Münster zeigt Joseph Beuys' Kunst für Alle

Münster zeigt Joseph Beuys' Kunst für Alle

Von Thomas Köster

Mit seinen Editionen wollte Joseph Beuys den Kunstmarkt unterwandern und Kunst für jedermanns Wohnzimmer offerieren. Inzwischen sind sie millionenschwer und zurück im Museum - zu sehen jetzt in Münster.

Joseph Beuys. Hülle und Kern, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster 2018 (Ausstellungsansicht)

Jeder Mensch ist ein Künstler. Und Kunst sollte sich jeder leisten können. Das sind zwei der Pole, zwischen denen sich das Universum von Joseph Beuys ausgeweitet hat. Am deutlichsten wird letzteres bei den seriell produzierten Multiples, die der Künstler ganz in der Manier der zeitgleichen Fluxus-Bewegung herausgegeben hat. Rund 100 davon sind derzeit in Münster zu sehen ("Ohne Rose tun wir's nicht", 1972).

Jeder Mensch ist ein Künstler. Und Kunst sollte sich jeder leisten können. Das sind zwei der Pole, zwischen denen sich das Universum von Joseph Beuys ausgeweitet hat. Am deutlichsten wird letzteres bei den seriell produzierten Multiples, die der Künstler ganz in der Manier der zeitgleichen Fluxus-Bewegung herausgegeben hat. Rund 100 davon sind derzeit in Münster zu sehen ("Ohne Rose tun wir's nicht", 1972).

Gesammelt wurden die Werke vom Osnabrücker Sammlerpaar Manfred und Ingrid Rotert, die sie nun dem LWL-Museum für Kunst und Kultur überlassen haben. "Die Schenkung ist ein Glücksfall für unser Museum", sagt Museumsdirektor Hermann Arnold. "Die Multiples ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk von Joseph Beuys und beleuchten all seine Schaffensphasen." ("Enterprise 18.11.72, 18:5:16 Uhr", 1973)

Unter den Werken sind zahlreiche Klassiker, darunter die aus Glühbirne und Zitrone komponierte "Capri-Batterie" (1985), die die Auseinandersetzung des Künstlers mit ökologischen Zusammenhängen, aber auch mit dem austarierten Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation beleuchtet.

Zu sehen ist auch der berühmte, in einer Auflage von 110 Exemplaren genähte "Filzanzug" von 1970, der zum freien Assoziieren einlädt. Er kann als Stellvertreter des abwesenden Menschen interpretiert werden, oder als zweite Haut, die das Individuum von seiner Umwelt abgrenzt und zugleich als Wärmespeicher dient.

Filz gehört wie das Fett zu Beuys' eigener Legendenbildung. Die Geschichte, dass er 1944 als abgeschossener Kampf-Flieger auf der Krim in knapp zwei Wochen von Tartaren mit wärmendem Filz und nährendem Fett gesund gepflegt worden sei, ist wohl zu schön, um wahr zu sein. Schön bleibt sie trotzdem ("Wirtschaftswert Apollo", 1977).

Die Münsteraner Schau zeigt die immense politische Dimension, die Beuys, ein Mitbegründer der "Grünen", in seine Werke steckte. Und die Möglichkeiten, in die Öffentlichkeit zu treten. Manch politische Botschaft wirkte schon damals ein wenig banal, wie das 1982 von Beuys vor 500.000 Friedensdemonstranten in Bonn mit Musikern von BAP gesungene "Wir wollen Sonne statt Reagan".

Zum Gutteil aber lässt sich die nicht nur künstlerische, sondern auch politische Energie noch erahnen, mit denen Beuys einfache Dinge kraft seiner Auswahl und Unterschrift aufzuladen verstand ("Pflasterstein", 1975).

Etwas paradox ist die Situation in Münster schon. Schließlich wollte Beuys den Kunstmarkt auch dadurch revolutionieren, dass er seine Editionen eben nicht für die Institution des Museums schuf. Aber da ist er ja schon lange angekommen. ("DDR-Riechstein", 1984).

Manchmal hat Beuys es ohnehin geschafft, dem Kapital mit Schnäppchen ein Schnippchen zu schlagen. Mit dem Multiple "Intuition" von 1968 zum Beispiel, das hin und wieder für kleines Geld auf Auktionen auftaucht. Der Trick ist simpel: Von der unlimitierten Edition wurden rund 12.000 Stück produziert. Zu viel für viele Sammler, die doch immer auch etwas Besonderes besitzen wollen.

In Münster begrüßt das Werk "Intuition" (vorheriges Bild) den Besucher am Eingang. Und soll so etwas wie ein Symbol dessen sein, was die Macher der Ausstellung offenbar wollen: den Rahmen geben für eine intensive, vorurteilsfreie, eben intuitive Auseinandersetzung mit dem Universum Beuys ("Zwei Fluxusobjekte, Grüne Geige, Telephon S-----Ǝ", 1974).

Mit Münster war Beuys spätestens seit 1977 verbunden, als er sich an der Ausstellung "Skulptur-Projekte" beteiligte. Da ist es hübsch, dass das Archiv der Skulptur-Projekte direkt über der Beuys-Schau eine kleine Ausstellung eingerichtet hat. Im Gegensatz zum Fluxus-Kollegen George Brecht ist Beuys nicht ausgestellt. Aber seinem Gedanken der "sozialen Plastik" kommen die Entwürfe und Projekte schon sehr nahe (Dennis Adams, "Bushaltestelle IV", 1987).

"Joseph Beuys. Hülle und Kern" ist noch bis zum 29. September 2019 im Lichthof des LWL-Museums in Münster zu sehen. Bis dahin hätte die Museumsleitung auch noch Zeit, sich zu überlegen, ob es nicht ganz im Sinne des Erfinders und seiner Idee einer "demokratischen Kunst" wäre, die Schau kostenfrei zugänglich zu machen.

Stand: 28.11.2018, 09:00 Uhr