Kopf und Körper: Im Atelier von Hede Bühl

Kopf und Körper: Im Atelier von Hede Bühl

Von Thomas Köster

Seit 50 Jahren widmet sich die Düsseldorfer Bildhauerin Hede Bühl dem menschlichen Körper. Und legt in der Reduktion ihrer glänzend geschliffenen Skulpturen eine bemerkenswerte Vielfalt an den Tag. Wir haben Bühl in ihrem Atelier besucht.

Atelier der Bildhauerin Hede Bühl in Düsseldorf, 2020

Kunst und Leben: Das sind bei Hede Bühl zwei Seiten einer Medaille. Ihr Düsseldorfer Haus in unmittelbarer Rheinnähe ist Atelier und Lebensraum, das Gebäude wie der Garten vollgestopft mit Köpfen und teils tonnenschweren Körpern. "Ich lebe mit meiner Kunst", sagt Bühl, die im Juni 80 Jahre alt geworden ist. "Im Übrigen finde ich das mehr als normal."

Kunst und Leben: Das sind bei Hede Bühl zwei Seiten einer Medaille. Ihr Düsseldorfer Haus in unmittelbarer Rheinnähe ist Atelier und Lebensraum, das Gebäude wie der Garten vollgestopft mit Köpfen und teils tonnenschweren Körpern. "Ich lebe mit meiner Kunst", sagt Bühl, die im Juni 80 Jahre alt geworden ist. "Im Übrigen finde ich das mehr als normal."

Das hat vor allem damit zu tun, dass Bühl, die in jungen Jahren bei Joseph Beuys studierte und danach eine Zeit lang Mitarbeiterin von Ewald Mataré gewesen ist, nie abschalten kann. Und auch nicht abschalten will. "Im Grunde arbeite ich auch weiter, wenn ich nichts tue und nur durch die Räume gehe. Weil die Werke mich ja immer anschauen."

Es ist wie in Rilkes Gedicht "Archaischer Torso Apollos", aus dem Bühl gerne eine Zeile zitiert: "Da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht." Das sei ein Satz, "den ich geradezu nachfühlen kann. Das sieht mich an und ich sehe es an und so entsteht auch in Gedanken eine Idee, wie es weitergehen kann".

In diese Kontext spielen die allgegenwärtigen Spiegel eine zentrale Rolle, "nicht nur, weil sie den Raum erweitern, sondern weil sie unerlässlich für meine Arbeit sind". Seit sie denken könne, seien Spiegel auch in diesem Sinn ein wichtiges Element. "Man geht zwar ständig drum herum um die Skulpturen, und es gibt ohnehin tausend Ansichten, aber im Spiegel hat man die Dinge gleichzeitig ein wenig mehr im Blick."

Aber Spiegel sind nicht nur funktionale Zaungäste in Bühls Atelier. Auch die Oberfläche ihrer Skulpturen reflektiert oft die Umgebung. Aber das ist auch eine Art Panzer, um das, was reflektiert wird, nicht hineinzulassen. "Den Blick nach innen richten." Das fällt Bühl ein, wenn sie an ihre Kopf-Skulpturen denkt. Und die haben in ihrer Schlichtheit eine fast schon archaische Dimension.

So ist es nur konsequent, dass Bühl neben Wilhelm Lehmbruck oder Marino Marini vor allem die abstrahierende Skulptur des alten Ägypten als Vorbild heranzieht. Oder das antike Griechenland. "Das ist sicher ein direkter Weg der Entwicklung. Davon kann man als Bildhauer viel lernen."

Genauso viel wie von der Kunst Südasiens, die Hede Bühl bei ihren vielen Reisen - nach Indien und Nepal beispielsweise - kennenlernte. "Diese Gegenden sind ja so voller Kostbarkeiten, was die Skulptur angeht. So voller Kostbarkeiten."

Früher hatten Bühls glänzende Skulpturen teils noch Münder. Auch stilisierte Ohren. Augen hatten sie nie. Das hat vermutlich etwas mit den beiden Polen des Ausdrucks und der Innerlichkeit zu tun. Denn Bühls Figuren und Köpfe offenbaren ja etwas. Sie suchen den Dialog mit dem Betrachter. Aber sie sollen eben vor allem nach innen sehen.

"Augen sind für mich erst wichtig geworden, als ich vor ein paar Jahren Probleme damit bekam", sagt Bühl. "Das Thema Auge begleitet mich seitdem im Alltag extrem." Künstlerisch zeugen davon einige Collagen auf dem Boden des Ateliers. Bis auf die Skulptur haben es die Sehorgane aber nicht gebracht.

2019 hatte Bühl eine große Einzelschau in Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal. Für Dezember ist eine Ausstellung ihrer dynamischen Papierarbeiten im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach geplant. Eigentlich war die Schau schon für den April vorgesehen. Aber dann kam das Virus dazwischen. Die Bilder jedenfalls warten schon eingepackt im Atelier. Bis auf die großen.

Und was ist der Unterschied zwischen Zeichnung und Skulptur? "Die Zeichnung ist freier, offener, bewegter", sagt Bühl. "Die Skulptur ist ja in sich geschlossen - zumindest bei mir." Im Grunde aber interessiert sie die Frage gar nicht. Denn im Grunde geht es ja auch hier um Bühls großes Thema.

Ein paar Skulpturen soll es auch in Bergisch Gladbach geben. Eine große weiße Arbeit zum Beispiel, die der Statik des historischen Gebäudes wegen ausgewählt wurde und aus Polyester ist. Mit Bandagen, wie viele andere Werke auch.

Oder eine kleinere frühere Arbeit, die zeigt, dass Bühl durchaus vom Figurativen kommt. "Auch ich habe naturalistisch angefangen", sagt Bühl. "In der Düsseldorfer Kunstakademie mussten wir das ja sowieso." Dankbar ist sie dafür. "Davon habe ich sehr profitiert. Weil man so besser versteht, wie der menschliche Körper funktioniert."

"Dann ist man nach dem Studium plötzlich auf sich allein gestellt und wirft sich ohne festes Programm in eine fremde Welt", sagt Bühl. "Und dann kommen die erwähnten Einflüsse." Aus Asien, aus Griechenland, aus Ägypten. "Immer straffer, immer strenger" sei sie dabei in den letzten 50 Jahren geworden. "Immer schnörkelloser."

Am Anfang waren es Stelen und breitschultrige Halbfiguren, die Bühl geschaffen hat. Porträts sogar. Dann kamen die Wächter dazu, die in ihrer Strenge fast wie ägyptische Mumien wirken. "Daraus hat sich dann eine Form entwickelt, die nur noch aus einer Kugel oder einer Eiform besteht." Eine Form, die die menschliche Figur auf ihre Essenz herunterbricht. Und die dennoch als menschlicher Kopf erkennbar ist.

Mehrere Jahre arbeitet Bühl an einer Skulptur, im Verbund mit anderen Skulpturen, bis sie sich am Ende einem einzigen Werk zuwendet, um ihm als letzten Schliff seine glatte Oberfläche zu verleihen.

So wie die Arbeit, die sie momentan beschäftigt und die auf einem der für das Atelier typischen Rollwagen gerade im Garten steht: "Die Form ist schon da, außerordentlich reduziert" - selbst für ihre eigenen Verhältnisse. "Ich will nicht sagen, dass das ein Endpunkt ist. Aber in die Richtung geht es schon."

An dieser Stelle verliert Hede Bühl die Lust am Gespräch. Sie will nicht übers Ende reden. Nicht übers Altern. Aber das ist auch nicht verwunderlich. Denn auch mit 80 Jahren gibt es für eine Bildhauerin ihrer Qualität noch viel zu tun.

Stand: 29.09.2020, 09:00 Uhr