Unsichtbares sichtbar machen. Burger Collection meets Langen Foundation

Unsichtbares sichtbar machen. Burger Collection meets Langen Foundation

Von Thomas Köster

"How to See [What Isn't There]"? Anhand der Werke aus der Burger Collection Hong Kong widmet sich die Langen Foundation beim Museum Insel Hombroich der künstlerischen Auseinandersetzung mit Präsenz und Verschwinden, Leere und Fülle, Erinnern und Vergessen. Absolut sehenswert - analog und virtuell.

How to See [What Isn`t There], Langen Foundation, Neuss 2018 (Ausstellungsansicht)

Dass Ab- und Anwesenheit, Vergänglichkeit und Dauer, Vergangenheit und Gegenwart, Licht und Schatten oft nur zwei Seiten einer Medaille sind, wird in der Langen Foundation zumeist über Installationen und Skulpturen sinnfällig gemacht. Etwa mit Urs Fischers "Portrait of a Moment" (2003), bei dem eigentlich nichts ist, wie es scheint.

Dass Ab- und Anwesenheit, Vergänglichkeit und Dauer, Vergangenheit und Gegenwart, Licht und Schatten oft nur zwei Seiten einer Medaille sind, wird in der Langen Foundation zumeist über Installationen und Skulpturen sinnfällig gemacht. Etwa mit Urs Fischers "Portrait of a Moment" (2003), bei dem eigentlich nichts ist, wie es scheint.

Oder in "China Daily" von Wang Du (rechts), der Nachrichten und Bilder des Medienzeitalters zu zerknüllten Bronze-Skulpturen formt. Rechts Jon Rafmans "Dragons Fucking Car II (Relief)" von 2016, das eine Internetperversion in Stein meißelt. Genauer: in Carrara-Marmor. Wie Michelangelo.

Teilweise funktioniert das aber auch in der klassischsten aller Kunstformen, der manchmal zu Unrecht verpönten Malerei. Zwischen Konkretion und Abstraktion stellt Xie Leis Gemälde "Blow" (2011) vordergründig eine Erste-Hilfe-Situation dar – wobei das vermeintliche Unfallopfer irgendwie schon zum Geisterwesen geworden ist.

Überhaupt spielen die Chinesen in "How to See [What Isn't There]" eine starke Rolle. Wie Gao Weigang, der mit "Manner of Speaking" (2009) eine Studiersituation inszeniert. Nur, dass hier die Blätter der kulturrevolutionären Schrift "Human Mind and Human Life" bis zur Unleserlichkeit von einer Maschine umgeblättert werden, die den Menschen ersetzt.

Bisweilen ist in Neuss auch nichts mehr da als pures Licht. So wie beim "Alien Blue Window" der deutsch-schweizerischen Performance- und Objektkünstlerin Pamela Rosenkranz, das Assoziationen an Yves Klein oder James Turrell, aber auch an den Himmel oder die Tiefen des Ozeans weckt. Dabei besteht das LED-Licht nur aus einem programmierten Binärcode – also eigentlich aus nichts.

Was von der Kunst übrig bleibt, wenn keine Kunst mehr zu sehen ist (und wie man daraus wieder Kunst macht), beschreibt doppelbödig und augenzwinkernd der belgische Konzeptkünstler Kris Martin in seinem "Altar" (2014), der das berühmte Vorbild von Hubert und Jan van Eyck aus der Frührenaissance nur mehr über die Leerstelle in der Rahmung zitiert. Füllen kann man das nun mit seinen Gedanken und Assoziationen.

Überhaupt ist Kunst ja nur so lange sichtbar, wie sie nicht in den Tresoren von Privatsammlern verschwindet. Oder Raum in Museen, Galerien oder Messen bekommt. Besonders schön – und wieder einmal voller Ironie – demonstriert dies Hans Op de Beecks "Aline" (2016), die sich hier einsam im Souterrain räkeln muss. Dabei war sie noch vor kurzem ...

... Teil der ebenso raumgreifenden wie spektakulären Installation "The Collector's House", die 2018 im Rahmen der Ausstellung "Black and White" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, die sich damit ins kollektive Gedächtnis der Kunstfans hierzulande eingeschrieben hat.

Und auch Kris Martins "Mandi XXI" (2009) wird der ein oder andere noch aus der schönen Ausstellung "Reise ins Ungewisse" im Museum Schloss Morsbroich kennen. Jetzt rattert die Anzeigetafel mit ihren leeren Blättern im Japan-Saal der Langen Foundation. Wie der Flughafen, so ist halt auch das Museum ein Zwischenreich, in dem Kunst und Betrachter auftauchen und verschwinden wie in einem Spiegel.

Wie im überdimensionierten Rückspiegel eines frisierten Hot-Rod-Automobils von Sylvie Fleury zum Beispiel, durch den Umwelt und Betrachter Teil des Werkes werden. In Anspielung an ein Calvin-Klein-Parfüm ist er "Eternity Now" (2016) betitelt – und reflektiert so den hübschen Widerspruch von mit der Zeit flüchtig verduftendem Leben und einer vorgeblich "ewigen" Kunst.

Überhaupt bringt Sylvie Fleury mobile Männerfantasien in die Langen Foundation – allerdings nur, um sie vom Treppen-Sockel zu stoßen und die Leerstelle neu zu kodieren. "Glorias' Triumph" (2016) verweist auf die Feminismus-Ikone Gloria Steinem, mit der Fleury ihre Liebe zu schnellen Autos und Motorrädern teilt.

Was Sylvie Fleury noch subtil anspricht, setzt das Künstlerkollektiv The Propeller Group brutal in Szene. "The Dream" (2012) ist das. was von Männer- und offenbar ja auch Frauenträumen übrig bleibt.

Manches ist in Neuss ohnehin gar nicht da. Und eben wieder doch, nämlich virtuell. Wie bei Jon Rafmans "Deluge Raketenstation Hombroich" von 2018, der die Umgebung in einer apokalytpischen Szenerie neu interpretiert. Das sieht man aber nur, wenn man die VR-Brille überschnallt.

"Künstler sind in der Codierung immaterieller Aspekte in teils komplexen und vielschichtigen Werken äußerst erfinderisch", sagt der in New York lebende Kurator Gianni Jetzer. "Sie wenden konzeptionelle Gesten an, setzen Prozesse des Verschwindens oder der Entmaterialisierung in Gang oder definieren Leere oder Abwesenheit als Form." Von diesem Erfindungsreichtum ist in Neuss jetzt viel zu sehen.

"How to See [What Isn't There]" ist noch bis zum 17. März 2019 in der Langen Foundation bei Neuss zu sehen. Parallel zur Ausstellung präsentiert die Raketenstation der Stiftung Insel Hombroich Remo Salvadori und Ursula Schulz-Dornburg (bis 9. Dezember 2018). Und in der Skulpturenhalle von Thomas Schütte gibt es bis zum 16. Dezember 2018 Land Art und Drucke von Richard Long.

Stand: 10.09.2018, 10:00 Uhr