Meisterwerke massenhaft: "British Pop Art" in Oberhausen

Meisterwerke massenhaft: "British Pop Art" in Oberhausen

Von Thomas Köster

Warhol, Rauschenberg, Lichtenstein: Wer an Pop Art denkt, denkt an Amerika. Dabei liegt die Wiege der Bewegung, die den Alltag in die Kunst holte, in Großbritannien. Das zeigt ab Sonntag (27.01.2019) eine tolle Schau in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen.

British Pop Art, Ludwiggalerie, Schloss Oberhausen 2019 (Ausstellungsansicht)

Pop Art: Selbst der Begriff ist "very british". Erfunden wurde er vermutlich bereits 1956 vom Kunstkritiker Lawrence Alloway, der die bahnbrechende Ausstellung "This is Tomorrow" in der Londoner Whitechapel Gallery initiierte (hier im Bild: Museumsdirektorin Christine Vogt vor Les Levines "Photograph" von 1971).

Pop Art: Selbst der Begriff ist "very british". Erfunden wurde er vermutlich bereits 1956 vom Kunstkritiker Lawrence Alloway, der die bahnbrechende Ausstellung "This is Tomorrow" in der Londoner Whitechapel Gallery initiierte (hier im Bild: Museumsdirektorin Christine Vogt vor Les Levines "Photograph" von 1971).

Umso erstaunlicher ist es, dass der Begriff im kollektiven Bewusstsein fast ausschließlich mit US-Künstlern wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Robert Rauschenberg (und mit New York) verknüpft ist. Oder eben nicht erstaunlich: Die Amerikaner wussten sich, mit einer starken Museums-, Galerien- und Auktionslandschaft im Rücken, wohl einfach besser zu vermarkten (hier: drei Werke von James Miller aus dem Jahr 1969).

So oder so ist "British Pop Art. Meisterwerke massenhaft" erst die dritte Schau ihrer Art in Deutschland. Hier lässt sich auf vielfältige Weise studieren, was die britischen Künstler mit ihren amerikanischen Kollegen verband –und was eben anders war. Im Bild das Plakat zur Ausstellung "This Was Tomorrow" 2016 im Kunstmuseum Wolfsburg mit Gerald Laings "Brigitte Bardot" von 1963.

Am Anfang der Bewegung stehen die verstörenden Collagen von Eduardo Paolozzi aus seiner Serie "BUNK!", die schon im Titel die Affinität der Pop Art zum Comic illustriert. Paolozzi präsentierte sie während seines legendären Eröffnungsvortrags vor der "Independent Group" am Londoner Institute of Contemporary Arts – einer Weg weisenden Ideenschmiede der 1950er Jahre.

Als Initialzündung der Pop Art gilt Richard Hamiltons Collage "Just What It Is That Makes Today's Homes So Different, So Appealing?" von 1956. Im Unterschied zu anderen Arbeiten Hamiltons ist sie in Oberhausen nur als schwarzweißer Abdruck in einem Katalog zu sehen.

Das hat einen guten Grund: Hamiltons Collage gehört zum Bestand der Kunsthalle Tübingen. In Oberhausen aber sind ausschließlich Drucke und Multiples aus der verdienstvollen Sammlung des Düsseldorfer Anwalts Heinz Beck zu sehen, der die Strahlkraft der Bewegung schon früh erkannte (hier zwei Werke von Robin Page).

Die Schau spannt den Bogen bis hin zu den Pop Art-Künstlern der zweiten Generation bis hin etwa zu David Hockney, der die Tradition der damaligen Avantgarde heute stilistisch auch durch den Einsatz von Smartphones oder Tablets im Malprozess weiterschreibt. In Oberhausen ist er mit einem wunderbaren Stillleben vertreten ("Pretty Tulips", 1970).

Ganz klar: Was die britischen Pop Art-Veteranen mit den US-Boys der Kunstrichtung verband, war ihre Affinität zu Sex und Frauen. Beliebtes Symbol hierfür: Sinnliche Lippen und träufelnde Flüssigkeiten (Michael English, "Lips" und "Coke", beides 1970)

Fleisch gewordene Verkörperung dieser lustbetonten Spielart ist sicher Allen Jones, von dem gleich zwei Skulpturen in Oberhausen zu sehen sind. Interessant wäre sicher gewesen zu beobachten, wie seine skandalösen Möbel - unterwürfige Fetischfrauen als Sockel - heute ankämen. ("Legs", 1970).

Deutlich stärker als die US-Variante war die britische Pop Art in ihren Ausläufern politisch. So verweist Joe Tilsins Druck "Jan Palach: Suicide" (1969) dezidiert auf den Studenten Jan Palach, der sich als Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannte. Freiheit der Kunst ist auch ein Statement für Demokratie.

Einen klaren Bruch mit der kunstgeschichtlichen Tradition hat die britische Pop Art in ihrer Gänze nie vollzogen. In Amerika konnte Warhol & Co. das ohnehin leichter fallen. Die "weiße" Kunst orientierte sich hier fast 300 Jahre lang an europäischen Vorbildern das zeigt gerade eindrücklich eine Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum (Robin Page, "The Handshake", 1972).

Das Festhalten an der Tradition zeigen unter anderem die Bilder von Ivor Adams mit ihrer ausschnitt- und stark flächenhaft eingefangenen Natur auf Mauerwerk oder in Parkanlagen: ein Verweis auf die Maltradition ebenso wie auf die Gartenkunst. "Park With Statue" (1970) – hier noch stilsicher mit Picknickdecke – hängt in Oberhausen inzwischen an der Wand.

Peter Blake kann die Beeinflussung durch die Künstlergruppe der Präraffaeliten und ihre märchenhafte Kunst aus dem 19. Jahrhundert nicht verleugnen ("Well, This Is Grand!", 1971)

Wie stark die britische Variante der Pop Art zurück in den Alltag wirkte, demonstriert das undatierte "Palladio"-Geschirr, das Eduardo Paolozzi für den deutschen Porzellanhersteller Rosenthal entwarf. Es demonstriert aber auch, ...

... das die britischen Künstler keine Scheu vor Abstraktionen hatten, die sie nicht nur Vergrößerungen von Zeitungsbildern oder Sonntagsknipsereien verdankten, sondern durchaus einer Auseinandersetzung mit der ungegenständlichen Malerei. Hier geht es zum Beispiel um Alltagsdinge: Patrick Caulfield, "Bathroom Mirror", 1969.

Abgerundet wird die Schau durch einen Raum, der sich mit der Gestaltung des Beatles-Plattencovers zu "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" durch Peter Blake und Jann Haworth befasst; hier ein Ausschneidebogen von Blake, 1967. Das transportiert das Lebensgefühl von "Swinging London" ebenso wie Musik per Audio-Guide, die Besucher auf einem "Sound-Walk" durch die Ausstellung trägt.

"British Pop Art. Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Heinz Beck. Special Guest: Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" ist noch bis zum 12. Mai 2019 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen.

Stand: 24.01.2019, 12:01 Uhr