Das Spielbein. "Die andere Hälfte" in Siegen

Das Spielbein. "Die andere Hälfte" in Siegen

Von Thomas Köster

Immer wieder macht das Siegener Museum für Gegenwartskunst durch die Sammlung seiner Rubenspreisträger von sich reden. Dabei hat seine jetzt neu präsentierte "Sammlung Gegenwartskunst" mindestens ebenso viel zu bieten.

Die andere Hälfte. Präsentation Sammlung Gegenwartskunst, Museum für Gegenwartskunst Siegen 2018 (Ausstellungsansicht)

Neben der auf Malerei ausgerichteten Sammlung Lambrecht-Schadeberg ist die Sammlung Gegenwartskunst das zweite Standbein des Siegener Museums. Dass diese "andere Hälfte" vielleicht sogar eher ein Spielbein ist, das viel experimenteller und freier funktioniert, zeigt nun die Neupräsentation (Nancy Holt, "Over the Hill", 1968/2012, links, Hans-Peter Feldmann, "Wolken", 2004, Mitte, Hans Haacke, "Blue Sail", 1964/2004, vorne).

Neben der auf Malerei ausgerichteten Sammlung Lambrecht-Schadeberg ist die Sammlung Gegenwartskunst das zweite Standbein des Siegener Museums. Dass diese "andere Hälfte" vielleicht sogar eher ein Spielbein ist, das viel experimenteller und freier funktioniert, zeigt nun die Neupräsentation (Nancy Holt, "Over the Hill", 1968/2012, links, Hans-Peter Feldmann, "Wolken", 2004, Mitte, Hans Haacke, "Blue Sail", 1964/2004, vorne).

Versammelt sind Nachkriegspositionen der Installation, Fotografie und Videokunst von rund 30 Künstlern, die einen schlaglichtartigen Querschnitt auf die vornehmlich deutsche, aber auch internationale Kunstproduktion der letzten 50 Jahre werfen. Erworben werden konnten sie wie die Sammlung Lambrecht-Schadeberg aus privaten Fördermitteln (Diango Hernández, "Museum der Schatten, 2009, Detail vom Aufbau).

Vielfältig und heterogen wirkt die Schau. Das hat den Grund, dass die Arbeiten vor allem der Gedanke des Konzeptionellen eint. Alle vertretenen Künstler haben ihre teils seriellen Pläne oft über Jahrzehnte verfolgt. Diango Hernández "Museum der Schatten" mit den Lichtabbildern von Fundstücken beruht auf einer traumatischen Kindheitserfahrung des kubanischen Künstlers.

Minimalismus ist hier ein ganz zentraler Gedanke. Wie bei Hubert Kiecols vielleicht von den Unendlichkeitszeichnungen M.C. Eschers inspirierter Miniatur "Treppe Central" (2010). Eine in Beton gegossene Gebrauchsform verwandelt er durch einen einfachen Kniff in eine Wandskulptur, die sich souverän über alle Alltäglichkeit hinwegsetzt.   

Ausgangspunkt für die Sammlung waren die seriellen Bilder von heimischen Fachwerkhäusern und Industrieanlagen des in Siegen geborenen Fotografen Bernd Becher und seiner Frau Hilla. In der aktuellen Schau sind sie aufs Schönste mit den aus Pappe und Plastikschrauben konstruierten Röhrensystemen "Vierkantrohre Serie DW" (1967) der Minimalistin Charlotte Posenske kombiniert.

Mit ihrer Arbeit an der Düsseldorfer Kunstakademie prägten Bernd und Hilla Becher eine ganze Generation von Fotografen, die deshalb ebenfalls Eingang in die Siegener Sammlung fanden – und trotzdem ganz eigene Wege gehen. Auf seinen Dschungelbildern etwa wendet sich Thomas Struth gerade dem unbändigen Chaos menschenlos gewachsener Natur zu. Und überlässt es dem Betrachter, nicht vorhandene Strukturen zu suchen.

Dem gegenüber widmet sich Simone Nieweg aus der zweiten Generation der Becher-Schüler der gezüchteten Natur der Vor- und Schrebergärten (hier "Wirsing, Steinhagen", 1990). Beeinflusst von der französischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, findet sie ihre visuellen Reize während stundenlanger Wanderungen auch auf den öden Äckern Europas.

Vielleicht am deutlichsten dem Becher-Vorbild verhaftet sind die architektonisch strengen, oft auf einen zentralen Fluchtpunkt hin ausgerichteten Architekturinszenierungen Candida Höfers, von denen in Siegen vier Beispiele aus den Bibliotheken und Palazzi Venedigs zu sehen sind. Höfer möchte den Betrachter einladen, "mit den Augen durch die Räume zu wandern". Dass diese Räume menschenleer sind, versteht sich bei einer Becher-Schülerin von selbst.

Lichtbildnerei im weitesten Sinne zeichnet viele der in Siegen versammelten Werke aus. Darauf weisen auch Michel Sauers verkleinerte "Diaprojektoren" hin - im Stil von in der Entstehungszeit der Skulpturen 1978 gebräuchlichen Apparate. Eine schwarze Kiste mit Linse und Leuchtquelle reicht aus, um ganze Räume mit gewaltigen Inszenierungen auszufüllen.

So wie der Düsseldorfer Künstler Mischa Kubal, der die Diaprojektoren seines "Kompressors" (1999-2005) 81 Porträts von bedeutenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und zentrale Werke der europäischen Architektur an die Wände (und auf Glasscheiben) projizieren lässt. So entsteht der Erinnerungsraum einer ganzen Epoche.

Demgegenüber versuchte der Zero-Künstler Otto Piene nach dem Grundsatz, dass "das Licht die Sphäre allen Lebens" sei, die engen Grenzen des Raumes mit seiner Dia-Installation zu sprengen. "Die Sonne kommt näher", lautet denn auch der Titel der Arbeit, die zwischen 1964 und 1966 entstand: die Prophezeiung einer apokalyptischen Ausdehnung ebenso wie die Verheißung einer lichtdurchfluteten Zukunft.

Mit seiner Mehrkanaldiaprojektion schlägt Piene den Bogen zu jenen rätselhaften Werken, die sich vor allem einer poetischen Weltsicht verschrieben haben. Dies gilt vor allem für die wundervollen Arbeiten des Georgiers Vajiko Chachkiani, dessen Basis oftmals Tauschobjekte sind. Für "Each Touch Oft he Fallen Ash" (2014) tauschte er die Schuhe eines Arbeiters gegen eine Videokamera, bevor er sie verbrannte.

Und in Chachkianis Wachsblock von "The Other Life" (2014) versteckt sich ein unbekanntes Objekt sowie Instruktionen, wie mit diesem Objekt nach der Zerstörung des Blocks verfahren werden soll. Ein wenig ist es wie mit der quantenoptischen Metapher von "Schrödingers Katze": Das Öffnen des Kästchens zerstört den Schwebezustand zwischen Fakt und Geheimnis.

"Die andere Hälfte. Präsentation Sammlung Gegenwartskunst" ist noch bis zum 25. Mai 2018 im Museum für Gegenwartskunst in Siegen zu sehen.

Stand: 11.03.2018, 06:00 Uhr