Merkels Kunstsammlung? "Deutschland ist keine Insel" in Bonn

Merkels Kunstsammlung? "Deutschland ist keine Insel" in Bonn

Von Thomas Köster

Kunst und Politik - wie reimt sich das zusammen? Die Bundeskunsthalle zeigt jetzt Werke, die zwischen 2012 und 2016 im Auftrag Deutschlands angekauft worden sind. Und die viele Überraschungen bringen.

Deutschland ist keine Insel, Bundeskunsthalle Bonn 2018 (Ausstelungsansicht)

Seit fast 50 Jahren kauft Deutschland Kunst. "Emblem für ein befreites Land" lautete 1970 der erste Titel für die später so genannte "Sammlung zeitgenössischer Kunst des Bundes", die inzwischen auf rund 1.600 Werke angewachsen ist. In der Bundeskunsthalle sind nun die Ankäufe von 2012 bis 2016 zu sehen (Saadane Afif, "Reading On 03 und 04", 2010).

Seit fast 50 Jahren kauft Deutschland Kunst. "Emblem für ein befreites Land" lautete 1970 der erste Titel für die später so genannte "Sammlung zeitgenössischer Kunst des Bundes", die inzwischen auf rund 1.600 Werke angewachsen ist. In der Bundeskunsthalle sind nun die Ankäufe von 2012 bis 2016 zu sehen (Saadane Afif, "Reading On 03 und 04", 2010).

Die Werke der Sammlung werden auf Empfehlung einer Kommission angekauft, die jeweils für fünf Jahre agieren darf. Für den Ausstellungszeitraum waren unter anderem auch Stephan Berg vom Kunstmuseum Bonn und Susanne Gaensheimer von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen für die Auswahl verantwortlich (Antje Majewski, "Miao Shan", 2010, links, und Teil der Serie "Museum in der Garage", 2013).

In "Deutschland ist keine Insel" sind rund 150 Gemälde, Fotografien, Skulpturen, Video- und Audioarbeiten von 81 Künstlern versammelt – und damit bis auf wenige Ausnahmen fast der gesamte Ankauffundus (Carsten Fock, "Ohne Titel (Berghof I und II), 2013)".

Anfangs habe die kulturelle Selbstdarstellung der noch jungen Bundesrepublik im Zentrum der Ankaufphilosophie gestanden, sagt die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Monika Grütters (CDU). Inzwischen habe die "kulturpolitische Absicht an Gewicht gewonnen, vor allem jüngere Künstlerinnen und Künstler individuell zu fördern" (David Zink Yi, "Neusilber", 2009).

"Die Fülle und Vielfalt ästhetischer Positionen deutscher und in Deutschland lebender Künstlerinnen und Künstler" soll die Sammlung des Bundes laut Grütters repräsentieren. Wenn man sich allein die in der Bundeskunsthalle jetzt ausgestellten Ankäufe anschaut, muss man sagen, dass dies ganz gut gelungen ist (Jeronimo Voss, "Höch mit Brille", 2012).

Vor allem zeigt sich das gute Händchen der Ankaufskommission, die in insgesamt 15 gemeinsamen Sitzungen über 170 Arbeiten für rund 1,7 Millionen Euro ausgewählt hat. So mancher inzwischen große Name findet sich in der Schau. Wie Anne Imhof, die 2017 für ihre Gestaltung des deutschen Pavillons den Goldenen Löwen bei der Biennale von Venedig bekam ("Red Ocean" und "Ocean II", 2015).

Oder wie der Documenta-14-Teilnehmer Olaf Holzapfel, der sich auf der Grundlage weltumspannender Reisen mit der Frage unterschiedlichster Organisationsformen von Räumlichkeit und Behausungen befasst – und dabei traditionelle Fertigungstechniken etwa der südamerikanischen Wichi neben industrielle Produktionen stellt.

"Welche Kunstwerke nehmen in besonderem Maße auf unsere Gesellschaft Bezug?" ist nach Auskunft der Ausstellungsmacher die Grundfrage hinter der Ankaufpolitik gewesen. Herausgekommen ist laut Museumsdirektor Rein Wolfs der Versuch, "den multikulturellen Ort Deutschland – einen Ort, an dem alle willkommen sind – zu beschreiben" (Matti Braun, "Ohne Titel", 2008)

Hier liegt natürlich ein gewisses Manko der Sammlung, das sich – bei aller Unabhängigkeit der Jury – nahezu zwangsläufig aus der Verknüpfung von Kunst und Politik ergibt: Es ist sehr wenig explizit Gesellschaftskritisches zu sehen – oder wenn, dann ist dieses Kritische eher ästhetisch übertüncht (Flaka Mati, "Tshego", links, und "Abigail", 2016).

Wie die bei Kadar Attias mit Spiegelsplittern überzogene (und hier noch nicht platzierte) Maske der Dogon von 2013, die das Trendthema "kulturelle Aneignung" ebenso reflektiert wie (modernen) Kolonialismus oder den eurozentrischen Blick auf die Kunst. Aber das ist natürlich eher eine globale Perspektive.

Dabei kann man einfach auch nur zeigen, was ist. Wie der 1973 in Wuppertal geborene Fotograf Tobias Zielony, der in seiner Serie "Jenny, Jenny" von 2013, die aus einer Zufallsbegegnung mit einer jugendlichen Prostituierten am Berliner Straßenstrich entstand. Und die die verlorenen Sehnsüchte und Träume einer ganzen Generation dokumentiert.

Direkte Werke wie die von Zielony bilden in der Bonner Schau eher die Ausnahme – auch wenn sie, etwa mit Referenz auf die "Flüchtlingskrise", durchaus zu finden sind. Und trotzdem gibt die Schau einen (wenn auch zwangsläufig ausschnitthaften) Überblick über das, was in Deutschland aktuell an herausragender Kunst produziert wird. Und das ist ja schon eine ganze Menge (Erik van Lishout, "Ohne Titel (The Island)", 2015, Detail).

"Deutschland ist keine Insel. Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland. Ankäufe von 2012 bis 2016" ist noch bis zum 27. Mai 2018 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein üppiger Katalog erschienen, der alle Ankäufe im Bild festhält (Thomas Zipp, "F.R.O. #7", 2013, Detail).

Stand: 07.03.2018, 10:33 Uhr