Mehr als große Augen: Japanische Trickfilm-Kunst in Dortmund

Mehr als große Augen: Japanische Trickfilm-Kunst in Dortmund

Von Thomas Köster

Kindchenschema selbst bei Erwachsenen, übertriebene Action und ein Übermaß an Standbildern: Das ist für Viele der japanische Anime-Film. Dass er viel mehr zu bieten hat, zeigt jetzt eine Ausstellung im städtischen "schauraum comic + cartoon" in Dortmund.

ANIMEfantastisch: Die Geschichte des japanischen Zeichentrickfilms, schauraum comic + carton, Dortmund 2020 (Ausstellungsansicht)

In Japan werden alle Zeichentrickfilme "Animes" genannt - so, wie alle Comics "Mangas" heißen. In Europa hat sich der vom englischen "Animation" hergeleitete Begriff für eine bestimmte Machart asiatischer Produktionen etabliert: die Übereinanderlagerung bemalter und ansonsten durchsichtiger Folien ("Cels"), bei der vor allem die großen Augen auffallen.

In Japan werden alle Zeichentrickfilme "Animes" genannt - so, wie alle Comics "Mangas" heißen. In Europa hat sich der vom englischen "Animation" hergeleitete Begriff für eine bestimmte Machart asiatischer Produktionen etabliert: die Übereinanderlagerung bemalter und ansonsten durchsichtiger Folien ("Cels"), bei der vor allem die großen Augen auffallen.

International erfolgreich sind Animes und Mangas sicher auch deshalb, weil sie ein reiches Angebot für alle möglichen Zielgruppen von männlichen und weiblichen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bereithalten. Also sozusagen vom Schulmädchen-Comic mit Gewalt in unterschiedlicher Dosierung ...

... bis hin zu Splatter- und Horrorphantasien. In Dortmund wird so durchaus auch das Klischee widerlegt, dass Animes und Mangas vor allem "niedlich" seien.

Im "schauraum comic + cartoon" gegenüber des Hauptbahnhofs sind rund rund 100 Originalzeichnungen zu sehen, die diese ganze Spannbreite demonstrieren. Und die Komplexität besonders der für das Kino produzierten Filme. Schon eine 25-minütige Fernsehfolge konnte vor der Digitalisierung aus etwa 8.000 Bleistiftzeichnungen, weiteren 8.000 von Hand farbig bemalten Folien sowie hunderten von Hintergründen bestehen.

Dazu gehören auch Merchandising-Produkte von Figuren, mit deren Eigenschaften sich unter anderem Pubertierende in einer sehr von Formen und Vorgaben geprägten Gesellschaft identifizieren können. Was ja auch im Phänomen der "Cosplay" genannten Fan-Praxis zum Ausdruck kommt, sich im Stil seiner Held*innen zu verkleiden.

Da trifft man dann auch alte Bekannte aus den 1970er Jahren: Animes nämlich, die von japanischen Studios für deutsche oder österreichische TV-Sender produziert oder dort zumindest ausgestrahlt wurden. Wie "Wickie und die starken Männer" (1972-1974), "Pinocchio" (1976) und "die Biene Maja" (1975-1980).

Oder - nicht ganz so bekannt, aber besonders großartig und bis in die Architekturen für die filmische Science Fiction stilprägend: Capitain Future mit der spacigen Musik des Jazz-Musikers Yūji Ōno.

In der Ausstellung kann man die ganze "Verwertungskette" verfolgen: Von der literarischen Vorlage (hier eine Ausgabe der US-amerikanischen Pulp-Serie von Edmond Hamilton aus den 1940er Jahren) ...

... über Storyboards, Vor- und Reinzeichnungen bis hin zum fertigen Serien-Film von 1978.

Das gilt selbst für Produktionen, die nicht auf dem Bildschirm des "schauraums" laufen. Über eine App sind alle Filme der Exponate auch auf dem eigenen Smartphone zu sehen.

"ANIMEfantastisch: Die Geschichte des japanischen Zeichentrickfilms" ist noch bis zum 25. Oktober 2020 im "schauraum: comic + cartoon" in Dortmund zu sehen. Zur Ausstellung ist auch ein opulent bebilderter Katalog erschienen, der in seinem Einleitungstext anschaulich aufdeckt, dass wir mit unserem westlich geprägten Blick Animes nicht unbedingt "japanisch" lesen. Oder wer weiß schon, was im Anime oder im Manga Nasenbluten bedeutet?

Der Katalog kostet 25 Euro. Die Anime-Sammelkarten kann man sich in Dortmund kostenlos mitnehmen. Wobei natürlich nur reinkommt, wer eine Maske trägt.

Und noch ein Hinweis für alle Eltern: Es gibt auch eine kleine "Schmuddelecke" mit erotischen Animes, die sich auf eine lange Tradition japanischer Zeichnung seit der Edo-Zeit berufen: hier der nachträglich "Traum der Fischersfrau" (1814) genannte Holzschnitt von Katsushika Hokusai, von dem auch eine Abbildung in Dortmund zu sehen ist. Da sollte man zumindest eine Erklärung parat haben.

Stand: 15.05.2020, 11:40 Uhr