"Der Wilde schlägt zurück" in Köln

"Der Wilde schlägt zurück" in Köln

Von Thomas Köster

Eine kleine Ausstellung zeigt jetzt, wie satirisch die Künstler Afrikas, Asiens und Südamerikas auf die Kolonisatoren aus Europa blickten. In Zeiten eines neuen Nationalismus eine erfrischende und aktuelle Perspektive.

Der Wilde schlägt zurück. Kolonialzeitliche Europäerdarstellungen, Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln 2018 (Ausstellungsansicht)

"Der Amerikaner, der den Kolumbus als erster entdeckte, machte eine böse Entdeckung", notierte schon Georg Christoph Lichtenberg in seinen "Sudelbüchern". Manchmal muss man nur die Perspektive wechseln, und die ganze eurozentristische Geschichte des globalen Kolonialismus bekommt einen völlig anderen Zungenschlag (Schiffsmodell eines unbekannter Künstlers, Nikobaren, Anfang des 19. Jahrhunderts).

"Der Amerikaner, der den Kolumbus als erster entdeckte, machte eine böse Entdeckung", notierte schon Georg Christoph Lichtenberg in seinen "Sudelbüchern". Manchmal muss man nur die Perspektive wechseln, und die ganze eurozentristische Geschichte des globalen Kolonialismus bekommt einen völlig anderen Zungenschlag (Schiffsmodell eines unbekannter Künstlers, Nikobaren, Anfang des 19. Jahrhunderts).

Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum hat jetzt die Perspektive gewechselt. Präsentiert werden 15 kleine Darstellungen europäischer Soldaten, Missionare, Händler, Siedler und Kolonialbeamter aus der Sicht indigenen Künstlern aus Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika. Bezeichnenderweise schlummerten sie bislang im Archiv und sind jetzt erstmals zu sehen ("Händler", unbekannter Künstler, Yoruba, Republik Benin, Westafrika, um 1900).

Gesammelt wurden die Exponate zum Großteil vom ehemaligen Direktor des Museums, Julius Lips, einer ebenso wehrhaften wie schillernden Persönlichkeit. Von den Nationalsozialisten entmachtet, emigrierte Lips 1934 über Paris in die USA. Hier verfasste er sein antifaschistisches Buch "The Savage Hits Back or The White Man through Native Eyes", das der Ausstellung den Titel gab.

Nicht frei von Überheblichkeit und Fehlinterpretationen, aber klar gegen die Rassenlehre der Nazis argumentierend, entwarf Lipp in seinem Buch das Bild einer keineswegs naiven Kunst, die versuchte, mit satirischen Mitteln auf die Kolonisatoren zu reagieren. Wer die Ausstellung durchwandert, kann das nachvollziehen (Reliefplatte eines Portugiesen im Palast des Oba aus Bronze, unbekannter Künstler, Edo, Nigeria, Westafrika, 15. bis 17. Jahrhundert).

Wie die Ausstellung zeigt, wurden vor allem die europäischen Invasoren zu Sinnbildern für die Gräuel der Fremdherrschaft. Vor allem brachten sie neue Formen der Disziplin und des militärischem Drills. Davon zeugt dieses humoristische Porträt von König Albert I. mit einer strengen Lehrerin, die vermutlich in einer Missionsschule im westafrikanischen Benin entstanden.

Laut Julius Lips könnte diese Skulptur von einem Herrscherdenkmal des britischen Königs Edward VII. inspiriert sein. Vielleicht firmierte sie als Schreckfigur, mit denen die Bewohner der indischen Nikobaren Krankheiten schon an der Türschwelle abwehren wollten. So oder so stürzte sie der Künstler vom Sockel und instrumentalisierte ihre Autorität.

Bisweilen blüht dieser satirische Blick auf die merkwürdigen Herrschenden eher im Verborgenen. Wie bei dieser Holzskulptur eines unbekannten Yoruba-Künstlers aus Nigeria, die um 1900 entstand. Oberflächlich betrachtet scheint es sich hier um ein respektvolles Porträt einer leicht verkrampften Königin Victoria zu handeln. Wer die Skulptur aber hochhob …

… konnte der Urmutter des viktorianischen Zeitalters, die für die Expansion des British Empire ebenso steht wie für eine gewisse Prüderie, buchstäblich unter ihre ausladenden Reifröcke schauen. Für eine Zeit, in der nackte Frauenbeine als Ausbund an Frivolität galten, ein ziemlich subversiver Akt.

Überhaupt erschienen offenbar gerade die europäischen, in Korsetts verschnürten Frauen ihren Geschlechtsgenossinnen besonders exotisch und bizarr. So wohl auch jene Töpferin in der britischen Kolonie Guayana, von der Wilhelm Joest dieses Exponat auf seiner Südamerika-Reise 1889/90 erwarb. Aus dieser Frauengestalt wird dank der Kleidung ein nützliches Gefäß.

Kunstgeschichtlich illustriert die Schau, wie die indigenen Schnitzer, Töpfer und Gießer traditionelle und kolonisatorische Techniken mit Produkten verknüpften, die ihrerseits für den europäischen Markt bestimmt waren. Das galt vor allem für beschnitztes Elfenbein, für das sich seit den 1860er Jahren entlang der zentralafrikanischen Küste eine rege Nachfrage entwickelte. Dieser Stab zeigt mit europäischem Realismus das damalige Leben.

Zum didaktischen Konzept der Ausstellung gehört es, zusätzliche Informationen auf Tafeln in Holzkästen anzubieten. Das ist im Hinblick auf die gezeigten Skulpturen überaus nützlich. Vor allem aber erlaubt es der Ausstellung auch, auf Exponate einzugehen, die gar nicht zu sehen sind ...

... die Thesen der Schau aber trotzdem stützen. Wie beim Yoruba-Schnitzer Thomas Onajeje Odulate, einem der wenigen mit Namen bekannten Künstler der Schau, der von der britischen Regierung für seine Tätigkeit ein Gehalt bekam. Von Odulate wird ein englischer Soldat gezeigt. Dieser merkwürdigerweise "Paare beim Diner" genannte Ausflügler ist aber ungleich hübscher.

Stand: 15.03.2018, 09:00 Uhr