Bettler, Rächer, Engel: Ernst Barlach zum 150. Geburtstag

Bettler, Rächer, Engel: Ernst Barlach zum 150. Geburtstag

Von Thomas Köster

Ernst Barlach war einer der bedeutendsten Bildhauer des deutschen Expressionismus. Jetzt jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal. Wir machen eine Tour zu den zahlreichen "echten Barlachs" in Köln.

Der Sieg des Geistes über alles Erdenschwere: Das war das Motto des expressionistischen Bildhauers und Schriftstellers Ernst Barlach (1870-1938). Am 2. Januar 2020 feiern wir seinen 150. Geburtstag. Im Kölner Museum Ludwig ist Barlachs "Rächer" von 1914 zu sehen: Ausdruck einer damals unter Künstlern verbreiteten Begeisterung für die "reinigende Kraft" des Ersten Weltkriegs, die aber auch bei Barlach bald der Ernüchterung wich.

1906 reist Ernst Barlach nach Russland. Was er dort – auch an Elend – sieht, wird entscheidend für sein weiteres Werk. Der "Russische Bettler" und die "Russische Bettlerin" aus Porzellan zeigen schon den späteren Meister. Das Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) besitzt je ein Exemplar. Und lässt es trotz Barlachs 150. Geburtstag leider im Depot. Zum Fotografieren durften wir auch nicht rein, darum hier Bilder aus dem Archiv. Aber es gibt ja noch andere echte Barlachs in der Stadt!

Der schönste Ort, um Barlach zu seinem 150. Geburtstag neu oder wieder zu entdecken, ist sicher die evangelische Antoniter City Kirche mitten in der Kölner Fußgängerzone. Hier kann, wer vom Shoppen mühsam und beladen ist, zum Meditieren einkehren. Einen Teil der Barlachs muss man hier allerdings erst einmal ein wenig suchen.

In der Antoniter City Kirche sind gleich drei Werke von Ernst Barlach zu bewundern. Zum einen gibt es die etwas unscheinbare Auftragsarbeit "Kruzifix II" von 1918, die Barlach nach eigener Aussage "manchen schweren Tag gemacht" hat, mit der der Künstler am Ende aber doch recht zufrieden war.

Und diesen posthum gefertigten "Lehrenden Christus" aus Barlachs Todesjahr 1938, der in einer für den Künstler typischen Art und Weise ganz verklärt und vergeistigt dreinblickt ...

... und die Gläubigen ebenso wie die Atheisten mit seiner offenen Haltung zum Dialog einlädt.

Eines der berühmtesten Barlach-Werke baumelt von der Decke: "Der Schwebende", auch "Barlach-Engel" genannt. 1926 für den Dom von Güstrow geschaffen, widmete Barlach ihn den Opfern des Ersten Weltkriegs. Von den Nazis wurde dieses Werk als "entartet" klassifiziert, das Original "für die Verwendung in der Wehrwirtschaft" verschrottet. Gute Freunde Barlachs aber retteten das Gipsmodell, nach dem der Kölner Engel entstand. Die Widmung dieses Zweitgusses wurde auf die Opfer des Nationalsozialismus erweitert.

Es ist schon frappierend, wie das in sich gekehrte Gesicht des Barlach-Engels der Künstlerkollegin Käthe Kollwitz ähnelt! Angeblich sind deren Gesichtszüge, die von Schmerz und Trauer um den im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn geprägt waren, Barlach eher zufällig "da so reingekommen". In der Kölner Antoniter City Kirche hängt die Skulptur in einer dunklen Nische im nördlichen Seitenschiff – so, wie der Bildhauer es gewollt hat. Aber zu seinem 150. Geburtstag kann man ihn selbst erhellen: Indem man daneben eine Kerze anzündet zum Beispiel.

Vom Irdischen entrückt wollten die Figuren Ernst Barlachs sein. Und in eine neue geistige Sphäre führen. Nachdem der Bildhauer nach den Schikanen der Nazis 1938 als gebrochener Mann gestorben war, schuf Käthe Kollwitz "unter dem Eindruck von Barlachs Tod und dem furchtbaren Unrecht, das er erlitten hatte", ihr Bronzerelief "Die Klage". Mehrere Abgüsse davon hängen eigentlich im Kölner Käthe Kollwitz Museum, allerdings sind sie momentan noch nach Straßburg verliehen. Zu Barlachs 150. Geburtstag kommen sie Mitte Januar 2020 zurück.

Stand: 02.01.2020, 06:00 Uhr