"Bilderkriegerin" Anja Niedringhaus in Köln

"Bilderkriegerin" Anja Niedringhaus in Köln

Von Thomas Köster

Vor fünf Jahren fiel die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus in Afghanistan einem Attentat zum Opfer. Fast 100 ihrer Fotos sind jetzt im Käthe Kollwitz Museum zu sehen. Es sind sehr eindringliche Bilder vor allem von menschlichem Leid der Zivilbevölkerung. Und von kindlicher Freude.

"Mich fasziniert, dass man eine ganze Geschichte in einem Bild erzählen kann." Unter diesem Motto könnte man das ganze Werk der Fotografin subsummieren. Sie wurde 1965 im westfälischen Höxter geborenen und kam 2014 in Afghanistan bei einem Anschlag ums Leben. Hier ein Porträt der Fotografin in den Anfangsjahren ihrer Karriere - zur Zeit des Balkankriegs in Bosnien.

"Mich fasziniert, dass man eine ganze Geschichte in einem Bild erzählen kann." Unter diesem Motto könnte man das ganze Werk der Fotografin subsummieren. Sie wurde 1965 im westfälischen Höxter geborenen und kam 2014 in Afghanistan bei einem Anschlag ums Leben. Hier ein Porträt der Fotografin in den Anfangsjahren ihrer Karriere - zur Zeit des Balkankriegs in Bosnien.

Fast ein Vierteljahrhundert berichtete Niedringhaus von den Kriegsschauplätzen der Welt, vor allem aus dem Irak und aus Afghanistan: ein Land, in das sie immer wieder zurückkehrte und dem ihre eigentliche Liebe galt. "Ich treffe hier jeden Tag neue Menschen, die mich verwundern. Ich erlebe Wesenszüge, die bei uns nicht mehr existieren."

Vor allem diese Neugier trieb Niedringhaus offenbar immer wieder in die Krisenregionen. Denn: "Die interessanten Geschichten passieren oft nicht im Feuergefecht. Ich bin viel mehr am Leben der Leute interessiert als an der Ballerei." Im Bild ein Vater mit seinen fünf Kindern auf seinem Motorroller in Kandahar, der Eintritt für einen Park bezahlt.

So findet man in der Kölner Ausstellung unter den rund 90 durchgängig farbigen Aufnahmen vor allem Bilder, die oft scheinbar nur indirekt etwas mit dem Krieg und der Besetzung der Länder zu tun haben. Die Bilder sind dankenswerterweise - bis auf 18 Originale - alles aktuelle Dibond-Abzüge ohne spiegelndes Glas.

Selbst da, wo Soldaten im Einsatz gezeigt werden, geht es nicht um militärische Gefechte, sondern zum Beispiel um Razzien gegen die Zivilbevölkerung. Oder es sind Soldaten zu sehen, die nach dem Einsatz gerade selbst im Existenzkampf sind, bei dem es buchstäblich um ihr Leben geht (Rettung eines angeschossenen Soldaten, 2011).

Am 4. April 2014 wird Niedringhaus bei ihrer Berichterstattung in Afghanistan von einem Attentäter erschossen. Neben der dabei zerstörten Kamera und zahlreichen anderen Dokumenten zeigt die Kölner Schau auch die damalige Titelgeschichte der "New York Times". Links ein Bild der AP-Journalistin Kathy Gannon, die bei dem Anschlag schwer verletzt wurde.

"Zwei Wochen waren wir mit den Soldaten in Afghanistan unterwegs", sagt Gannon. "Wir aßen und tranken mit ihnen und duschten in ihren Duschen. Sie haben uns respektiert, vor allem auch, weil wir ihre Geschichte erzählen wollten." Auch sie betont, dass es Niedringhaus darum gegangen sei, "das Normale in der unnormalen Situation" zu zeigen.

"Sie hat das Herz der Menschen erreicht", sagt Gannon. Das beschreibt es vielleicht am besten. Denn die Bilder von Niedringhaus berühren gerade deshalb, weil sie das Wesentliche und Menschliche einer Situation im entscheidenden Augenblick festzuhalten wissen. (Vorleserin in einer Mädchenschule, Kundus, 2008).

In den Bilddatenbanken der Presseagenturen liegen Zehntausende von Bildern von Anja Niedringhaus, und natürlich haben nicht alle die Qualität der ausgestellten Werke. Aber die, die es in Köln jetzt zu sehen gibt, haben den Rang von Kunst, die zudem noch tief berührt. Schon allein deshalb sind sie in einem Museum, das Käthe Kollwitz gewidmet ist, ausgezeichnet aufgehoben.

Und auch die wenigen Porträts, die in der Ausstellung hängen, sind von eindringlicher Kraft. So ein Bild Willy Brandts bei einer Kundgebung während des SPD-Parteitags nach dem Fall der Mauer 1990 in Ostdeutschland, das neben dem Politiker auch die Masse einfängt. Oder dieses Porträt von Papst Johannes Paul II. 2003 in einem Moment der Schwäche.

Solche Bilder zeugen vom Humor der Fotografin, ebenso wie die zahlreichen Aufnahmen von sportlichen Großereignissen. Nicht selten flog Niedringhaus aus dem Irak oder Afghanistan nach Wimbledon und dann wieder zurück ins Kriegsgebiet. Am Sport gefalle ihr, dass er ein Anfang und ein Ende habe, sagte die Fotografin einmal. "Im Krieg endet die Geschichte nie."

Gehören diese Bilder, die ja für die aktuelle Berichterstattung geschaffen wurden, ins Museum? Ist das Kunst? Letzteres vielleicht nicht. Aber im Kampf um das beste Titelbild hat Anja Niedringhaus einen Blick für Komposition und sogar Farbe bewiesen, der aus dem Meer gängiger Pressefotos deutlich herausragt (Heiligabend bei den US-Marines, Kuweit, 2002).

"Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin" ist noch bis zum 30. Juni 2019 im Käthe Kollwitz Museum Köln zu sehen. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter und hoch informativer Katalog erschienen. In wenigen Sätzen beschreibt er die Hintergründe jener Geschichten, die die Fotografin auf ihren Bildern erzählt.

Stand: 29.03.2019, 09:00 Uhr