Bizarre Biester: Lynn Chadwick in Duisburg

Bizarre Biester: Lynn Chadwick in Duisburg

Von Thomas Köster

Lynn Chadwick war einer der bedeutendsten britischen Bildhauer der Nachkriegszeit. Sein Werk hat auch uns noch viel zu sagen. Das zeigt jetzt die erste Retrospektive in Deutschland im Museum Lehmbruck.

Lynn Chadwick, Biester der Zeit, Lehmbruck Museum, Duisburg 2020 (Ausstellungsansicht)

"Es scheint mir, dass Kunst die Manifestation einer lebenswichtigen Kraft sein muss, die aus der Dunkelheit kommt, von der Vorstellungskraft erfasst und von den Fähigkeiten des Künstlers übersetzt wird", sagte Lynn Chadwick 1954. "Der Intellekt allein ist noch zu unbeholfen, um sie zu begreifen." Unter diesem Motto hat der britische Bildhauer - hier vor seinem Anwesen, dem neugotischen Herrenhaus Lypiatt Park westlich von London - ein ungemein phantasievolles Werk geschaffen. Es atmet den künstlerischen Zeitgeist und wirkt auch heute immer noch modern.

"Es scheint mir, dass Kunst die Manifestation einer lebenswichtigen Kraft sein muss, die aus der Dunkelheit kommt, von der Vorstellungskraft erfasst und von den Fähigkeiten des Künstlers übersetzt wird", sagte Lynn Chadwick 1954. "Der Intellekt allein ist noch zu unbeholfen, um sie zu begreifen." Unter diesem Motto hat der britische Bildhauer - hier vor seinem Anwesen, dem neugotischen Herrenhaus Lypiatt Park westlich von London - ein ungemein phantasievolles Werk geschaffen. Es atmet den künstlerischen Zeitgeist und wirkt auch heute immer noch modern.

Knapp 1.000 Skulpturen hat Chadwick in seinem Leben geschaffen. Es sind hybride Tier-Mensch-Wesen mit architektonisch strukturierten Oberflächen, die in über 100 Einzelausstellungen zu sehen waren: Zeichen der immensen Popularität, die Chadwick von Anfang an genoss, Zeugnis aber auch von seinem Einfluss auf die Bildhauerei der Nachkriegsmoderne. Im Lehmbruck Museum sind rund 70 Arbeiten Chadwicks zu sehen. ("Stranger III", 1959)

Wie bekannt Chadwick schon in relativ jungen Jahren war, spiegelt sich auch in dem Umstand, dass der 41-Jährige als jüngster Bildhauer den Internationalen Preis für Skulptur auf der 28. Biennale in Venedig 1956 gewann - dabei waren weitaus renommiertere Kollegen wie Alberto Giacometti oder Germaine Richier mit im Rennen.

"Biester der Zeit" hat Chadwick einen Teil seiner Skulpturen genannt. Und das trifft es sehr gut. Einerseits leben sie in ihrem Rekurs aus traumatisierender Kriegserfahrung im Mix mit einer hoffnungsvollen Utopie ganz im Moment ihrer Entstehung. ("Teddy Boy and Girl", 1955)

Und doch haben die "Biester der Zeit" zusammen mit den anderen beiden Werkgruppen "Figuren" und "Mond" für den Betrachter einen originellen, seltsam frischen Reiz. ("Beast VII", 1956)

Dieses seltsame Changieren zwischen zeitgenössischer Erdung und himmelsstürmender Innovation zeigt sich unter anderem in Chadwicks Mobiles, von denen in Duisburg auch eines von 1952 von der Decke schwebt. Da ist viel Alexander Calder dabei, der ebenso wie Chadwick 1955 und 1959 an der documenta in Kassel teilnahm. Aber in der skeletthaften Schwingung eben auch viel echter Chadwick.

Das Luftige, Frische gilt aber vor allem für jene "Biester", die die "Große Glashalle" des Museums besiedeln: silberne Monster, die in ihren geschweißten Faltungen leicht wie Origami wirken ("Beast Alerted I", 1990) ...

... und vor allem im Rudel beeindrucken.

In Duisburg ist Chadwicks Werk mit eigenen Zeichnungen und Grafiken ebenso kombiniert ...

... wie mit einigen Skulpturen von Zeitgenossen, die illustrieren, wie sehr der Künstler bei aller Eigenständigkeit auch den Nerv der Zeit verkörpert hat. (hier Eduardo Paolozzis bronzenes "Krokodeel" von 1956)

Im Lehmbruck Museum zu sehen ist aber auch das nicht weniger imposante und farblich opulente Werk des tschechischen Künstlers Jiří Tichý (1924-2013), der seine wandfüllenden Tapisserien in teils jahrelanger Arbeit auf einem eigens konstruierten Hochwebstuhl fertigte. ("Babylonisch genanntes Konzert", 1995)

Nicht nur wegen Chadwick, sondern auch wegen Tichý lohnt sich ein Besuch in Duisburg unbedingt. Zwei große Poeten im Dialog. ("Hommage an Apollinaire", 1970/71)

Die Ausstellungen "Lynn Chadwick. Biester der Zeit" und "Jiří Tichý" laufen noch bis zum 26. Juli 2020 im Lehmbruck Museum in Duisburg. ("Crouching Beast IV", 1990)

Stand: 29.02.2020, 06:00 Uhr