Natur und Erlösung. Bernd Koberling in Duisburg

Natur und Erlösung. Bernd Koberling in Duisburg

Von Thomas Köster

In den 80er Jahren machte Bernd Koberling mit expressivem Malgestus als "Neuer Wilder" von sich reden. Dabei ist er mit seinen Landschaftsbildern viel eher ein Nachfahre der Romantik. Das zeigt jetzt eine beeindruckende Retrospektive in Duisburg.

Bernd Koberling. Werke 1963-2017, Museum Küppersmühle, Duisburg 2017 (Ausstellungsansicht)

"Ich bin ein Liebhaber von Krisen", sagt Bernd Koberling. "Wenn ich vor einer weißen Leinwand stehe, befinde ich mich in einer kreativen Krise." Die ganze Vielfalt an malerischen Formen dieser Krisenbewältigung, die Kolberling zu einem der prägendsten deutschen Maler seiner Generation haben werden lassen, ist jetzt im Duisburger Museum Küppersmühle (MKM) zu bewundern.

"Ich bin ein Liebhaber von Krisen", sagt Bernd Koberling. "Wenn ich vor einer weißen Leinwand stehe, befinde ich mich in einer kreativen Krise." Die ganze Vielfalt an malerischen Formen dieser Krisenbewältigung, die Kolberling zu einem der prägendsten deutschen Maler seiner Generation haben werden lassen, ist jetzt im Duisburger Museum Küppersmühle (MKM) zu bewundern.

Zu sehen sind rund 80 teils großformatige Gemälde, die zwischen 1963 und 2017 entstanden sind. Sie reflektieren die ganze Bandbreite eines Oeuvres, das doch immer um denselben Mittelpunkt kreist: die Natur. Ihr wandte sich der Maler zu, als er in den 60er Jahren gemeinsam mit seinen Freunden Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Karl Horst Hödicke nach neuen, wilden Ausdrucksformen suchte.

Bis 1968 verdingte sich Koberling noch als Koch. Nur nachts konnte er sich seiner Leidenschaft widmen. Eines Abends habe er nach getaner Arbeit drei Wasserfarbenbilder auf Schuhkartons gemalt und dann gegen einige Flaschen gelehnt. "Da überkam mich ein solches Glücksgefühl, dass ich wusste: Ich werde Maler."

Das eigentliche Erweckungserlebnis hatte Koberling allerdings schon 1963 auf seiner ersten Lapplandreise. "Das war mein vielleicht größter Rausch." In Lappland, wohin er später immer wieder zurückkehrte, eroberte er sich wandernd die karge Landschaft, schlief in den Hütten der Samen, die diese für ihre Rentierzüge nutzten. Auch hiervon zeigt die Ausstellung einige frühe Beispiele.

Ein völlig neuer Ansatz gelang Koberling dann MItte der 60er Jahre mit seinen "Überspannungen": der Überlagerung mehrerer Nesselschichten mit unterschiedlichen "Malinhalten", die abschließend mit einer transparenten Plastikfolie fixiert werden. Sie lassen die Landschaft auf plakative Weise seltsam entrückt erscheinen.

1969 ging Koberling mit einem Stipendium nach Rom – und stürzte in eine große Schaffenskrise. Das, was er sah, war mit seinem Malverfahren nicht zu packen. "Was für eine Enttäuschung, der Koberling", hätten die Italiener gesagt. Einen neuen Deutschrömer habe man sich gewünscht, entsetzt sei man gewesen. Von Bildern wie dieser an Böcklins "Toteninsel" gemahnenden Aschelandschaft mit ihren Trauerzypressen – nicht zuletzt Ausdruck großer Verzweiflung.

Auch aus dieser Krise arbeitete sich Koberling heraus, zum Beispiel mit seinen Jutebildern, die zwischen 1974 und 1982 entstanden. Der malgrund schiebt sich nach vorne, der Strich zerplatzt, die Farbe arbeitet sich teils von hinten durch die raue Oberfläche.

Und dann tauchen plötzlich, in den 80er Jahren, sogar Menschen und Tiere auf in der zuvor so unberührten Landschaft. Urban werden die Gemälde trotzdem nicht. Der Wunsch, die Naturauffassung der Romantik auf ganz eigene, nicht rückwärtsgewandte, sondern utopische Art und Weise weiterzumalen, bleibt auch hier bestehen.

Manchmal werde ihm unterstellt, er sei nicht modern genug und "nicht in der Großstadt angekommen", sagt Koberling. "Dann bin ich eben an dieser Stelle mehr eine Art von Neanderthaler. Die größte Klarheit und die tiefsten Glücksgefühle habe ich, wenn ich mich in der Natur aufhalte." In Duisburg ist viel von diesen Glücksgefühlen spürbar.

Und hat sich das Verhältnis zur Natur in den sechs Jahrzehnten künstlerischen Schaffens grundlegend verändert, so wie sich die Malerei verändert hat? "Eigentlich nicht", antwortet Koberling. Es sei immer noch das Aufregendste für ihn, in die Natur zu gehen. Vielleicht nur dahingehend, dass er sich deshalb nicht mehr schuldig fühle. "Ich bin erlöst und kann nur noch malen, malen, malen."

Was mit "Erlösung" gemeint ist, demonstrieren vor allem jene Gemälde, die zwischen 2002 und 2017 entstanden sind und in Duisburg teils erstmalig zu sehen sind. Das ist expressive, aufregend farbige, von gesellschaftlichen Zwängen freie, autonome Malerei, von der man sich noch viele Werke wünscht.

Denn malen kann Bernd Koberling, mit fast 80 Jahren, besser denn je. "Bernd Koberling ist einer der Künstler, der sich immer wieder neu erfunden, dabei aber stets an seinem Lebensthema – der Landschaft als Sinnbild menschlichen Daseins – festgehalten hat", resümiert dem entsprechend MKM-Direktor Walter Smerling. Das gilt selbst für Bilder, wo Natur nur noch als Gestus vorkommt.

"Bernd Koberling. Werke 1963-2017" ist noch bis zum 28. Januar 2018 im Duisburger Museum Küppersmühle (MKM) zu sehen. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter, auch graphisch überaus ansprechender Katalog erschienen, der im Buchhandel und im Museumsshop zu erstehen ist.

Stand: 16.11.2017, 10:24 Uhr