Ein Gedicht: Bilder Else Lasker-Schülers in Wuppertal

Ein Gedicht: Bilder Else Lasker-Schülers in Wuppertal

Von Thomas Köster

Else Lasker-Schüler ging als Dichterin in die Literaturgeschichte ein. Dabei schuf sie auch ein zeichnerisches Werk, das dem literarischen durchaus ebenbürtig ist. Das zeigt jetzt eine großartige Ausstellung im Von der Heydt-Museum.

Else Lasker-Schüler. Prinz Jussuf von Theben und die Avantgarde, Von der Heydt-Museum, Wuppertal 2019 (Ausstellungsansicht)

"Ich sterbe am Leben und atme im Bilde wieder auf." 1912 formuliert Else Lasker-Schüler in ihrem Liebesroman "Mein Herz" diesen Satz - das Bild zeigt das vergrößerte Frontispiz des Buches, Lasker-Schüler als Fakir von Theben. Geboren 1869 in Elberfeld bei Wuppertal schafft sie sich gerne in imaginären Rollen jenes poetische Gegenbild zu ihrer von Schicksalsschlägen geprägten Biografie. Dabei blieb sie der Nachwelt fast ausschließlich als Dichterin in Erinnerung.

"Ich sterbe am Leben und atme im Bilde wieder auf." 1912 formuliert Else Lasker-Schüler in ihrem Liebesroman "Mein Herz" diesen Satz - das Bild zeigt das vergrößerte Frontispiz des Buches, Lasker-Schüler als Fakir von Theben. Geboren 1869 in Elberfeld bei Wuppertal schafft sie sich gerne in imaginären Rollen jenes poetische Gegenbild zu ihrer von Schicksalsschlägen geprägten Biografie. Dabei blieb sie der Nachwelt fast ausschließlich als Dichterin in Erinnerung.

Zu Unrecht, wie die sehenswerte Ausstellung im Von der Heydt-Museum Wuppertal jetzt zeigt. Hier sind rund 200 Zeichnungen, Grafiken, Gemälde und Skulpturen zu sehen, die sie auch als Teil der bildnerischen Kunstavantgarde ihrer Zeit ausweisen. Die Tochter einer reichen jüdischen Bankiersfamilie verstand es, sich als eine der wenigen Frauen in diesem auch von starken Persönlichkeiten geprägten Umfeld Respekt zu verschaffen. Das spricht für ihr Selbstbewusstsein.

Ihr Umzug mit ihrem ersten Ehemann Jonathan Lasker 1894 nach Berlin bedeutete den Durchbruch. Hier wurde sie bald zum Bestandteil der literarischen und künstlerischen Bohème. Der Tod der Mutter und später des Vaters kam ihr wie "die Vertreibung aus dem Paradies" vor. In Gedichten und Zeichnungen rund um Tino von Bagdad schuf sie sich ein neues.

1903 wurde Lasker-Schülers Ehe geschieden. Im selben Jahr heiratete sie den Schriftseller Georg Lewin, dem sie sein Pseudonym Herwarth Walden vorschlug. Dessen expressionistische Zeitschrift "Der Sturm" verkündet ein neues, aus der Kraft der Kunst geborenes Menschengeschlecht. Lasker-Schüler publizierte dort etwa ihr Gedicht "Versöhnung", das von der Sehnsucht nach Überwindung religiöser und allgemein-menschlicher Schranken handelt. Hierauf reagierte Franz Marc mit einem gleichnamigen Holzschnitt.

"Versöhnung" war Ausgangspunkt eines intensiven künstlerischen Dialogs mit dem Künstler, mit dem Lasker-Schüler auch der Traum von exotisch-unberührter Ferne verband; dessen früher Tod auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs stürzt sie 1916 in eine tiefe Krise. Vom intensiven, durch Wort und Bild geprägten Briefwechsel der beiden Künstler sind in Wuppertal einige wundervolle Beispiele zu sehen.

Insgesamt zeigt die Wuppertaler Ausstellung, dass Lasker-Schüler von ihren Zeitgenossen sehr wohl nicht nur als Autorin verinnerlicht-verklärender Poesie, sondern auch als bildende Künstlerin wahrgenommen wurde: Im Bild ist Karl Schmidt-Rottluffs "Lesende" von 1912 zu sehen, das Else Lasker-Schüler zeigt.

Dies zeigt auch eine Benefizauktion für die nach der Trennung von Walden in Not geratene Lasker-Schüler 1913. Gemälde der beteiligten Künstler (hier Kirchner und Heckel) sind ebenfalls in Wuppertal zu sehen. Die Auktion im "Neuen Kunstsalon" in München war leider wenig erfolgreich.

Auf Josef Scharls Gemälde "Blinder Bettler im Café" (1927) ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit im Zentrum der Berliner Moderne ihrer Zeit im legendären "Café des Westens" zu sehen. Eine bedrohte Moderne: ein Kellner mit den Gesichtszügen Adolf Hitlers gibt mit seinen wegwerfenden Handbewegungen bereits eine Vorahnung davon, wohin Deutschland nach dem Niedergang der Weimarer Republik abgleiten wird.

Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich der Emigration Else Lasker-Schülers 1933 zunächst in die Schweiz, dann nach Palästina. Auch hier bleibt sie eine im Leben Entwurzelte, zwischen den Welten Getriebene: Der Schweiz bleibt die verarmte Dichterin suspekt, in Jerusalem wird sie nicht heimisch. Dort stirbt sie 1945 nach einem Herzanfall. Über den Tod des einzigen Sohnes 1927 war sie ohnehin nie hinweggekommen ("Prinz Jussuf von Theben", um 1934).

Lasker-Schülers letzte, 1943 in Jerusalem publizierte Gedichtsammlung "Mein blaues Klavier" widmet sie ihren "unvergesslichen Freunden und Freundinnen in den Städten Deutschlands – und denen, die wie ich vertrieben und nun zerstreut in der Welt, in Treue!" Mit der Umschlagzeichnung nimmt Else Lasker-Schüler als Prinz Jussuf mit Wehmut "Abschied von den Freunden". Auch die Ausstellung in Wuppertal beendet damit den biografischen Reigen.

Tatsächlich scheint ausgerechnet die Geburtsstadt Elberfeld zeitlebens ein gewisser Anker für Lasker-Schüler geblieben zu sein. Ein Elberfeld natürlich, das bereits im Drama "Die Wupper" (1909), das mit seinen Bildern das Elend einer untergehenden Epoche und zugleich die Hoffnung des Aufbruchs in eine neue Zeit markiert, eher verklärend daherkommt. Als – wenn auch durchaus sozialkritischer – Ausdruck des pochenden Lebens.

Im Großen und Ganzen hatten die Macher der Schau einige Mühe, das Werk Lasker-Schülers im Ausstellungskontext nicht untergehen zu lassen. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Dichterin nur Zeichnungen hinterließ, die von ihrer Größe gegen die Gemälde und Skulpturen klar abfallen. Aber das macht Lasker-Schüler durch die Präsenz ihrer ausdrucksstarken Bilder ein wenig wieder wett.

So ist die Wuppertaler Schau, die erste ihrer Art im Von der Heydt-Museum, eine echte, zudem durch Antje Birthälmer in bewährter Manier gewissenhaft und in den nicht immer einfach zu bespielenden Räumen des Museums kompositorisch klug aufbereitete Entdeckung. Auch kuratorisch ein Gedicht.

"Else Lasker-Schüler. Prinz Jussuf von Theben und die Avantgarde" ist noch bis zum 16. Februar 2020 im Von der Heydt-Museum Wuppertal zu sehen. Zur Ausstellung ist ein üppig bebilderter Katalog erschienen.

Stand: 03.10.2019, 09:00 Uhr