Schöngeist und Bauvisionär

Schöngeist und Bauvisionär

Industrieller, Kunsthistoriker, Mäzen
geboren 1874 in Hagen, gestorben 1921 Meran (Südtirol)

Einen bürgerlichen Beruf hat er nie erlernt. Aus dem Hagener Bankierssohn, der sich sein Erbe auszahlen lässt, wird ein sehr vermögender Kunstsammler, Bauvisionär und Förderer der Kultur, vielleicht der wichtigste der Reformzeit. Für seine ehrgeizigen Projekte holt er namhafte Architekten nach Hagen, darunter Henry van de Velde, Peter Behrens, Richard Riemerschmid und Bruno Taut. Der Versuch seines Vaters, aus ihm einen Kaufmann zu machen, führt in den psychischen Zusammenbruch. Schließlich beginnt der junge Osthaus ein Studium der Philosophie und Kunstgeschichte und lässt sich nacheinander an sechs verschiedenen Universitäten immatrikulieren. Ein früher Verweis auf das folgende unstete Leben eines Getriebenen. In Gertrud Osthaus findet er eine Ehefrau, die seine Liebe zur Kunst teilt und die in die gemeinsamen Projekte stark eingebunden ist. Aus der Ehe gehen fünf Kinder hervor.  Doch 1916 , fünf Jahre vor seinem Tod, verlässt sie ihren Mann, ein damals sehr ungewöhnlicher Schritt.

Hagen als kulturelles Zentrum des Westens

Osthaus will das provinzielle Hagen und das Ruhrgebiet insgesamt ins Zentrum einer Kulturbewegung rücken und den im Kaiserreich verbrochenen Bausünden durch Idealsiedlungen und Kutureinrichtungen etwas entgegenstellen. Der Erste Weltkrieg und Karl Ernst Osthaus' früher Tod mit nur 47 Jahren haben es verhindert. Dennoch ist in den ersten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts Beachtliches entstanden.

Erstes Museum für moderne Kunst

Osthaus gründet zwei Museen: das Folkwang-Museum, das erste für moderne Kunst überhaupt (heute Osthaus-Museum) und das Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe. Letzteres soll den Zielen des Deutschen Werkbundes dienen, in dem Osthaus eine führende Rolle spielt. Ein weiteres Großprojekt ist die als Gartenstadt und Künstlerkolonie geplante Siedlung Hohenhagen, von der allerdings nur weniges wirklich gebaut wird, darunter die Osthaus-Villa Hohenhof, der Mittelpunkt seiner zahlreichen Aktivitäten.

Ohne Osthaus hätte es Bauhausdirektor Gropius nicht gegeben

Das einzige fertiggestellte Bauensemble in dieser Idealstadt stammt von dem holländischen Architekten Mathieu Lauweriks. Der ist ab 1909 als enger Mitarbeiter von Osthaus in Hagen tätig. Lauweriks geht nach der von ihm entwickelten Methode des "Entwerfens nach System" vor. Das trifft insbesondere auf die "Hagener Silberschmiede" und das "Handfertigkeitsseminar" zu, eine Kunstgewerbeschule, die er leitet und die manches von dem vorwegnimmt, woran sich später auch das Bauhaus orientiert. Obwohl auch Walter Gropius Lauweriks in Hagen begegnet sein muss, ist das nicht dokumentiert. Osthaus' Verhältnis zu Gropius ist ein besonderes, aber wenig erforschtes Kapitel der Moderne. Ohne Karl Ernst Osthaus hätte es den Bauhausdirektor Gropius nie gegeben.

Karl Ernst Osthaus

Osthaus Museum (Folkwang-Museum & Karl-Ernst-Osthaus-Museum), Straßenfassade, 1902

Das erste Museum für moderne Kunst, heute Osthaus-Museum, entstand vor dem Ersten Weltkrieg in Hagen.

Das erste Museum für moderne Kunst, heute Osthaus-Museum, entstand vor dem Ersten Weltkrieg in Hagen.

Kathedrale der Kunst: Die Eingangshalle des Folkwang-Museums, das heute nach seinem Gründer Osthaus benannt ist, wurde von Henry van der Velde als moderne Weihestätte gestaltet. Der Kunstmissionar Karl Ernst Osthaus erregte damit Aufsehen im In- und Ausland. Der Enthusiasmus der Hagener Bevölkerung hielt sich dagegen in Grenzen.

Karl Ernst Osthaus setzte alle medialen Hebel in Bewegung, um seine Botschaften zu verbreiten. Dia-Vorträge, damals der letzte Schrei, gehörten zum Repertoire. Auch Walter Gropius, den Osthaus förderte, hat hier Vorträge gehalten. Der Vortragssaal im heutigen Osthaus-Museum wurde von Peter Behrens gestaltet.

Im Jahr 1909 gründete Karl Ernst Osthaus das  "Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe" in Hagen. Es hatte eine große Sammlung, aber kein festes Gebäude und sollte die Ideen des Deutschen Werkbundes verbreiten. Osthaus hat Walter Gropius in die Museumsarbeit eingebunden, der die dabei gewonnenen Erfahrungen später auf das Bauhaus übertragen konnte.

Im Jahr 1910 fand die erste Ausstellung des "Sonderbundes" im Städtischen Kunstpalast zu Düsseldorf statt. Karl Ernst Osthaus hatte die Vereinigung von Künstlern, Sammlern und Museumsfachleuten ein Jahr zuvor ins Leben gerufen mit dem Zweck, eine Verbindung zwischen Kunstschaffenden und dem Publikum herzustellen.

Das Interieur, das Mathieu Lauweriks für die Bank von Karl Ernst Osthaus in Hagen entwarf, wird dem Jugendstil zugeordnet. Es ist der von Lauweriks selbst massiv beeinflusste sachliche Stil der Reformzeit, den man deshalb auch Reformstil nennen könnte. Er nahm die "Neue Sachlichkeit" der Zwanzigerjahre vorweg.

Wo die Kunst zu Gast war: In der Hagener Gartenstadt und Künstlerkolonie Hohenhagen entstand die Privatvilla von Karl Ernst Osthaus, der Hohenhof. Osthaus machte sie zum Zentrum seiner vielfältigen kulturellen Aktivitäten. Der Architekt war Henry van der Velde. Im Gärtnerhaus wohnte der Architekt, Designer und Hausphilosoph Mathieu Lauweriks, bis sein eigenes Haus "Am Stirnband" fertig war.

Die "Villa Osthaus" ist eine Reminiszenz an das "vorbildliche Kunsthandwerk". Karl Ernst Osthaus wollte keine Möbelstücke aus seinem ehemaligen Wohnsitz nach Hohenhagen überführen. Deshalb ließ er die gesamte Inneneinrichtung speziell für die Villa entwerfen. So entwickelte sich die bemerkenswerte Einheitlichkeit.

Im Empfangszimmer der Osthaus-Villa Hohenhof hing und hängt bis heute ein wandfüllendes Gemälde des Schweizers Ferdinand Hodler. Dessen Titel - "Der Auserwählte" - lässt wenig Raum für Interpretationen.