Wie Geheimdienste Performancekunst unterdrückten

Wie Geheimdienste Performancekunst unterdrückten

Kunst ist gefährlich und kann Ärger machen. Vor allem Performancekunst war Geheimdiensten im damaligen "Ostblock" ein Dorn im Augen. Was für Kreativität das auf beiden Seiten freisetzte, zeigt jetzt eine Ausstellung in Dortmund.

Agents & Artists. Performancekunst und Geheimdienste, HMKV, Dortmund 2019 (Ausstellungsansicht)

"Performancekunst galt deshalb als gefährlich, weil die Geheimpolizei sie überhaupt nicht einordnen konnte", sagt Ko-Kuratorin Kata Krasznahorkai. "Sie konnte ja überall und jederzeit auftauchen – und wieder verschwinden." Diese subversive Spontaneität machte sie der Staatsmacht, die ihrerseits mit zerstörerischem Einfallsreichtum reagierte, suspekt.

"Performancekunst galt deshalb als gefährlich, weil die Geheimpolizei sie überhaupt nicht einordnen konnte", sagt Ko-Kuratorin Kata Krasznahorkai. "Sie konnte ja überall und jederzeit auftauchen – und wieder verschwinden." Diese subversive Spontaneität machte sie der Staatsmacht, die ihrerseits mit zerstörerischem Einfallsreichtum reagierte, suspekt.

Mehrere Jahre lang haben die Kuratorinnen an der Universität Zürich in den Archiven etwa in Tschechien, Ungarn, Polen oder Rumänien geforscht. Dabei sind sie auf Performances aus den 1960er bis 1980er Jahren gestoßen. Diese waren nur dank der Fotos eines unverhältnismäßig großen Kontingents an Spitzeln überliefert. In Dortmund ist das Ergebnis mit Kunst kombiniert.

Dabei schaut die Ausstellung weniger auf die Kunst – sondern auf die Art und Weise, wie die Regime versuchten, sie zu "liquidieren". Plumpe Verbote von Aktionen schienen den Geheimdiensten dabei zu simpel. Vielmehr verwendeten sie viel Hirnschmalz darauf, diese zu verhindern oder die beteiligten Gruppen von innen heraus zu zerstören.

Unterwanderung von Künstlerpaaren durch Bettgeschichten war dabei ein beliebtes Mittel. Oder der Versuch, Künstler durch Förderung in der Gruppe verdächtig zu machen. Bei den oft in Privatwohnungen stattfindenden Aktionen waren inszenierte Wasserrohrbrüche oder Bombendrohungen ein probates Mittel, um Zusammenkünfte platzen zu lassen.

Die Ausstellung zeigt, wie stark die Maschinerie staatlicher Bespitzelung auf die Künstler angewiesen war. War gerade keine Performance vorhanden, wurde einfach eine für die Führungsoffiziere erfunden und Künstlern in die Schuhe geschoben. Wie bei Kurt Buchwald, der 1980 eine an Beuys gemahnende und angeblich zu einem Happening gehörende Losung in der DDR selbst auf die Straße schrieb. Das konnte funktionieren, weil die Spitzel zumeist nichts voneinander wussten.

Bisweilen verselbstständigte sich die Spitzelei sogar. Wie im Fall eines russischen Agenten, der noch privat Dossiers von Performance-Künstlern anlegte - und es dabei mit der Zuordnung von Namen nicht immer so genau nahm. Ein weiterer eindrucksvoller Beleg dafür, dass man auch den in den Akten geschilderten Ereignissen nicht immer trauen darf.

Auf den Versuch einer Zersetzung ihrer künstlerischen Gruppierungen reagierten die Betroffenen ihrerseits mit zersetzender Kreativität. Bisweilen wurde die "Staatssicherheit" dabei selbst Teil der Performance. Die Künstlergruppe Clara Mosch etwa führte ihre Beobachter über Stunden an der Nase herum, wie das entsprechende Dossier dokumentiert.

Bei Gabriele Stötzer wird der inoffizielle Mitarbeiter sogar – wenn auch unwissentlich – Teil des künstlerischen Projekts. Als die Fotografin einen Transvestiten für eine Fotoserie suchte, schob ihr die Stasi kurzerhand einen Spitzel mit dem Decknamen "Konrad" unter, der offenbar willig und mit Freude posierte. Die entsprechenden "Fangfotos" des Anwerbungs-Castings durch den Geheimdienst finden sich gleich nebenan.

Andere Künstler setzten sich nach dem Zusammenbruch der sozialistischen und kommunistischen Regime seit 1990 mit ihren eigenen Akten auseinander. So Cornelia Schleime, die den teils merkwürdigen Beschreibungen der Stasi durch die humorvolle Kombination mit eigenen Bildern den Schrecken raubt.

Tina Bara erfuhr von der eigenen Bespitzelung erst, als sie ein aus Stasi-Akten entnommenes Nacktfoto von sich in der Installation einer spanischen Kollegin wiedererkannte: Beginn einer eigenen Fotoserie, in der sie ebenfalls betroffene Frauen durch anonymisierte Rückenporträts die geraubte Würde zurückgibt.

Und Daniel Knorr zeigt Klumpen geschredderter und durch Wasser und Klebstoff vollkommen unleserlich gemachter Akten, die er vom Leipziger Stasi-Museum im Austausch gegen eine seiner Arbeiten erhielt ("State of Mind", 2007).

Wie es ist, in Geheimdienstarchiven herumzustöbern, kann man in Dortmund ein wenig nachvollziehen. Dort sind in Kabinen aus Spionageglas ausgewählte Aktenkopien einzusehen. Unter anderem die aus der Schweiz, die sich mit dem "bolschewistischen" Potenzial des Dadaismus befassen. Hier blättert Ko-Kuratorin Kata Krasznahorkai.

Eine Schwierigkeit des Forschungsprojekts, die sich auch in der Ausstellung niederschlägt, ist die fast ausschließliche Konzentration auf Geheimdienste des ehemaligen Ostblocks. Das ist der Not geschuldet: Nur diese Archive sind zugänglich – bis auf die Russlands, da das Land über einen immer noch sehr aktiven Überwachungsapparat verfügt. Der "Westen" kommt nur am Rande oder indirekt vor.

Zum Beispiel in Form von CIA-Akten der "Operation Condor" in Südamerika zwischen 1948 und 1994, die die Chilenin Voluspa Jarpa zu einem Mobile verarbeitet hat. Und die der demokratischen Öffentlichkeit mit derart vielen Schwärzungen präsentiert wurden, dass eine Aufklärung der Verstrickung der USA bei der Verfolgung und Ermordung Oppositioneller nicht mehr möglich ist.

Oder in Form eines simplen Fotos der US-Amerikanerin Jill Magdid. Es zeigt jene Recherche-Dokumente, die die Künstlerin dem niederländischen Geheimdienst nach der Vollendung ihres Kunst-am-Bau-Projekts an dessen Zentrale zurückgeben musste. Irgendwie wurde die Künstlerin da zeitweilig offenbar selbst zur Agentin, die den Staat bespitzeln durfte.

Ansonsten zeigt die Ausstellung, wie erschreckend aktuell die Geheimdienstmethoden von damals im Zeitalter der Fake News und des gesteigerten politischen Populismus bis heute sind. Die Formen und Methoden der Diffamierung Andersdenkender auch durch demokratisch legitimierte Regierungen sind offenbar die gleichen geblieben. Gut, dass es die Kunst gibt, die darauf reagiert (hier Jens Kleins Arbeit "Ballons" von 2013 auf einer Postkarte zum Mitnehmen).

"Agents & Artists. Performancekunst und Geheimdienste" ist noch bis zum 22. März 2020 im Hartware MedienKunstVerein im Dortmunder U zu sehen. Zur Ausstellung ist ein aufwändig gemachter Katalog erschienen. Zusätzlich gibt es ab Ende November ein Magazin mit Werkbeschreibungen und Hintergrundinfos.

Stand: 25.10.2019, 09:00 Uhr