Puder, Farbe, Sexappeal. "Der flexible Plan" in Leverkusen

Puder, Farbe, Sexappeal. "Der flexible Plan" in Leverkusen

Von Thomas Köster

Das Museum Morsbroich macht sich wieder selbst zur Bühne. In "Der flexible Plan" thematisiert das Lustschloss die Epoche des Rokoko, in der es entstand. Natürlich mit Gegenwartskunst. Ironisch gebrochen. Und trotzdem mit viel Puder, Pomp und Spaß am Inszenieren.

Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwartskunst, Museum Morsbroich, Leverkusen 2018 (Ausstellungsansicht)

Wie viel Rokoko steckt noch in unserer Zeit und ihrer Kunst? Die Kuratorinnen Stefanie Kreuzer und Heike van den Valentyn machen mit der Ausstellung in Leverkusen die Probe aufs Exempel. 17 zeitgenössische Positionen haben sie versammelt und mit den stuckverzierten Räumen des Museums in Dialog treten lassen (Anke Eilergerhard, "Annastasia", "Annalotta", "Annabeth", 2018).

Wie viel Rokoko steckt noch in unserer Zeit und ihrer Kunst? Die Kuratorinnen Stefanie Kreuzer und Heike van den Valentyn machen mit der Ausstellung in Leverkusen die Probe aufs Exempel. 17 zeitgenössische Positionen haben sie versammelt und mit den stuckverzierten Räumen des Museums in Dialog treten lassen (Anke Eilergerhard, "Annastasia", "Annalotta", "Annabeth", 2018).

Als Entrée erwartet den Besucher dementsprechend die raumgreifende Tuchskulptur "Story of a Sensible Length" (2014) von Karla Black aus halbtransparenten Folien. Black hat die filigran wirkende Haut des Materials rosa und blau überpudert. Und verweist damit auf eine Methode, die die Damen und Herren des 18. Jahrhunderts bei Hofe recht blass aussehen (aber besser riechen) ließ.

Auf Egon Friedells abfällige Bezeichnung der Epoche als "Tapezierstil" zielt Anri Salas "All of a Tremble" (Encounter I)" (2016/2017). Der albanische Künstler lässt ein florales und ein abstraktes Muster aufeinandertreffen. Und macht aus der Tapetendruckrolle und einem Stahlkamm eine Spieluhr, deren Töne das ganze Untergeschoss durchziehen.

Der Name der Stilrichtung, die von Versailles aus zwischen 1720 und 1780 das adelige Leben verfeinerte, rührt vom französischen Wort für Muschelwerk ("Rocaille") her. Daran erinnert Alice Channer mit ihren Schalen von Seespinnen und Taschenkrebsen. Allerdings sind sie industriell vakuum-metallisiert. In diesem Arrangement sieht ausgerechnet die einzige naturbelassene Form recht künstlich aus.

Grundsätzlich ist das Verhältnis zum Rokoko in den gezeigten Werken eher auch ironisch gebrochen. Buchstäblich demonstrieren dies die Porzellanskulpturen von Rachel Kneebone, bei denen Risse zum Grundkonzept gehören. Die Figuren mit ihren herausragenden Frauenbeinen sind so filigran, dass sie nur auf ihrem eigenen Sockel transportiert werden können.

Schwingende Frauenbeine sind ein Stilmittel des Rokoko. Etwa auf Jean-Honoré Fragonards berühmtem Gemälde "Die Schaukel" (1767), bei dem die Dame dem Galan einen Blick unter ihren Rock gewährt. Dem gegenüber gibt sich Markus Schinwalds "Solange" (2005) eher erdschwer und wenig schwungvoll trotz kleinem Motor.

Das heiter beschwingte, beinige, rocklüpfende des Rokoko findet sich bei den Figuren Pia Stadtbäumers wieder, die den galanten Szenen der Epoche "Weitere galante Szenen" (2006/2010) hinzufügt. Da findet sich sogar ein adeliger Luftgitarrenspieler (links). Und eben auch viel nackte Haut.

In "Im Walde der Tiger" (Barbara)" (2008/2009) treibt Stadtbäumer den Aspekt der unverhüllt verhüllten Frivolität auf die Spitze. Hier lüpft die Protagonistin ihren Rüschenrock. Was sie darunter trägt, sieht der Besucher im Schwarz einer glatt polierten Spiegelplatte.

Bei aller Erotik scheinen die Skulpturen Stadtbäumers doch eher mit sich selbst zu spielen. Die Introspektion ist auch ein Markenzeichen des Rokoko. Darauf deuten die Büsten der Verschleierten in Thierry Boutemys violett-grauem floristischen Arrangement "Vergiss nicht Vergissmeinnicht" (2018).

Boutemy ist ein Fachmann für die Zeit: 2006 stattete der Belgier Sofia Coppolas Film "Marie Antoinette" mit Mode aus. Zur melancholischen Seite setzt Boutemy im zweiten von ihm bespielten Kabinettraum des Schlosses deshalb einen bunten Kontrapunkt aus Federn und Gräsern in Pudertönen, dessen Üppigkeit sich hier selbst bespiegelt ("Reichtum", 2018).

Überhaupt, die heitere Farbigkeit des Rokoko. Mit ihr lassen sich selbst die besprühten Skulpturen von Katharina Grosse auf die Epoche beziehen. "Die ins Räumliche erweiterte Malerei sowie ihre atmosphärische Inszenierung verbindet die Arbeit mit Innenraumkonzepten des Rokoko", sagen die Macher.

Vor allem aber verbergen sich unter der Oberfläche Ab-, nein, besser: Untergründe, die man so nicht erwartet hätte. Das Trägermaterial von "o.T. (Cut Q)" (2018) erinnert an geschnittenes Styropor. Ist aber Bronze. (Im Hintergrund: Grosses Gemälde "O.T., 1002L" von 2002 aus den Beständen des Museums.)

Die Farbe, die heitere Oberflächlichkeit und die dahinter (vielleicht) verborgene Melancholie: Glen Brown hat den Dreiklang in "Shallow End" (2011) das Zitat eines Gemäldes von Fragonard ins Bild gesetzt. Den Betrachter schaut der Porträtierte aus leeren Augenhöhlen an. Sein Gesicht zerläuft wie eine überhitzte Plastikmaske.

Und dann überschneidet sich das Rokoko zeitlich ja auch noch mit der Aufklärung und ihrem Gedanken, Wissen enzyklopädisch zu horten, zu katalogisieren und zu werten. In diesem Sinn bringt Jeppe Heins "Enlightment A-E" (2002) Licht ins Dunkel. Allzu nah sollte man der Wahrheit, sprich: dem Leuchtkörper aber nicht kommen. Dann erlischt er nämlich.

Klar: Das Rokoko lässt sich nicht verdoppeln wie die Figuren und Motive auf Cornelia Badelitas Übermalung einer chinesischen Gemäldekopie aus dem 16. Jahrhundert ("Exercitiju #2", 2015). Aber spielen kann man mit dem Gedanken schon. Und den ein oder anderen Bezug zur Gegenwart gibt es auch.

"Der flexible Plan. Das Rokoko in der Gegenwartskunst" ist noch bis zum 6. Januar 2019 in Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen. Unbedingt hingehen und mitspielen. Rokokosche Langeweile ausgeschlossen (Alexej Koschkarow, "Beutekunst", 2005, Detail).

Stand: 28.09.2018, 14:56 Uhr