Münsteraner Museen beleuchten Friedensideal

Frieden. Von der Antike bis heute, Münster 2018 (Ausstellungsansicht)

Münsteraner Museen beleuchten Friedensideal

  • Große Ausstellung zum Thema "Frieden"
  • Fünf Museen in Münster beteiligt
  • Auch Picassos Friedenstaube zu sehen

Von Tauben und Friedensgöttinnen: Den Vorstellungen des Friedens von der Antike bis heute widmen gleich fünf Museen in Münster ein gemeinsames Ausstellungsprojekt.

Genau 400 Jahre nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges und 100 Jahre nach dem Friedensschluss von Versailles spürt die kunst- und kulturgeschichtliche Schau mit insgesamt 660 ausgestellten Arbeiten und Objekten dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln nach. Die Schau startet am Samstag (28.04.2018) und läuft noch bis Anfang September.

Frieden - Ausstellungsprojekt in Münster

WDR 3 Kunstrezension | 27.04.2018 | 05:25 Min.

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Picasso-Museum zeigt 60 Werke zum Thema

Beteiligt sind das Archäologische Museum der Uni Münster, das Stadtmuseum, das LWL-Museum für Kunst und Kultur und das Bistum Münster. Das Picasso-Museum präsentiert 60 Arbeiten des Spaniers zum Thema - von der berühmten Friedenstaube in zahlreichen Versionen bis zu der während des Zweiten Weltkriegs entstandenen Skulptur "Mann mit Schaf".

Mehr als Abwesenheit von Krieg. "Frieden" in Münster

Von Thomas Köster

370 Jahre Westfälischer Frieden, 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs: Beide Jubiläen nimmt Münster zum Anlass, um sich in einer noch nie dagewesenen Museumskooperation Krieg und Frieden zu widmen. Mit überraschenden Aspekten.

Frieden. Von der Antike bis heute, Münster 2018 (Ausstellungsansicht)

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg, der 1648 im Historischen Rathaus von Münster ein Ende fand. Anlass genug für die Stadt, sich dem Thema Krieg und Frieden in einem einzigartigen Verbundprojekt aus fünf Partnern in vier Museen von der Antike bis zur Gegenwart zu widmen.

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg, der 1648 im Historischen Rathaus von Münster ein Ende fand. Anlass genug für die Stadt, sich dem Thema Krieg und Frieden in einem einzigartigen Verbundprojekt aus fünf Partnern in vier Museen von der Antike bis zur Gegenwart zu widmen.

Am Spannendsten ist vielleicht der Part, den das LWL-Museum für Kunst und Kultur übernommen hat. In "Wege zum Frieden" spannt es einen gewaltigen Bogen, der mit dem Westfälischen Friedenskongress beginnt. Dargestellt auf einem berühmten Gemälde Gerhard ter Borchs von 1648, das aus der Londoner National Gallery nach Münster kam.

Die "Beschwörung des Spanisch-Niederländischen Friedens am 165. Mai 1648" zeigt den Schwur der Gesandten, den Frieden ewiglich halten zu wollen. Links am Bildrand hat der Maler sich selbst eingefügt. Indem er den Betrachter unverwandt anschaut, wird dieser unmittelbar ins Geschehen hineingezogen. Ein wenig so, wie es die Münsteraner Ausstellungen auch versuchen.

Unter anderem mit spektakulären Dokumenten wie dem Friedensvertrag zwischen Schweden, dem Kaiser und dem Reich vom Oktober 1648 mit seinen schmucken Siegeln. Der wurde allerdings in Osnabrück unterzeichnet. Das Münsteraner Exemplar ist gleichzeitig im Stadtmuseum zu bewundern.

Thematisch zentrales Element der Münsteraner Schau ist auch der Erste Weltkrieg, der vor 100 Jahren endete und die Illusionen vieler deutscher Künstler, die teils euphorisch an die Front zogen, zunichtemachte. Besonders eindrucksvoll wird dieser Fall von Wilhelm Lehmbrucks "Der Gestürzte" (1915/16) illustriert, der das Elend in seiner ganzen Nacktheit vor Augen führt. Links: "Nie wieder Krieg!" (1924) von Käthe Kollwitz.

Fast unerträglich in seiner apokalyptischen Präsenz ist "Flandern" (1934-1936) von Otto Dix: das letzte Kriegsbild des Künstlers, auf dem er seine Erfahrungen als Soldat an der Westfront ins Bild fasst. Hier hat selbst der aufgewühlte Himmel nichts Tröstendes mehr.

Dass auf den Ersten Weltkrieg noch ein zweiter folgte, liegt sicher auch daran, dass die Bedingungen des Friedens als Schmach instrumentalisiert wurden. Von hier aus ist es zur Detonation der Atombombe auch nicht mehr weit, wie die Ausstellung demonstriert.

Und überhaupt: Auch wenn wir hierzulande seit 70 Jahren in einem – vielleicht trügerischen – Frieden leben, gibt es weltweit über 200 ausgetragene Konflikte mit hunderttausenden Opfern jährlich. Darauf verweist die Ausstellung durch die simple Gegenüberstellung von "Spiegel"-Coverbildern der letzten 50 Jahre. Am Ende: das atomare "Todesspiel"-Szenario mit Donald Trump und Kim Jong Un.

Da ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, auf Frieden und Nächstenliebe als Grundelemente des christlichen Glaubens zu verweisen. Das tut die Ausstellung "Frieden. Wie im Himmel so auf Erden?" des Bistums Münster im Erdgeschoss des LWL-Museum. Christus muss bis heute das Gewehr zerbrechen: wie auf diesem Holzschnitt des in Mülheim geborenen Otto Pankok von 1950, der es wiederum als Variante auf einen "Spiegel"-Titel schaffte. Und der ist ein Stockwerk höher zu sehen.

Den Völkern den Frieden verkünden: Das war das zweischneidige Schwert des frühen Christentums, dessen Konzept von Paulus stammte. Dessen goldenes Büstenreliquiar vom Anfang des 11. Jahrhunderts belegt die frühe Verehrung des Heiligen im Bistum Münster – und ist das älteste erhaltene Zeugnis des Domschatzes.

Dass Friedensmission auch Kriegsmission bedeuten kann, verschweigt die Ausstellung nicht. Ansatzweise Zeugnis hiervon gibt dieser Gipsabguss der Skulptur eines sich innig umarmenden Paares aus dem 12. Jahrhunderts. Der Mann ist gerade vom Kreuzzug zurückgekehrt. Das Gemetzel in Jerusalem muss man sich bei der friedlichen Darstellung eher dazudenken.

Wer heute an Frieden denkt, denkt schnell auch an Picassos Taube. Wohl kein anderer Künstler hat das alttestamentarische Symbol menschlicher Hoffnung derart pazifistisch aufgeladen - und damit eine Sintflut an Nachahmungen ausgelöst. Das vom LWL-Museum fußläufig entfernte Münsteraner Picasso-Museum spannt von hierher den Bogen. Im Zentrum steht aber auch der imposante "Mann mit Schaf", den der spanische Künstler während des Zweiten Weltkriegs schuf.

Nach dem Luftangriff der deutschen Legion Condor und der italienischen Corpo Truppe Volontarie während des Spanischen Bürgerkriegs entstand Picassos "Guernica" (1937), das heute im Museo Reina Sofía hängt. Münster hat eine Fassung der 1970 in Burgsteinfurt geborenen Künstlerin Tatjana Doll, Meisterschülerin von Dieter Krieg in Düsseldorf. Ihre zerlaufende und kaum minder monumentale Variante von 2009 potenziert den Schrecken noch.

Überhaupt sind es vor allem die – leider etwas rar gesäten – Arbeiten zeitgenössischer Künstler, die der großen Münsteraner Schau eine mulmige Aktualität verleihen. Das gilt vor allem auch für die Videoinstallation "Tashlikth (Cast Off)" (2017) von Yael Bartana im Lichthof des LWL-Museums, das ein jüdisches Ritual zum Anlass nimmt, um mit fallenden Objekten an Flucht, Tod und unrühmliche Geschichte zu erinnern.

Dazu passt die wohl rührendste Aktion der Friedensschau, die sich wiederum im Part des Bistums Münster findet. Hier sind unter dem Titel "(M)ein Stück vom Himmel" Objekte ausgestellt, die für Münsteraner Bürger und Prominente "persönliche Friedenssymbole" sind. Wie das Kreuz aus einer leeren Patronenhülse aus Liberia, das Margot Käßmann beigesteuert hat.

Auf Zetteln können Besucherinnen und Besucher die handschriftlich verfassten Geschichten hinter den Objekten lesen. Münsters Oberbürgermeister Markus Wilhelm Lewe (CDU) etwa hat das Essgeschirr seines Schwiegervaters aus britischer Kriegsgefangenschaft beigesteuert, Äbtissin Anvcilla Röttger eine muslimische Gebetskette der Uiguren aus dem Osten Chinas.

So hat Münster dem Frieden mit seinem Ausstellungsprojekt buchstäblich den roten Teppich ausgelegt, auf dem hier Oberbürgermeister Lewe ins LWL-Museum eilt. Dass es ein blutroter Teppich ist, der auf das Plakatmotiv einer Friedenstaube Picassos zurückgeht, die wiederum die militärische Camouflage imitiert, kann durchaus als unaufdringliche Mahnung der Kunst an Politik und Gesellschaft gelesen werden.

Das Gemeinschaftsprojekt "Frieden. Von der Antike bis heute" ist noch bis zum 2. September 2018 im LWL-Museum für Kunst und Kultur, im Kunstmuseum Pablo Picasso, im Stadtmuseum Münster und im Archäologischen Museum der Universität zu sehen.

Stand: 28.04.2018, 10:49