Dom aus Gras. Christiane Löhr in Wuppertal

Dom aus Gras. Christiane Löhr in Wuppertal

Von Thomas Köster

Monde aus Pusteblumen, Kuppeln aus Grasstengeln und Flechtröhren aus Pferdehaar: Christiane Löhr schafft aus Natur neue Welten. Im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden kann man das bestaunen.

Christiane Löhr

"Im Grunde arbeite ich an den klassischen Themen der Bildhauerei", sagt Christiane Löhr, hier in ihrem Kölner Atelier. Volumen, Größe, Abstand, Leere, Fülle: Das seien die Probleme, die sie interessierten. Allerdings beschäftigt sich Löhr nicht mit Marmor, Bronze oder Stahl, sondern mit Distelsamen, Pusteblumen, Grasstengeln und Pferdehaar.

"Im Grunde arbeite ich an den klassischen Themen der Bildhauerei", sagt Christiane Löhr, hier in ihrem Kölner Atelier. Volumen, Größe, Abstand, Leere, Fülle: Das seien die Probleme, die sie interessierten. Allerdings beschäftigt sich Löhr nicht mit Marmor, Bronze oder Stahl, sondern mit Distelsamen, Pusteblumen, Grasstengeln und Pferdehaar.

Knapp 20 von Löhrs filigranen Skulpturen sind jetzt in einer der beiden Ausstellungshallen von Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zu sehen. Werke, die sich das Kleben der Kletten oder das Zusammenballen der Distelsamen zu Eigen machen, um daraus wieder etwas ganz anders zu formen ("Klettenröhre", 2001).

Denn Löhr ist nicht daran interessiert, die Welt in einem Verfahren des künstlerischen Naturalismus nachzuahmen. Sie folgt der Logik des Bausteins, um daraus Architekturen zu komponieren, die sich vom Natürlichen entfernen und, auf die Eigenschaften des Ausgangsmaterials aufbauend, nach ganz eigenen Gesetzen funktionieren.

"Wenn ich in den Wald gehe und eine Arbeit pflücke, nehme ich sie aus dem Kreislauf des Werdens und Vergehens", sagt Löhr. Mindestens zwei Tage lässt sie ihre Materialien im Atelier trocknen, dann sind sie reif für die künstlerische Zeitlosigkeit. Die in Wuppertal gezeigten Werke wurden zum Großteil speziell für die Ausstellung in Wuppertal geschaffen.

Und zum Teil sogar erst vor Ort im Skulpturenpark Waldfrieden hergestellt. Wie eine Flechtskulptur aus Pferdehaar, die meterhoch zur Decke wächst. Oder wie diese "Samenwolke" (2018), die mit zwei anderen Arbeiten die hintere Wand dominiert. „Mir geht es ja immer auch darum, den Raum in den Griff zu bekommen“, sagt Löhr.

"Attrazione" heißt die Schau der Künstlerin, die auch in Italien ein Atelier besitzt. Wobei sich die im Titel imaginierte "Anziehung" zwischen dem Ausstellungsraum und den Objekten ebenso entwickeln soll wie zwischen den Exponaten und ihrem Betrachter. In Wuppertal ist dies auf überaus eindrückliche Art und Weise gelungen ("Kleiner Zylinder (Neuner)", 2017).

Außer den vorgefundenen Materialien verwendet Löhr nichts, nicht einmal Kleber. Die in Wuppertal ausgestellten, an die Wand gehefteten oder in ihre Sockel gesteckten Objekte sind also genauso zerbrechlich, wie sie erscheinen. Umso schöner, dass Löhr im Skulpturenpark darauf verzichtet hat, sie durch Glasstürze zu schützen ("Tempel", 2018).

"Alles ist sehr einfach und bodenständig", sagt Löhr. "Bei mir gibt es keine Tricks, und wenn man genau hinsieht, kann man sogar den Prozess sehen, nach dem ich gearbeitet habe." Bei Löhr ist alles Handarbeit, selbst Pinzetten kommen selten zum Einsatz. "So, wie man es sieht, ist es passiert."

Selbst die Titel verklären nichts, sondern sind nur dazu da, den unglaublich präsenten Arbeiten "eine Identität zu geben". Der "Kleinen Kuppel" (2017) etwa, die der Natur eine ganz eigene Architektur wie ein zweites Kleid überzieht.

Nach einem strengen Grundplan geschaffen, entfalten Löhrs Werke ihre Wirkung, die sich gerade in diesem Oszillieren zwischen Nähe und Distanz, Struktur und Freiheit, natürlichem Impuls und künstlerischer Aneignung vollzieht. Dass das Licht in Wuppertal über die Exponate wandert und so zusätzliche Stimmungen erzeugt, ist ein schöner Nebeneffekt ("Gelbes Pentagon", 2017).

"Weichheit" hat Jannis Kounellis, dessen Meisterschülerin Löhr war, diesen permanenten Übergang im Werk der Künstlerin genannt. Und tatsächlich kommt man hier nur mit Metaphern weiter. Wären die Werke Löhrs nicht Skulptur-Texturen, dann wären sie Gedichte ("Kleine Haarsäule", 2018).

Mit Kounellis verbindet Löhr die Meisterschaft, vermeintlich "arme" Materialien zu lyrischer Größe zu treiben. In ihrer Konsequenz ist sie dabei vielleicht noch ein wenig radikaler als der 2017 verstorbene griechische Meister der "arte povera". Dass das geht – und wie das geht –, kann man jetzt in Wuppertal bestaunen.

Wer noch etwas Zeit hat, der sollte mit seinem Besuch noch bis zum April warten. Ab da bespielt Markus Lüpertz den zweiten Ausstellungspavillon des Skulpturenpark Waldfrieden mit seinen selten gezeigten Gipsskulpturen. Einen größeren Gegensatz als zwischen Lüpertz' großer wilder Geste und Löhrs mindestens ebenso großer Bescheidenheit kann man sich kaum vorstellen.

"Christiane Löhr. Attrazione" ist noch bis zum 1. Juli 2018 im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zu sehen. Danach werden die filigranen Skulpturen aus ihren Sockeln gezogen …

… vorsichtig mit Knetfüßen versehen und zurück ins Atelier nach Köln verbracht …

… wo sie, sorgsam verpackt und gut verklebt in eigens hierfür gezimmerten Kisten darauf warten, zur nächsten Ausstellung verfrachtet zu werden. Und davon hat Christiane Löhr, vor allem international, eine ganze Menge.

Stand: 02.03.2018, 09:00 Uhr