Museum Ludwig: Fotograf dokumentiert seine Tuberkulose-Erkrankung

Museum Ludwig: Fotograf dokumentiert seine Tuberkulose-Erkrankung

Von Thomas Köster

Bekannt wurde der Kölner Fotograf Benjamin Katz in den 1980er Jahren mit seinen Künstlerporträts. Jetzt hat das Museum Ludwig eine frühe Serie angekauft, in der Katz seine Tuberkulose-Erkrankung dokumentiert. Ein Anlass, um sich am 80. Geburtstag an den Aufenthalt im Berliner Krankenhaus Havelhöhe zurück zu erinnern.

"Ich war 18 Monate auf Havelhöhe", erinnert sich Katz an das Berliner Krankenhaus. "Für mich war dieser Aufenthalt eine nötige Bremse in einem bislang unsoliden Leben: Berlin, die Kunstakademie, der Tod meiner Mutter, dann die Depression – ich war gesundheitlich so angegriffen, dass man mir 1960 sagte: 'Du hustest so stark, jetzt musst du endlich zum Arzt'. Da war ich 21 Jahre alt."

"Ich erlebte in Havelhöhe eine ganz andere Welt. Da waren bodenständige Leute. Es entwickelte sich aus dieser Situation, mit anderen Menschen eine lange Zeit an einem Ort zu verbringen, so etwas wie eine Familie. Musik hat mir sehr geholfen – neben der Fotografie, mit der ich das Leben im Krankenhaus festhielt. Die Kamera war für mich eine lebensrettende Angelegenheit."

"Ich hatte mir die Rolleiflex für das Studium an der Hochschule für bildende Künste in Berlin gekauft, was damals ein Luxus war. Mit ihr fotografierte ich auch die Angestellten des Krankenhauses. Die Frau, die zwischen den Kanistern steht, verteilte das Essen. Es gab zum Beispiel Gemüseeintopf. Ich mochte sie sehr, sie war eine sehr charmante Frau."

"Die Aufnahme des jungen Mannes auf der Treppe war ein bewusster Bezug auf Alexander Rotschenko, den ich sehr schätzte. Der Mann war ein netter Kerl. Er teilte das Zimmer mit einem Österreicher, der Sekretär des Tänzers und Ballettmeisters der Deutschen Oper war."

"Einen Monat lag man mit Tuberkulose fest im Bett, dann durfte man draußen an der frischen Luft liegen. Dabei habe ich mich mit diesem kleinen Eichhörnchen angefreundet. Es kam täglich zu mir, weil ich schon mit Futter auf es wartete. Einmal habe ich die Rolleiflex bereitgehalten, die Schärfe eingestellt und abgedrückt."

"Den Mitpatienten in der Streifenjacke – das war damals die Krankenhauskleidung – habe ich viel fotografiert Er hatte ein gutes Gesicht und hätte auch ein Künstler aus den 1920er Jahren sein können. Ein anderer Patient, mit dem ich das Zimmer teilte, war ein ehemaliger Industrieller, der sein Vermögen verloren hatte."

"Eine Aufnahme zeigt zwei über Eck stehende Gebäude mit ihren Schlagschatten. Nur ein Mann steht auf der sonst menschenleeren Straße, die rechts zum Ausgang des Krankenhauses führte. Die Fotografie erinnert mich an Giorgio de Chiroco, der mir schon früh sehr viel bedeutete."

"Man muss bedenken, dass das Gelände mit dem Krankenhaus für die nationalsozialistische Luftkriegsakademie gebaut worden war. Die Patientenzimmer und Operationssäle waren hergerichtet, aber alles andere stand leer, und es war noch wie in der Nazizeit. Ich habe die vom Gebäude abgeschlagenen Naziskulpturen fotografiert, die noch in einer Ecke herum lagen."

"In der Nähe von Havelhöhe liegt das Naherholungsgebiet Gatow. Die Wälder waren traumhaft; dort spazieren zu gehen war sehr erholsam. In Gatow habe ich einen Mann fotografiert, der für mich den typischen Nazi repräsentiert. Dieser Blick – wenn Blicke töten könnten!"

"Der Aufenthalt in Havelhöhe war für mich eine Zäsur, ein Bruch, aber auch eine Ruhephase von eineinhalb Jahren, um über mein Leben und über meine Zukunft nachzudenken. Es gab keinen Stress von außen, das Leben war geregelt, man wurde täglich gefüttert, das hat auch gutgetan. Ich entwickelte neue Kräfte, kam mit großem Optimismus und extrem gut gelaunt raus."

"Wir haben versucht, aus der tragischen Situation im Sanatorium etwas zu machen", resümiert Katz. "Man musste das mit einem gewissen Humor nehmen." Den Humor hat der Fotograf, der am 14. Juni 2019 stattliche 80 Jahre alt wird, bis heute behalten. Und seinen Blick für Menschen in Havelhöhe geschult. Dass das Museum Ludwig die 45 Großformate und rund 300 Vintage-Prints jetzt angekauft hat, war ein Glücksgriff.

"Heute bin ich ganz gesund", sagt der Kölner Fotograf. "Ich habe das schon 1976, als ich zur Beerdigung von Marcel Brodthaers in Brüssel war, nachprüfen lassen." Na dann: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Benjamin Katz!

"Benjamin Katz. Berlin Havelhöhe" ist noch bis zum 22. September 2019 im Fotoraum des Museum Ludwig in Köln zu sehen. Zur Ausstellung ist ein wundervoll gestalteter Katalog erschienen, dem ein Großteil der Erinnerungen von Katz in dieser Fotostrecke entnommen sind.

Stand: 07.06.2019, 09:00 Uhr