Vergessener Vordenker

Vergessener Vordenker

Architekt, Theoretiker, Grafiker, Designer
geboren 1864 in Roermond, gestorben 1932 in Amsterdam

Der Holländer Mathieu Lauweriks ist einer der führenden Künstler des niederländischen Jugendstils, bevor er diese Stilrichtung hinter sich lässt und eine moderne Entwurfsmethode entwickelt: das "Entwerfen nach System". Der Universalist und große Denker tritt vor allem als Theoretiker, Publizist und Lehrer in Erscheinung, aber auch als Designer und stilbildender Ausstellungsarchitekt. Bauten hinterlässt er nur wenige. Da er keine monumentalen Werke erschafft und seine komplexen Theorien kaum in andere Sprachen übersetzt werden, bleibt er außerhalb Hollands weitgehend unbekannt.

Glaube an die göttliche Ordnung

Der Sohn eines Bildhauers lebt sein ganzes Leben in einem künstlerischen Milieu. Er wächst in Amsterdam im Hause des Architekten Pierre Cuypers auf, in dessen Atelier er einige Jahre arbeitet. Später gründet er mit dem Architekten Karel de Bazel die Kunstschule Vahana, die der holländischen Architekturszene eine neue Richtung gibt und eine Vielzahl von Epigonen findet, darunter auch der große Hendrik Berlage. Ein tiefer Glaube an die göttliche, die "theosophische" Ordnung der Dinge und die Ablehnung der verkrusteten Verhältnisse in Kunst und Gesellschaft verbindet Lauweriks und de Bazel, die zu Pionieren einer neuen Avantgarde werden.

 Von Peter Behrens nach Düsseldorf berufen

Von dem Keramiker und Grafiker Jan Hessel de Groot übernimmt Lauweriks die Theorie des "Entwerfens nach System", die auf Geometrie beruht und die er aus der flächigen Grafik in die Räumlichkeit überträgt. Ende des 19. Jahrhunderts arbeitet er als Chefredakteur der Zeitschrift "Architectura", einem einflussreichen Medium im Diskurs der Moderne und gründet später die avantgardistischen Zeitschriften "Ring" und "Wendingen". 1904, nun Lehrer an der Reform-Kunstgewerbeschule in Haarlem, wird er von Peter Behrens als ausgewiesener Reformer an die Kunstgewerbeschule Düsseldorf berufen. Wo er unter Behrens die Architekturklasse übernimmt und als charismatischer Lehrer nicht nur seine Studenten, sondern auch Behrens inspiriert. Lauweriks Meisterschüler in Düsseldorf ist Adolf Meyer, mit dem er die schöpferische Besessenheit und Akribie sowie dieselben sozialreformerischen Ziele teilt.

Lauweriks wird zentrale Figur des "Hagener Impulses"

Nachdem Behrens Düsseldorf verlässt, wird Lauweriks vom Kunstliebhaber und Bauvisionär Karl Ernst Osthaus nach Hagen geholt. Osthaus plant ein Kulturzentrum mit internationaler Ausstrahlung. Der Holländer ist nun sein kongenialer Partner vor Ort. Osthaus gründet unter anderem das  "Handfertigkeitsseminar", eine progressive Kunstgewerbeschule, die Lauweriks leitet. Dort sollen einfache Dinge entstehen, die schön und praktisch sind. Ziele, die der Aganda des Deutschen Werkbunds entsprechen und später auch vom Bauhaus übernommen werden - wie auch das Konzept der Reformwerkstätten. Lauweriks ist eine zentrale Figur dieser Entwicklungen, die heute als "Hagener Impuls" bezeichnet werden, jedoch tatsächlich in einem größeren Zusammenhang gesehen werden müssen: als ein Ideentransfer von West nach Ost. Im Ersten Weltkrieg muss Lauweriks Deutschland verlassen und geht zurück nach Amsterdam.

Einfluss auf das Weimarer Bauhaus

Lauweriks inspirierte mit seiner Entwurfstheorie auch zahlreiche Bauhausschüler. Anfang der 1920er Jahre besucht er Adolf Meyer, seinen Schüler, Freund und Gleichgesinnten, häufig am Bauhaus in Weimar. Der charismatische Holländer, inzwischen Mitte 50, und sein "Entwerfen nach System" sind an dem nach Sinn suchenden und experimentierfreudigen Bauhaus mehr als willkommen. Betrachtet man die rapide Zunahme der Entwürfe in dieser Zeit und deren systematischen Charakter, so ist der Einfluss Lauweriks offensichtlich. Marcel Breuer, der als Bauhaus-Schüler die Stahlrohrmöbel entwickelt, hat dies schon damals unumwunden eingeräumt. Der entscheidende Beitrag Lauweriks für die frühe Moderne in Deutschland wird bis heute jedoch kaum gewürdigt. Die stilistische Linie, die von Amsterdam bis ins Bauhaus reicht - der Bauhaus-Code - bleibt unsichtbar.

Mathieu Lauweriks

Handfertigkeitsseminar: Dozenten und Schüler – Lauweriks ist der zweit von links im dunklen Anzug

Karl Ernst Osthaus holte den Universalisten Mathieu Lauweriks 1909 für verschiedene Aufgaben nach Hagen: Er übernahm die Leitung der "Hagener Silberschmiede", plante die Siedlung "Am Stirnband" - und wurde Architekt und Direktor der Kunstgewerbeschule, dem so genannten Handfertigkeitsseminar. Lauweriks, der zweite von links (im dunklen Anzug), im Kreise der Belegschaft, darunter zahlreiche Holländer.

Karl Ernst Osthaus holte den Universalisten Mathieu Lauweriks 1909 für verschiedene Aufgaben nach Hagen: Er übernahm die Leitung der "Hagener Silberschmiede", plante die Siedlung "Am Stirnband" - und wurde Architekt und Direktor der Kunstgewerbeschule, dem so genannten Handfertigkeitsseminar. Lauweriks, der zweite von links (im dunklen Anzug), im Kreise der Belegschaft, darunter zahlreiche Holländer.

Das neu gegründete "Staatliche Handfertigkeit-Seminar" war eine fortschrittlichen Kunstgewerbeschule, an der das Entwerfen nach System praktiziert wurde - im Design, aber auch in der innovativen Grafik.

Zur Methode des systematischen Entwerfens gehört der Gesamtentwurf, bei dem alle räumlichen Elemente aufeinander bezogen werden. Dies zelebrierte Mathieu Laueriks nicht zuletzt bei seiner modernen Ausstellungsarchitektur. Hier ein Saal, den er 1913 für die Hagener Abteilung auf der Weltausstellung in Gent entwarf.

Systemmobiliar: Diese Holzmöbel aus dem Hagener Handfertigkeitsseminar entstanden um 1910. Die dortige Lehre beruhte auf Mathieu Lauweriks „Entwerfen nach System“. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich das Gefühl für Proportionen planmäßig entwickeln lässt.

Die sachlichen Entwürfe der Zwanzigerjahre, wie sie später auch am Bauhaus entstanden, werden in Hagen um mehr als ein Jahrzehnt vorweggenommen. Die Sessel erinnern mit ihren Armlehnen an die ähnlich konstruierten Sitzmöbel im Weimarer Direktorenzimmer von Walter Gropius.

Auch die Verbindung sachlich-geometrischer und religiöser Motive war eine Spezialität von Mathieu Lauweriks: Eingangsraum der Ausstellung für Christliche Kunst, die - ausgeführt vom Hagener Handfertigkeitsseminar - 1909 in Düsseldorf gezeigt wurde.

Raumkunst: Die Auffassung der Architektur und Innenarchitektur als Konstruktion abstrakter Räume hat Mathieu Lauweriks nicht zuletzt bei seinen Ausstellungen umgesetzt. Augenfällig sind seine Liniensysteme.

Die Theosophie war für Mathieu Lauweriks die metaphysische Grundlage seiner Arbeit, die er als Teil einer kosmischen Ordnung auffasste. Titelblatt der Zeitschrift Theosophia, das der Alleskönner 1896 selbst gestaltete.

Mathieu Lauweriks war darin versiert, sein Entwurfssystem auf Gebrauchsgegenstände anzuwenden. Genau das brauchte man in den Bauhaus-Werkstätten. Eine Kanne von 1913.

Sachliche Typographien waren ein zwangsläufiges Ergebnis des systematischen Entwerfens. Das Quadratur-Alphabet von Mathieu Lauweriks erinnert stark an die Schrift am Dessauer Bauhaus.

Das Thorn-Prikker-Haus in der Hagener Siedlung "Am Stirnband" ist gebaute Philosophie. Systematisch durchdacht bis in jede Einzelheit und deshalb perfekt, aber teuer.

Avantgardeblatt: Durch die Herausgabe der Zeitschrift RING, die den Namen des Vereins der Schüler und ehemaligen Schüler der Kunstgewerbeschule trägt, versucht Mathieu Lauweriks den Kontakt zu den neuen Kunstrichtungen aufrechtzuerhalten. Nach einer Probenummer erscheint die erste von insgesamt sechs offiziellen Nummern im Oktober 1908.