Architektur aus Farbe - Carmen Herrera in Düsseldorf

Architektur aus Farbe - Carmen Herrera in Düsseldorf

Von Thomas Köster

Mit 89 Jahren verkaufte die kubanisch-amerikanische Malerin Carmen Herrera ihr erstes Bild. Ihre minimalistische Farbfeldmalerei wird bis 8. April in Düsseldorf gezeigt.

Carmen Herrera, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2017 (Ausstellungsansicht)

"Ich liebe nichts mehr als eine gerade Linie zu ziehen", hat Carmen Herrera einmal gesagt. "Wie soll ich das erklären? Sie ist im Grunde der Anfang einer jeden Struktur." In Düsseldorf kann man jetzt bestaunen, wie konsequent die Malerin diesen Grundsatz verfolgt hat. Und auch im hohen Alter noch verfolgt.

"Ich liebe nichts mehr als eine gerade Linie zu ziehen", hat Carmen Herrera einmal gesagt. "Wie soll ich das erklären? Sie ist im Grunde der Anfang einer jeden Struktur." In Düsseldorf kann man jetzt bestaunen, wie konsequent die Malerin diesen Grundsatz verfolgt hat. Und auch im hohen Alter noch verfolgt.

72 Arbeiten aus rund 70 Schaffensjahren sind in der Kunstsammlung NRW versammelt. Sie demonstrieren eindrücklich, warum die 1915 in Havanna geborene Herrera heute als Pionierin der radikal minimalistischen Farbfeldmalerei angesehen werden kann.

Diese Position blieb der inzwischen 102-jährigen Malerin, die ihre Karriere in den 1940er Jahren in New York begann, lange Zeit verwehrt. 89 Jahre musste sie werden, um ihr erstes Bild zu verkaufen. Die Düsseldorfer Ausstellung ist die bisher größte Retrospektive.

"Eine Latina, die so malte wie ich, hatte keine Chance", resümierte Herrera einmal über ihr Leben. Tatsächlich wurde sie bei den wenigen Ausstellungen bis 2000 vor allem auf ihre Rolle als exotische Kubanerin reduziert. In den USA herrschte der männlich dominierte stark gestische "abstrakte Expressionismus". Und davon ist Herrera meilenweit entfernt.

Weil sie in New York nicht Fuß fassen konnte, ging Herrera 1948 mit ihrem Mann, der ihr nicht nur finanziell den Rücken freihielt, sondern auch die Leinwände aufzog, nach Paris. Auch aus dieser Frühphase sind Arbeiten in Düsseldorf zu sehen.

1952 schuf Herrera die ersten radikal abstrahierten Geometrien. In Schwarz und Weiß gefasst, lassen sie deutlich die Nähe zu Victor Vasarely und Auguste Herbin erkennen, den Herrera als Mitglied der Pariser Gruppe "Salon des Réalités Nouvelles" kennenlernte.

1954 kehrte das Paar nach New York zurück. Hier entstand die Serie "Blanco y Verde" (1959-1971) aus grünen und weißen Farbflächen, der die Düsseldorfer Schau eine ganze Abteilung widmet. Sie illustriert nicht nur die Wertigkeit der symbolisch nicht aufgeladenen Farbe, ...

... sondern auch die Meisterschaft, sich auf die immergleichen radikal durchgezogenen Prinzipien zu reduzieren: Geometrische Figuren, zwei gleichberechtigte Farben und eine absolut harmonische Balance.

Für die Klarheit ihrer Linien verwendete Herrera bereits sehr früh Klebebänder, mit denen sie die Farbflächen voneinander absetzte ...

... oder sie trennte ihre Dreiecke, Rauten und Quadrate gleich durch verschiedene Leinwände, die sie später dann zusammensetzte.

Derlei Kompositionen dienten der studierten Architektin dazu, ihre Bilder zur dritten Dimension hin zu öffnen. Deshalb bemalte sie unter anderem auch die Ränder der Leinwände gleich mit. Und verwendete Farben, die aus der Fläche auszubrechen scheinen.

Teilweise ging Herrera auch dazu über, den Rahmen zu bemalen, um ihn in die Gesamtstruktur zu integrieren (rechts). Was traditionell eigentlich als trennscharfes Element von gemaltem Innen- und repräsentiertem Außenraum gedacht ist, wird so ins Bild gezogen.

In diesem Kontext sind auch "Estructuras" zu sehen: nach Vorzeichnungen modellierte freistehende oder an der Wand hängende Skulpturen aus Sperrholz, die die Prinzipien der Malerei in den Raum erweitern. Vier der Arbeiten, die das billige Ausgangsmaterial durch dick aufgetragene Farbe vertuschen, sind in Düsseldorf zu sehen.

Teilweise integrierte Herrera diese Skulpturen auch in ihre Malerei. So bei der 1978 entstandenen Serie "Days of the Week", die in Düsseldorf nicht chronologisch nach Wochentagen gehängt ist. Farbe und Objekt verschmelzen so bewusst zur Einheit.

Aus Sperrholz sind die Arbeiten auch deshalb, weil es sich Herrera schlichtweg nicht leisten konnte, mit teuren Materialien wie Bronze oder Stahl zu arbeiten. Vielleicht ist ein Teil der stringenten Leichtigkeit, die inzwischen millionenschwer ist, auch diesem Umstand geschuldet.

Wie modern das damals selbst im Umfeld des abstrakten Expressionismus gewirkt haben muss, zeigt unter anderem "Green and Orange" (rechts): Das Gemälde mit seinen unerhörten Farben entstand 1958. Da war Andy Warhol noch Gebrauchsgrafiker und an die Poppigkeit der Pop-Art noch gar nicht zu denken.

Bis heute verfolgt die 102-jährige Herrera in ihrer kleinen Wohnung in Manhattan konsequent ihren Stil. Das neuste Bild, "Verde de Noche" von 2017 (rechts), kommt frisch von der Staffelei. Und illustriert, wie virtuos Herrera auch im hohen Alter noch verfährt.

Durch diese Konsequenz erscheinen Herreras Farbbildentwürfe auf seltsame, fast schon trotzige Art und Weise aus der Zeit gefallen. Und das wiederum macht die Gemälde seltsam frisch und modern.

Inzwischen beschäftigt Herrera einen Assistenten, der die Klebebänder nach ihren Anweisungen auf die Leinwand zieht. Der aber kommt bewusst nicht aus dem künstlerischen Bereich. Herrin über die Linie will Herrera auf jeden Fall selber bleiben.

Es sei schon ihr Traum gewesen, eine Retrospektive zu Herrera zu machen, als noch gar nicht klar gewesen sei, dass sie nach Düsseldorf gehe, sagt die neue Direktorin der Kunstsammlung NRW, Susanne Gaensheimer. Das kann man nach dieser Schau gut verstehen.

Gaensheimer hat schon angekündigt, auf jeden Fall ein aktuelles Gemälde Herreras sowie ein Bild aus einer früheren Periode anschaffen zu wollen. Da sich die Arbeiten zumeist in Privatsammlungen oder Museen befinden, wird das nicht einfach sein.

Trotzdem ist es natürlich konsequent. In einer Sammlung, die sich vor allem auch der US-amerikanischen Abstraktion rund um Jackson Pollock und Mark Rothko verschrieben hat, darf kein Herrera fehlen. Nicht zuletzt dies macht die Ausstellung deutlich.

"Carmen Herrera. Lines of Sight" ist noch bis zum 8. April 2018 in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf zu sehen. Zur Ausstellung ist neben einem Katalog auch eine Edition erschienen, in der sich Herrera zum ersten Mal mit der Lithographie auseinandersetzt. Schließlich kann selbst der, der immer konsequent ist, auch mit 102 Jahren noch neue Wege beschreiten.

Stand: 01.12.2017, 13:40 Uhr