"Das Origami-Prinzip" in Herford

"Das Origami-Prinzip" in Herford

Falten, Stülpen, Knäueln, Wölben: Das Marta in Herford erklärt die Strategie zeitgenössischer Bildhauerei zum "Origami-Prinzip". Als Bild genommen trägt das eine tolle Ausstellung.

Ausbruch aus der Fläche. Das Origami-Prinzip in der Kunst, Museum marta, Herfpord 2018 (Ausstellungsansicht)

Wie komme ich aus der zweidimensionalen Fläche in den dreidimensionalen Raum? Das ist, grob gesprochen, eines der Grundprobleme, dem sich die zeitgenössische Skulptur verschrieben hat. Mögliche Lösungen: Falten, Stülpen, Knäueln, Wölben (Thomas und Renée Rapedius, O.045, 2009-2014).  

Wie komme ich aus der zweidimensionalen Fläche in den dreidimensionalen Raum? Das ist, grob gesprochen, eines der Grundprobleme, dem sich die zeitgenössische Skulptur verschrieben hat. Mögliche Lösungen: Falten, Stülpen, Knäueln, Wölben (Thomas und Renée Rapedius, O.045, 2009-2014).  

Das Marta-Herford hat daraus das "Origami-Prinzip" gemacht, ohne den Bezug allzu sehr überzustrapazieren. Das ist auch gut so. Denn weder im Hinblick auf das Material noch auf die Technik haben viele der versammelten Arbeiten etwas mit japanischer Papierfaltkunst zu tun. Auch wenn bisweilen doch viel Origami durchscheint (Iyo Hasegawa, "Yamaori Taniori Tent", 2011).

Und auch beim silber verspiegelten Papier von Thomas und Renée Rapedius sind die Assoziationen zum japanischen Kulturkreis gegeben. Ebenso in der Intention: "In den filigranen Skulpturen zeigt sich für uns auch die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit unserer Umwelt."

Aber schon bei Vanessa Henns ornamentalem Wandobjekt "Komprimierung Shift" (2014), die mit der Materialität von Holzgeländern aus dem 19. Jahrhundert spielt, gleitet der Titel ein wenig ins Metaphorische ab.

Trotzdem trägt das Bild vom "Origami-Prinzip" über weite Strecken gut. Denn es legt das Hauptaugenmerk auf den alles andere als banalen Umstand, dass es in der Bildhauerei ja vor allem um Zu- und Abnahme von Volumen geht. Hans Hemmerts gigantische Ballonskulptur etwa verstopft das Eckige mit dem Runden. Und wird irgendwann wieder platt in sich zusammenfallen.

Rund 90 Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Installationen und Videos sind auf den 1.200 Quadratmetern der "Gehry-Galerien" im Marta Herford versammelt, die versuchen, Stofflichkeit und umgebende Räumlichkeit als Gesamt-Sinneseindruck zur Entfaltung zu bringen. Viele Arbeiten sind speziell für die Ausstellung entstanden, andere reagieren in besonderem Maß auf die Architektur (Sinta Werner, "Facetten einer Fassade", 2018).

Besonders schön gelingt das Rana Begum, die gleich mit mehreren Wand- und Bodenarbeiten in der Herforder Schau vertreten ist. "Ich strebe nach Balance zwischen Oberfläche, Farbe und Form, um Widerspruch und Spannung zu erzeugen", gibt die in Bangladesch geborene und in London lebende Künstlerin an.

Bei dem großartigen Bildhauer und Objektkünstler Meuser aus Essen, dessen Arbeiten in den letzten Jahren immer häufiger in Ausstellungen zu sehen sind, geht es vor allem darum, die Schwere eines Materials wie Stahl durch Knautschung und Verknäueln ungeschehen zu machen. Und lustig ist das Ganze auch noch – immerhin heißt die Arbeit "Herr Doktor, ich bin eine Motte" (2016).

Bisweilen ist das, was sich entfaltet, reines Flirren. In der eigens für das Marta entworfenen Malerei "On Cover" (2018) hat der Schweizer Künstler Philippe Decrauzat zwei Farben in einem kleinteiligen Streifenraster derart raffiniert miteinander kombiniert, dass dem Betrachter die Wand wie eine vibrierende Membran erscheint.

Teils geben sich die Arbeiten nicht einmal mehr den Anschein, in den Raum hinauszuwollen. Im Gegenteil: In "Crystal (Origamni)" von 2008 walzt Sarah Morris die Struktur in der für die Künstlerin typischen Manier in satter Farbigkeit und klarer Rasterung gewissermaßen wieder platt (hier gespiegelt in einer Arbeit von Claudia Wieser).

Trotzdem macht "Ausbruch aus der Fläche" Lust, sich selbst intensiver mit dem "Origami-Prinzip" auseinander zu setzen. Wie gut, dass Erika Hock im letzten Raum der Schau mit ihrem "Salon Tactile" (2018) ein Fadenvorhangslabor geschaffen hat, in dem sich Besucher selbst als Faltkünstler erproben können. Drei Mal die Woche gibt es sogar spezielle Workshops.

Und dann sollte man auf jeden Fall ein Stockwerk höher gehen, um sich von den ausgezeichneten Schmuck-, Mode- und Möbelentwürfen des achten "Recycling-Designpreises" inspirieren zu lassen. Auch hier erobert so manches Objekt auf sehr eindrückliche Art und Weise den Raum.

"Ausbruch aus der Fläche. Das Origami-Prinzip in der Kunst" ist noch bis zum 3. Juni im Museum Marta in Herford zu sehen.

Stand: 01.03.2018, 09:00 Uhr