Der Alleskönner

Der Alleskönner

Architekt, Designer
geboren 1868 in Hamburg, gestorben 1940 in Berlin

Peter Behrens war einer der wichtigsten Gestalter der Reformzeit und ein Pionier der Sachlichkeit. Der Sohn einer Gutsbesitzerfamilie wächst in Hamburg auf und verlässt das Gymnasium vorzeitig. In München arbeitet er als Maler und Grafiker, beteiligt sich noch vor 1900 an Künstlergruppen, die sich von der klassischen Maltradition lossagen und dem Jugendstil zuwenden. Als Mitbegründer der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk, der ersten deutschen Reformwerkstätte nach englischem Vorbild, wird er um die Jahrhundertwende zum Grenzgänger zwischen Avantgarde und Gewerbe. Behrens, der Alleskönner, entwirft Geschirre, Bestecke, Gläser, Leuchten, Tapeten und Möbel, aber auch Plakate und Schriften.

Quantensprung in Düsseldorf

Gleich sein erstes Haus, das der Autodidakt 1901 für die "Künstlerkolonie" auf der Darmstädter Mathildenhöhe als Gesamtkunstwerk entwirft, verhilft ihm zum Durchbruch. Zu seinem frühen Förderer wird der Krefelder Museumsdirektor und Talentsucher Friedrich Deneken. 1903 wird Behrens Direktor der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf – als Teil einer Modernisierung, die zwar auf Widerstand stößt, aber einen Quantensprung der Reform bedeutet.

Hilfe aus Amsterdam

In Düsseldorf vollzieht sich nicht nur Behrens Wandlung zum modernen Architekten und Designer. Hier erhält auch die Reformbewegung als Ganzes eine entscheidende Richtungskorrektur. Doch Behrens, damals Mitte 30 und als Architekt noch ganz am Anfang, ist zwar von Traditionen unbelastet, kann aber die Erneuerung mangels Erfahrung nicht allein bewältigen. Er holt sich Rat bei Deneken in Krefeld, einem Kenner der holländischen Kunst- und Architekturszene. Der empfiehlt ihm Mathieu Lauweriks, einen Architekten aus Amsterdam , den Behrens daraufhin beruft und zum Leiter der Architekturklasse macht.

Vordenker Lauweriks

Lauweriks, ein scharfsinniger Theoretiker, hat eine neuartige Entwurfsmethode entwickelt, das "Entwerfen nach System". Damit verbunden ist das Denken in Raumbeziehungen, das Behrens übernimmt. Erkennbar an seinen Bauten wie dem Krematorium in Hagen. Der Vordenker Lauweriks sensibilisiert Behrens nicht nur für Kategorien der modernen Architektur, wie Geometrie und Räumlichkeit, sondern auch für die Betrachtung jeder Gestaltungsaufgabe als Gesamtkunstwerk.

AEG vergibt Vorzeigeprojekt der Reformzeit

Behrens erhält Bauaufträge von Karl Ernst Osthaus für dessen ambitioniertes Reformprojekt im nahegelegenen Hagen. Als 1907 der Deutsche Werkbund gegründet wird, dessen Ziel nicht zuletzt darin besteht, Kunst und Technik zu vereinen, sind Behrens und Osthaus darin führende Köpfe. Im selben Jahr erhält Behrens den Auftrag, den Berliner Elektrokonzern AEG von Grund auf neu zu gestalten. Eine Aufgabe, die alles umfasst, vom Briefkopf über Geräte wie Toaster und Ventilatoren bis hin zu gigantischen Fabrikanlagen. Bei diesem Vorzeigeprojekt der Reformzeit kann Behrens das anwenden, was er gerade in Düsseldorf gelernt hat, insbesondere die Systematik à la Lauweriks. In seinem sagenhaften Baubüro in Berlin-Neubabelsberg debütieren Berufsanfänger, die später erfolgreich oder sogar weltberühmt werden - darunter Carl Fieger, Walter Gropius, Adolf Meyer und Ludwig Mies van der Rohe. Diese vier gehen später allesamt ans Bauhaus. In den Zwanzigerjahren gelingt es Behrens, dem Veteranen der Sachlichkeit, sich als Vertreter des Neuen Bauens zu profilieren.

Peter Behrens

Der Kuss, Farbholzschnitt, 1898

Peter Behrens begann seine Karriere als Jugendstilkünstler in München. Hier eines seiner Plakate: "Der Kuss", Farbholzschnitt von 1898.

Peter Behrens begann seine Karriere als Jugendstilkünstler in München. Hier eines seiner Plakate: "Der Kuss", Farbholzschnitt von 1898.

1907 wird Behrens "künstlerischer Beirat" der AEG, ein Posten, der für ihn geschaffen wurde. Er soll das Erscheinungsbild des Elektrokonzerns von Grund auf modernisieren. (Plakat um 1907)

Raumgeometrie: Diese Zeichnung eines Baderaums hat ein Student von Peter Behrens 1904 angefertigt. Sie erinnert stark an ähnlich ganzheitliche Entwürfe von Mathieu Lauweriks, den Architekten aus Amsterdam, den Behrens gerade als Professor an die Kunstgewerbeschule in Düsseldorf verpflichtet hatte.

In seiner Zeit als Direktor in Düsseldorf überwand Peter Behrens den Jugendstil und entwickelte sich zum Architekten und Innenarchitekten. (Eingangsraum des Hagener Tapeten-und Linoleumgeschäfts Klein um 1906)

Das Krematorium, das der Architekt Peter Behrens 1906/07 entwarf, ist nicht nur in architektonischer Hinsicht revolutionär. Es war zu seiner Entstehungszeit ein gewagter Versuch des Hagener Vereins für Feuerbestattung, seine Interessen durchzusetzen. Fünf Jahre später, 1912, konnte die erste Feuerbestattung im Hagener Krematorium durchgeführt werden. Bis dahin war die Gesetzeslage restriktiv.

Im Inneren zeigt das Krematorium deutliche Anleihen an die Lauwerik'schen Liniensysteme.

Die Turbinenhalle in Berlin-Wedding gilt als ein Hauptwerk von Peter Behrens und der Moderne überhaupt. Dieser Monumentalbau hat die Phantasie der Architekturhistoriker nicht ruhen lassen - auch wegen des vermeintlichen Einflusses auf Gropius. Dabei handelt es sich wohl weitgehend um Scheingefechte. Denn hinter Behrens’ Autorenschaft an diesem Bauwerk stehen Fragezeichen.

Blick in die 123 Meter lange Turbinenhalle, einem Tempel der Industrie, in dem Kunst und Technik koalierten.

Mythischer Ort: Das Atelier Erdmannshof von Peter Behrens in Berlin-Neubabelsberg, in dem von 1908 bis 1918 unzählige Entwürfe für den Elektro-Konzern AEG entstanden, wurde zum Anziehungspunkt für junge Architekten und zu einer Legende. Auf dem Foto zu sehen sind Ludwig Mies van der Rohe, Adolf Meyer, Jean Krämer und Walter Gropius, die allesamt erfolgreich und teilweise weltberühmt wurden.