden Steine echt? Oder der extrem künstlich aussehende Stein, der nur per Video eingespielt wird? Auf einem anderen Bildschirm flackert Nasa-Material, das Wissenschaftlern und Verschwörungstheoretikern gleichermaßen als Beweis für ihre Thesen dient.

Multimedial geht auch Ingo Bracke zu Werke. In einem abgedunkelten Raum setzt der Licht mit Klang, Gesang und Bewegung in Bezug. Gezeigt wird eine Variante seiner Installation "IchWeissNichtWasSollEs" (2008), die er für den Loreley-Felsen im UNESCO-Welterbe "Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal" konzipiert hat. Sie kann nur von jeweils zwei Personen betreten werden.

Drinnen erwartet den Besucher ein ebenso bewegendes wie bewegtes Licht- und Soundspektakel aus Naturklängen und klassischen Musikschnipseln zum rheinischen Romantik-Mythos von Schiffe versenkenden und Haare kämmenden Nixenwesen. Eine Augen- und Ohrenweide, die in Bildern nur schwer einzufangen ist.

Fotografisch gänzlich uneinfangbar ist übrigens die Kunst von Claudia Schmitz. Auf zwei im Ventilatorenwind wehenden Bergen aus traditionellem Hanji-Papier lässt sie Projektionen laufen, die Landschaften an der Grenze in Süd- und Nordkorea zeigen. Bei "In Between – Invisyllables" geht es unter anderem um unsichtbar machende Propaganda, an deren Darstellung das Foto versagt. Ein Grund mehr, sich die Ausstellung vor Ort anzusehen.

"Es dauert. Es ist riskant. Es bleibt womöglich für immer" ist noch bis zum 15. Juli 2018 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein hübscher Katalog erschienen.

Und wer schon einmal da ist, sollte sich auch die beiden andere Ausstellungen nicht entgegen lassen, deren Werke teils noch knalliger als Keramik sind: "Gotthard Graubner. Mit den Bildern atmen" (bis 10. Februar 2019) und "Rausch der Farbe. Von Tiepolo bis K. O. Götz" (bis 29. Juli 2018), hier im Bild.

Stand: 30.04.2018, 12:54 Uhr