Farblos in Düsseldorf: "Black & White"

Farblos in Düsseldorf: "Black & White"

Von Thomas Köster

Malerei ist bunt? Von wegen. Farblos ist die neue Farbe. Und die alte. Das demonstriert eine Ausstellung im Museum Kunstpalast – vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

Black & White. Von Dürer bis Eliasson, Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2018 (Ausstellungsansicht)

Spätestens seit dem 15. Jahrhundert liebten Maler eine farblose Welt. Die Ausstellung "Black & White" spürt diesem Phänomen jetzt über einen Zeitraum von 700 Jahren nach. (Chuck Close, "Joel (Maquette)", 1991, links, und "Joel", 1993)

Spätestens seit dem 15. Jahrhundert liebten Maler eine farblose Welt. Die Ausstellung "Black & White" spürt diesem Phänomen jetzt über einen Zeitraum von 700 Jahren nach. (Chuck Close, "Joel (Maquette)", 1991, links, und "Joel", 1993)

Versammelt sind rund 100 Gemälde, Glasmalereien, Fotografien, Grafiken und Installationen, die sich teils lange vor der Abstraktion mit der Autonomie des Kunstwerks im Figürlichen auseinandersetzen. Dabei ist das "Black & White" bewusst weit gefasst. Dazu gehört auch das einzig bekannte "schwarz-weiße" Gemälde von Edgar Degas, "Ballettprobe auf der Bühne" (1874).

Verwundert stellt man dabei fest, dass die Abkehr von der Farbe lange vor Erfindung der Fotografie ein wahrnehmungsästhetischer Quantensprung gewesen sein muss. Wie kommt man darauf, einer Wirklichkeit, die per Definition bunt ist, alle Farbe zu entziehen, etwa in der Grisaille-Malerei des frühen 19. Jahrhunderts? (Jean-Auguste-Dominique Ingres, "Odaliske", um 1829)

Das geht eigentlich nur über den Umweg anderer Techniken wie der Zeichnung, der Skizze oder des schwarz-weißen Drucks, also wieder über den Umweg der Kunst. Auf jeden Fall über die Reduktion: Bei Gustave Moreaus um 1885 entstandenem Ölgemälde "Diomède dévoré par ses chevaux" zum Beispiel besteht das Weiß der Schimmel aus nackter Leinwand ohne Farbe.

Weiß ist ja nun mal tatsächlich in der Welt. Und in der Kunst zum Beispiel in der Bildhauerei. Auch an Marmorbüsten und Reliefs orientierten sich die Künstler, wie die Ausstellung zeigt. Auch wenn die Skulpturen der Antike, wie wir heute wissen, teils schreiend bunt gewesen sein müssen. (Antonio d'Este, "Kreuzabnahme", nach 1800)

Zumindest im Bereich der christlichen Kunst gibt es fürs Monochrome eine weitere Erklärung. So waren die Außentafeln der Altäre für den Alltag schwarz-weiß gestaltet, um den Innenteil des Triptychons an Festtagen umso heller erstrahlen zu lassen. Und in der Karwoche wurden bunte Bilder gar verhängt. Was blieb, war tristes Grau. (Marten de Vos, "Verkündigung", nach 1569)

Überhaupt ist eigentlich Grau die Farbe der Ausstellung. Das zeigt sich zum Beispiel in dem Raum, der den Werken Gerhard Richters gewidmet ist. Grau sei für ihn die "ideale Farbe", bei der Depression in ernste Schönheit kippen könne, gab der Künstler einmal an. Hier spiegeln sich Richters "Fenster" von 1968 doppelt in Richters "Spiegel. Grau - 765" von 1992.

Das eindrucksvollste Highlight der Schau ist wohl die begehbare, etwa 250 Quadratmeter große Installation "The Collector's House" des belgischen Künstlers Hans Op de Beek, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Im Grau ihrer Figuren, Vitrinen und Pflanzen setzt der Besucher die einzigen farbigen Akzente. Stille Melancholie bekommt ein räumliches Gesicht.

"Wenn es keine Farben gibt, ist alles auf Licht und Schatten reduziert", sagt Op de Beek über sein monumentales Werk. "Es gibt keine Ablenkung durch Farben, alles wirkt wie ein Skelett der Realität. Schwarz-Weiß-Darstellungen haben etwas Essentielles an sich."

Aufgrund der Monochromie wird die betrachtende Person laut Op de Beek "zum lebendigen Protagonisten innerhalb der Installation. Alles andere macht den Anschein eines in der Zeit erstarrten Pompejis, das all seine lebendigen Farben verloren hat." Besser kann man das eigentlich gar nicht selber sagen.

Und dann gibt es doch noch Farbe im Kunstpalast. Und was für eine! Im "Room for One Colour" des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson tauchen monofrequente Natriumdampflampen alles in ein gleißendes Gelb. Und entziehen dadurch paradoxerweise allem anderen die Farbe: Der Besucher wird als Teil der Ausstellung selbst "black and white".

Eliassons Raum ist der fulminante Abschluss einer wundervollen schwarz-weiß-grauen Inszenierung, bei der man sich fragt, warum nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen ist. Egal. Es ist ja noch nicht zu spät. Also hingehen und die Stille genießen. (Ellsworth Kelly, "Black and White Bar I", 1970, links, Jasper Johns, "Untitled", 2007)

"Black & White. Von Dürer bis Eliasson" ist noch bis zum 15. Juli 2018 im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein üppig bebilderter Katalog erschienen, den man ebenfalls empfehlen kann. (Frank Stella, "Tomlinson Court Park I", 1959)

Stand: 21.03.2018, 14:00 Uhr