Berechnende Frauen. "Computer Grrrls" in Dortmund

Berechnende Frauen. "Computer Grrrls" in Dortmund

Von Thomas Köster

Sie erfanden den Algorithmus, entschlüsselten den Code der Nazis und machten die Mondlandung möglich. Warum also spielen Frauen in der Informatik heute keine Rolle mehr? Eine Ausstellung im Dortmunder U geht dieser Frage nach. Mit zeitgenössischer Kunst.

"Computer Grrrls, HMKV, Dortmund 2018 (Ausstellungsansicht)

Lange Zeit war Rechnen und Vernetzen Frauenarbeit. Die "Bletchley Girls", "Rocket Girls" oder "ENIAC Girls" berechneten Kometenbahnen, kalkulierten ballistische Kurven oder steckten als Fräulein vom Amt Verbindungen (Caroline Martel, "Das Phantom der Telefonistin", 2004).

Lange Zeit war Rechnen und Vernetzen Frauenarbeit. Die "Bletchley Girls", "Rocket Girls" oder "ENIAC Girls" berechneten Kometenbahnen, kalkulierten ballistische Kurven oder steckten als Fräulein vom Amt Verbindungen (Caroline Martel, "Das Phantom der Telefonistin", 2004).

Früher "trugen Computer Kleider", hat deshalb die ehemalige NASA-Mathematikerin Katherine Johnson einmal gesagt. Heute ist die Informatik Männerdomäne. Offenbar muss die Kunst die Lücke schließen und zeigen, wie Frauen die digitale Entwicklung heute sehen (Simone C. Niquille, "The Fragility of Life", 2017).

"Computer Grrrls" im Hartware Medienkunstverein (HMKV) im Dortmunder U versammelt deshalb 23 künstlerische Positionen von 26 Künstlerinnen aus 16 Ländern, die sich zwischen Technikkult und Digitalkritik bewegen (Darsha Hewitt, "A Side Man 5000 Adventure", 2015).

So ist es auch bei Elisabeth Caravellas Video "Howto", das sich mit der Welt der DIY-Tutorials im Internet beschäftigt - und sich nach Auskunft der Künstlerin ausschließlich diesen Tutorials verdankt. Hier treibt ein gespenstischer Bug sein Unwesen, der die Vorführung torpediert.

Zach Blas und Jemima Wyman erinnern an den Microsoft Chatbot Tay, der 2016 aus Gesprächen via Twitter jugendliches Verhalten erlernen sollte, dann aber von Trollen mit rassistischem, sexistischem und homophobem Vokabular gefüttert wurde. Nach 16 Stunden zog Microsoft die KI-Dame aus dem Verkehr.

Der Titel von "Computer Grrrls" ist an die Manifeste von feministischen High-Tech-Gruppen wie den "Riot Grrrls" angelehnt, die dafür plädieren, die Informatik und die digitale Welt um eine weiblichere Perspektive zu bereichern. 23 davon sind in Dortmund zu sehen.

"Uns geht es um den Link zwischen Frauen und Computern", sagt Kuratorin Inke Arns. Eigentlich geht es aber um eine Art Missing Link. Denn wer die Ausstellung gesehen hat, kann nur verwundert den Kopf darüber schütteln, warum sich die digitale Evolution - nicht zuletzt durch die Vermarktung des PCs als Männerspielzeug - geschlechtlich derart vereinseitigt hat (Elisa Giardina Papa, "Technologies of Care", 2016).

So erinnert Aleksandra Domanovic mit ihrer Arbeit "Vukosava" aus dem 3D-Drucker an die "Belgrader Hand" der serbischen Wissenschaftlerin Rajko Tomovic: die erste mit fünf Fingern ausgestattete künstliche Hand der Welt.

Überhaupt spielt der 3D-Drucker, der ja auch auf den Vorarbeiten von Frauen im Bereich der Kybernetik und multimedialen Virtual Reality gründet, in "Computer Grrrls" eine wichtige Rolle. Die Iranerin Morehshin Allahyari lässt damit - und in HD-Videos - Mythen ihrer Heimat wieder auferstehen.

Dem gegenüber verweist das Projekt "NeuroSpeculative AfroFeminism" des Studios Hyho-Labs auf Accessoires "zur Lösung von Problemen, die schwarzen Frauen im Alltag begegnen" und die mit Überwachung und dem Ende von Intimität und Anonymität im öffentlichen Raum zu tun haben. Vom Schal gegen Gesichtserkennung bis zum Kamera-Ohrclip ist alles dabei.

Dasha Ilina bietet in ihrer Scheinfirma "Zentrum für technologische Schmerzen" Objekte an, die die gesundheitlichen Probleme lösen können, die durch Smartphones und Laptops hervorgerufen werden: absurde Low-Tech-Gimmicks zum Nachbasteln, ...

... die trotz ihrer vermeintlich banalen Art einen ungeheuer poetischen Zauber haben.

Besonders schön ist in diesem Zusammenhang eine Timeline, mit deren 200 Einträgen "Computer Grrrls" die Geschichte berechnender Weiblichkeit seit dem 18. Jahrhundert nachzeichnet. Ada Lovelaces erster für den Computer entworfener Algorithmus (1843) ist dort ebenso dokumentiert ...

... wie die Verdienste von Margaret Hamilton. Auf dem entsprechenden Bild steht sie neben dem Papierstapel mit Ausdrucken der von ihr und ihrem Team am MIT in Cambridge entwickelten Apollo Flugsoftware, die den Abbruch der Mondlandung 1969 verhinderte.

"Computer Grrrls" ist noch bis zum 24. Februar 2019 im Hartware Medienkunstverein (HMKV) im Dortmunder U zu sehen (Mary Maggic, "Housewives Making Drugs", 2017).

Wer schon mal da ist, sollte sich natürlich auch die große Pink-Floyd-Ausstellung in den Stockwerken darunter nicht entgehen lassen. "The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains" läuft noch bis zum 10. Februar 2019.

Stand: 26.10.2018, 11:58 Uhr