Malerei erzählen: Knausgård inszeniert Munch

Malerei erzählen: Knausgård inszeniert Munch

Von Thomas Köster

Karl Ove Knausgård ist der bedeutendste norwegische Schriftsteller der Gegenwart. In der Kunstsammlung NRW hat er mit Edvard Munch einen noch berühmteren Landsmann inszeniert. Und zeigt damit, dass man über Munch durchaus noch Überraschendes erzählen kann.

Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2019 (Ausstellungsansicht)

"Ein Buch ist ein Buch und ein Bild ist ein Bild." Mit diesem Bonmot versuchte Edvard Munch, sich von der erzählenden Malerei des 19. Jahrhunderts mit ihren biblischen Szenen und Historienschinken abzusetzen. Karl Ove Knausgård, der mit dem sechsbändigen autobiographischen Zyklus "Min Kamp" berühmt geworden ist, nähert sich Munch nun mit den Augen des Romanciers.

"Ein Buch ist ein Buch und ein Bild ist ein Bild." Mit diesem Bonmot versuchte Edvard Munch, sich von der erzählenden Malerei des 19. Jahrhunderts mit ihren biblischen Szenen und Historienschinken abzusetzen. Karl Ove Knausgård, der mit dem sechsbändigen autobiographischen Zyklus "Min Kamp" berühmt geworden ist, nähert sich Munch nun mit den Augen des Romanciers.

In vier thematisch ausgerichteten Räumen hat Knausgård die Bilder Munchs ohne Chronologie wie Kapitel eines Romans arrangiert - in eigenwilliger Hängung gänzlich unkonventionell und fast ohne die üblichen kuratorischen Standards. So kann man eintauchen in einen Klassiker der Kunstgeschichte, den man so noch nie gesehen hat ("Mittsommerabend", 1942).

Das erste Kapitel "Licht und Landschaft" präsentiert Küsten, Gärten und Szenen auf dem Feld ("Mädchen beim Blumengießen", 1904).

Im Anschluss zeigt der Raum "Der Wald" Ansichten einer Natur, die längst von den einsam und winzig darin herumtaumelnden Menschen Besitz ergriffen hat ("Frühling im Ulmenwald", 1923-1925).

"Chaos und Kraft" widmet sich den emotionalen und psychischen Antriebsfedern für Munchs Malerei ("Weinendes Mädchen", 1914).

Im Abschlusskapitel "Die Anderen" schließlich sind Bildnisse von Freunden und Weggefährten zu sehen, die zeigen, wie revolutionär der Maler auch im Bereich des Porträts agierte.

Über zwei Jahre lang hat Knausgård akribisch in dem vom Munch Museum Oslo verwalteten Nachlass des Malers und Grafikers geforscht und aus den weit über 1.000 Werken 140 Gemälde, Grafiken sowie Radierungen - und sogar eine Skulptur! - herausgesucht, die jetzt gezeigt werden. Hier ist er im Gespräch mit Museumsdirektorin Susanne Gaensheimer, die die Schau nach Düsseldorf geholt hat.

"Munchs große Begabung bestand in seiner Fähigkeit, nicht nur zu malen, was der Blick sah, sondern auch das, was in ihm lag", lautet die Quintessenz von Knausgårds intensiver Beschäftigung mit seinem Landsmann. "Die Kunst zu malen besteht darin, zu sehen - und dann den Abstand zwischen dem Gesehenen und dem Gemalten möglichst klein zu machen." In der Kunstsammlung NRW ist zu sehen, wie er das gemeint hat ("Parklandschaft", 1906).

Ikonen der modernen und symbolistischen Malerei wie "Das kranke Kind" (1885), "Melancholie" (1892) oder "Der Schrei" (1893) wird man in Düsseldorf dabei vergeblich suchen. Und das aus gutem Grund. Denn Knausgårds persönlicher Zugang hat den Anspruch, den "anderen Munch" zu präsentieren. Und tatsächlich ist ein Gutteil der gezeigten Gemälde und Grafiken zum ersten Mal öffentlich zu sehen.

Und auch nach kunstgeschichtlicher Relevanz hat Knausgård nicht gefragt. Ihm geht es um den emotionalen Zugang. Wie bei seiner ersten Begegnung mit einem Gemälde Munchs als Jugendlicher, die ihm laut eigener Aussage die Tränen in die Augen trieb ("Ludvig Meyers Kinder", 1894).

Dabei gelingt Knausgård Überraschendes. Wer hätte schon auf dem Schirm gehabt, dass die "emphatische Feier des Lebens" ein wichtiges Element auf Munchs Bildern ist. So wie beim Gemälde "Die Sonne", dass unmittelbar nach einer der vielen schweren Lebenskrisen des Malers entstand: "Dass er als Motiv die Sonne wählte, ist nachvollziehbar, denn wenn sie aufgeht, beginnt alles von vorn. Die Dunkelheit weicht, der Tag öffnet sich, die Welt wird wieder sichtbar."

Sogar Humor hat Knausgård beim angeblich doch immer ernsten Munch ausgemacht. So wirkt das Gemälde "Maler an der Hausfassade" (1942) wie ein ironischer Reflex auf das eigene Schaffen. Dementsprechend wirkt die Figur auch handwerklich ein wenig hingeschludert. Und ist doch gerade darin meisterhaft. Das Gemälde ist das jüngste der in der Schau gezeigten Werke. Munch starb zwei Jahre nach seiner Vollendung.

So kommen Geschichten hinter den Gemälden, die selbst ja nichts erzählen wollen, zum Vorschein. Und man selbst hat das Gefühl, dem Maler und seiner Denk- und Arbeitsweise ganz nah zu kommen. Und das nicht nur wegen der Spuren, die Wind und Wetter auf den recht achtlos in Munchs dachloser Scheune auf dem Altersitz in Ekely gelagerten Bildern hinterlassen haben. Auch sie erscheinen in einem neuen Licht ("Der Sturm: linkes Mittelfeld", 1926/27).

Denn ganz offensichtlich ging es Munch nicht um das Endprodukt, sondern um den Prozess der Malerei. Deshalb wirken viele der in Düsseldorf präsentierten Werke so skizzenhaft und roh. Unfertig wie das Subjekt, das die Malerei bespiegelt: "Das 'Ich' ist ein 'Work in Progress', es versteht sich selbst im Verhältnis zu den Erinnerungen, lebt sein Leben jedoch zwischen ihnen, in Stücken und Abschnitten, in Gegenwart und Vergangenheit, in Gefühlen und Gedanken", wie Knausgård das beschreibt ("Der Menschenberg: Zwei Grazien", 1927).

Dass die zunächst in Oslo gezeigte Ausstellung nun in Düsseldorf zu sehen ist, ist ein echter Glücksfall. Denn Munch, der in Deutschland seine ersten Erfolge und Skandale hatte, war gerade hier mit Ausstellungen erst in den 1960er-Jahren präsent. Mit der aktuellen Schau hat Düsseldorf die Chance brillant genutzt, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Und der, der mit Knausgårds Blick durch die Ausstellung wandert, wird tatsächlich überrascht sein. Denn so frisch, frei und lebensfroh, wie Munch sich hier präsentiert, hat man den Maler noch nie gesehen. Von daher ist es eigentlich unbegreiflich, dass Munch seinen Betrachtern über Jahrzehnte fast ausschließlich als jener düstre Zeitgenosse präsentiert wurde, der er offenbar keineswegs ausschließlich war ("Zwei Frauen unter dem Baum", 1919).

Worum geht es bei Munch? Um Gegenwart, sagt Knausgård. "Die Gegenwart eines Menschen, Gegenwart einer Landschaft, Gegenwart eines Raums, Gegenwart eines Baums. Und um die Gegenwart des Gemäldes, das den Menschen, die Landschaft, den Raum, den Baum hervorhebt." In diesem Sinn ist Munch in Düsseldorf präsenter denn je ("Selbstbildnis", vermutlich 1888).

"Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård" ist noch bis zum 1. März 2020 in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog mit Abbildungen der ausgestellten Werke und Texten des Schriftstellers, der hier Munchs "Kohlacker" von 1915 betrachtet, erschienen.

Parallel hierzu liegt nun auch die deutsche Übersetzung jenes Buches vor, das Knausgård anlässlich der ersten Ausstellung in Oslo geschrieben hat - rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, deren Gastland Norwegen ist. Poetischer und eindringlicher als hier ist über Munch wohl selten geschrieben worden.

Stand: 11.10.2019, 14:12 Uhr