Der Gentlemanarchitekt

Der Gentlemanarchitekt

Architekt und Hochschuldirektor
geboren 1883 in Berlin, gestorben 1969 in Boston, USA

Walter Gropius gehört heute zu den berühmtesten Architekten der frühen Moderne. 1919 wird er Direktor an der Hochschule für Bildende Künste in Weimar und benennt sie in "Staatliches Bauhaus" um. Dass er dafür auf ein ganzes Netzwerk an Reformern zurückgreifen kann, ist kaum bekannt. Dabei sind seine Kontakte in Deutschlands Westen der Schlüssel zu seinem spektakulären Aufstieg: insbesondere durch die enge Freundschaft zum Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus, den er über viele Jahre hinweg häufig in Hagen besucht und mit dem er eine intensive Korrespondenz führt. Durch Osthaus wird Gropius Mitglied im Deutschen Werkbund, jener Vereinigung, in der sich die Reformbewegung institutionalisiert und deren Design-Agenda mit der des Bauhauses praktisch identisch ist. Osthaus schlägt ihn später seinem Freund Henry van de Velde als Direktor in Weimar vor.

"Mädchen für alles" bei Behrens

Gropius und Osthaus treffen sich 1907 in Spanien. Eine Zufallsbekanntschaft. Karl Ernst Osthaus empfiehlt den zehn Jahre jüngeren Gropius, damals 24 und Studienabbrecher, an Peter Behrens. Behrens ist gerade dabei, Personal für sein Berliner Büro für den legendären AEG-Auftrag einzurichten und beschäftigt Gropius, der nicht zeichnen kann, als "Mädchen für alles". Bei Behrens lernt Gropius Adolf Meyer kennen, mit dem er 1910 ein Architekturbüro gründet, eine Partnerschaft, die bis 1925 besteht. Über Meyer und Osthaus hat Walter Gropius auch Kontakt zu Mathieu Lauweriks, den Osthaus 1909 als Direktor der dortigen Kunstgewerbeschule nach Hagen holt und bei dem Meyer Architektur studiert hat. Doch der Holländer wird eine seltsame Unperson in Gropius Leben bleiben - obwohl Lauweriks Einfluss bei wichtigen Ereignissen wie 1913 bei der Weltausstellung in Gent und der Werkbund-Ausstellung in Köln 1914 überdeutlich ist.


Lauweriks Einfluss unverkennbar

Ab 1919, Gropius ist nun Hochschuldirektor in Weimar, wird das Büro von Gropius und Meyer ins Bauhaus integriert, eine Konstellation, die Konfliktstoff bietet – bis hin zu Parlamentsanfragen und juristischen Auseinandersetzungen. Lauweriks Methoden, insbesondere das "Entwerfen nach System", sind am Bauhaus bekannt. Beim "Direktorenzimmer", das 1923 zur "Großen Bauhausausstellung" entsteht und entgegen der Vereinbarung allein Gropius zugeschrieben wird, sind Anleihen daran deutlich erkennbar. Aber auch ein Gutteil des Ruhms, den das Bauhaus in puncto Design erlangt, beruht auf Entwürfen mit systematischen Charakter, darunter das modulare Kinderzimmer von Alma Buscher, die Funktionsküche von Benita Koch-Otte und die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer. Direktor Gropius ist daran nicht beteiligt.

 

Walter Gropius

Weltberühmte Glasfassade: Das Dessauer Bauhaus ist eine Ikone der modernen Architektur. Als Urheber gilt gemeinhin Walter Gropius.

Die Pläne für das Fagus-Werk in Alfeld, das eine "Musterfabrik" ist, weil die einzelnen Gebäude entsprechend dem Produktionsfluss angeordnet sind, stammen von Eduard Werner, einem erfahrenen Industriearchitekten aus Hannover. Adolf Meyer und Walter Gropius sind für die Fassade des Bürotraktes verantwortlich, der die Blicke der vorbeifahrenden Bahnreisenden auf sich ziehen soll.

Werkbundausstellung Köln 1914: Die Berliner Firma Breest & Co. lieferte das Kernstück der "Musterfabrik" von Walter Gropius und Adolf Meyer. Die riesige und hochmoderne Maschinenhalle übernahm man von der vorangegangenen  Leipziger Bauausstellung.

Der Kappe-Bau in Alfeld: In dieser Kleinstadt im südniedersächsischen Bergland entstand 1924 ein kompletter Neubau. Es war der erste Großauftrag für Walter Gropius und Adolf Meyer und zugleich ihr erstes vollständiges Gebäude im neusachlichen Stil. Auftraggeber waren die Gebrüder Kappe, denen eine Fabrik für Landmaschinen gehörte. Gropius hat das Gebäude nicht in seinem Werkverzeichnis aufgenommen. Die Entwürfe stammten von Fred Forbat.

Die isometrische Zeichnung des Direktorenzimmers darf in keinem Bauhausbuch fehlen und hat den Raum zur Ikone gemacht. Dabei ist gar nicht klar, ob er je fertig wurde. Der Entwurf, der Gropius zugeschrieben wird, ist stark an der "Raumkunst" Mathieu Lauweriks orientiert: Ein Musterbeispiel für dessen Entwerfen nach System, das der Gropius-Partner Adolf Meyer von seinem Lehrer Lauweriks übernahm. Die Zeichnung stammt von Herbert Bayer.

Auch der holländische "de Stijl"-Künstler Theo van Doesburg begriff Architektur und Malerei als Einheit. Im Entwerfen eines Raumes auf flachen Grund sah er einerseits die mediale Abhängigkeit, andererseits die Möglichkeit, Abstraktion zu testen und zu erforschen. Die Künstlergruppe "de Stijl" beeinflusste auch die deutsche Reformbewegung.

Der bekannte Sessel aus dem Weimarer Direktorenzimmer aus dem Jahr 1923 ist wohl ein Entwurf des Möbelbauers Adolf Meyer. Ähnlichkeiten der Konstruktion verweisen auf Möbel, die vor dem Ersten Weltkrieg im Hagener Handfertigkeit-Seminar, das Meyers Lehrer Mathieu Lauweriks leitete. Dass es sich um einen Entwurf von Walter Gropius handelt, ist wenig wahrscheinlich.

2006 erklärte die UNESCO das Bauhausgebäude zu Weltkulturerbe. Bis dato war das Gebäude nicht saniert worden.

Kunst und Technik: Die Kippfenster am Dessauer Bauhausgebäude sind mit einer robusten Mechanik ausgestattet.

Neues Bauen: Dieser Wohnblock in der Siemensstadt war eines der letzten Berliner Projekte des Baubüros Gropius um 1930.

Neues Wohnen: In den 1950er Jahre entstand die Idee der Berliner Großwohnsiedlung. Mit viel Licht, Luft und Sonne sollten die Bewohner dem engen Stadtraum entfliehen können. Der Mauerbau 1961 zwang die Gebäude schließlich in die Höhe, da die Wachstumsfläche begrenzt war.