Böhmermanns satirisches Sammelsurium

Eingangs-Kontrolle, Exponat einer Ausstellung im NRW-Forum

Böhmermanns satirisches Sammelsurium

Von Sabine Tenta

"Deutschland" nennen Jan Böhmermann und die Produktionsfirma BTF ihre Ausstellung, die am Donnerstag (23.11.2017) im NRW-Forum Düsseldorf startet. Sie ist ein Spiel aus Fake und Wirklichkeit - unter anderem mit Merkels Urlaubs-Outfit, einem Nazi-Erlebnispark und einer eigenwilligen Eingangskontrolle.

Am Anfang des Presserundgangs durch die Ausstellung "Deuscthland" steht am Donnerstag (23.11.2017) eine Zugangskontrolle, die auch künftig alle Besucher erwarten wird: ein Passkontrollen-Büdchen. Eine Medien-Kollegin springt gleich auf die Meta-Ebene: "Ah, ja, der Zugang nach Deutschland ist also nicht so einfach!"

Von banal bis genial

Drinnen zu sehen ist ein satirisches Sammelsurium, das grob vom Ausstellungs-Titel "Deuscthland" zusammengehalten wird. Es sind Schlaglichter unterschiedlichster Art und Qualität. Von banal ("Mantra", Kuli-Gekritzel auf einem grünen Notizzettel) bis genial ("Reichspark", später mehr dazu) ist alles dabei.

Dazu gehören: Ein Stuhl aus der Kulisse des ARD-Polit-Talks "Günther Jauch" mit Deutschland-Fähnchen. Er erinnert an den Auftritt von Björn Höcke (AFD) aus dem Jahr 2015, in dem dieser sein Bekenntnis zu Deutschland in Textilform kundtat. Ein weiteres Exponat ist die vorgeblich originale Wanderkleidung von Angela Merkel. Sie wird von einer gesichtslosen Puppe getragen. Und ein "Hasskeks-Automat" spuckt gegen Einwurf von einem Euro Gebäck mit Zettel aus: "Dieser Arsch sieht aus wie zwei vollgepisste Schlafkissen".

Der Reichspark - perfekte Illusion

Großen Raum nimmt in der Ausstellung ein simulierter Messe-Stand ein: Es präsentiert sich die Firma "HG BusinessConsulting" mit Plänen für einen "Reichspark". Der Freizeit-Park soll aus dem Zweiten Weltkrieg und der NS-Diktatur ein Erlebnis für die ganze Familie machen. Inklusive "Live-Show Wolfsschanze", einer "Kältehalle für das Stalingrad Experience" und einem "Erlebnis-KZ". Die Umsetzung ist so perfekt, dass beim Rundgang vereinzelt die Frage zu hören war: "Ist das jetzt echt? Nee, kann nicht sein! Oder doch?"

Ölschinken mit Pseudo-Echtheits-Dokument

Ölgemälde an einer Wand, Exponat einer Ausstellung im NRW-Forum

Ölgemälde - von wem auch immer

Das Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit treiben Böhmermann und BTF auch bei drei Ölgemälden. Sie zeigen Politiker wie Frank-Walter Steinmeier (SPD) oder Angela Merkel (CDU) im trauten Miteinander mit Vertretern der Springer-Presse.

Als Maler wird Jan Böhmermann angegeben; ein aufgeschlagener Fake-Katalog zu den Ölgemälden zeigt den Satiriker mit Malerkittel und Farbpalette im Atelier.

Die Staatsaffäre im "rechtsfreien Raum"

Die von Böhmermann 2016 ausgelöste Staatsaffäre um Böhmermanns Schmähgedicht wird in einer Kammer mit dem Titel "Rechtsfreier Raum" aufgegriffen Zu sehen sind einige Presse-Zitate an der Wand und ein Bildschirm, auf dem ein Video aus dem Bundestag angeboten wird. Der CDU-Abgeordnete Detlef Seif hatte ausgiebig aus Böhmermanns Gedicht auf den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan zitiert. Abspielen ließ sich das Video beim Presserundgang nicht.

Böhmermanns Bilderklau

Ausstellungsplakat zeigt Jan Böhmermann neben Mann in Deutschland-Trikot mit eingenässter Hose

Ausstellungsplakat

Das Ausstellungsplakat zitiert ein Foto, das wie kein Zweites die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren versinnbildlicht: Der Fotograf Martin Langer hatte 1992 einen Mann abgelichtet, der im Deutschland-Trikot und mit eingenässter Jogginghose die Hand zum Hitlergruß erhoben hat. Dieses Foto hatte Jan Böhmermann 2014 ungefragt gepostet. Als Langer ihn wegen dieser Urheberrechts-Verletzung abmahnte, entfachte Böhmermann einen Shitstorm gegen den Fotografen – und beklagte das geltende strenge Urheberrecht.

Striktes Foto- und Handyverbot

Fotografie-Verbots-Schild an der Eingangskontrolle zur Ausstellung von Jan Böhmermann

Foto-Verbot

Nun, in seiner eigenen Ausstellung, sieht Böhmermann das mit den Fotos alles andere als locker. Es gilt ein striktes Fotografier-Verbot, Besucher müssen sogar im Passkontrollen-Büdchen am Eingang ihre Handys abgeben. Umgekehrt machen Böhmermann und BTF aber Fotos der Besucher - und diese somit zum Teil ihrer Inszenierung.

Zum Beispiel bei einem Exponat mit vier Wahlkabinen. Wer voreilig eintritt und neugierig auf einen der großen Knöpfe drückt, löst eine Kamera aus. Das Foto wird sofort auf Twitter gepostet (@deuscthland). Man sollte zuvor unbedingt das Kleingedruckte lesen und ernst nehmen. Das ist diesmal keine Fiktion, sondern Wirklichkeit.

Die Ausstellung "Deuscthland" ist bis zum 04.02.2018 im NRW-Forum in Düsseldorf zu sehen. Parallel laufen die sehr sehenswerte Foto-Ausstellung "Gute Aussichten" mit Werken deutscher Hochschul-Absolventen und "Klaus-Peter Dienst. Kalligrammatische Typografie und poetische Textbilder".

Stand: 23.11.2017, 17:49