Tausendsassa des Designs. Peter Behrens im MAKK

Tausendsassa des Designs. Peter Behrens im MAKK

Von Thomas Köster

Das Schiff des Insel-Verlags, Kaiser's lachende Kaffeekanne und das Corporate Design von AEG: Als Gestalter war Peter Behrens ein Alleskönner. Zum 150. Geburtstag des Autodidakten zeigt das Kölner MAKK rund 230 Objekte, die diese unglaubliche Schöpferkraft in Alltagsdingen demonstrieren.

#alleskönner. Peter Behrens zum 150. Geburtstag, MAKK, Köln 2018 (Ausstellungsansicht)

"Geboren am 14. April 1868 in Hamburg. Im Übrigen Autodidakt." Mit diesem noblen Understatement wies der inzwischen weltberühmte Gestalter und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes Peter Behrens 1920 darauf hin, dass er als ehemaliger Malereistudent der Düsseldorfer Kunstakademie nie zum Designer ausgebildet wurde.

"Geboren am 14. April 1868 in Hamburg. Im Übrigen Autodidakt." Mit diesem noblen Understatement wies der inzwischen weltberühmte Gestalter und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes Peter Behrens 1920 darauf hin, dass er als ehemaliger Malereistudent der Düsseldorfer Kunstakademie nie zum Designer ausgebildet wurde.

Unter dem Grundsatz, dass es der Industrie obliege, "durch das Zusammenführen von Kunst und Technik Kultur zu schaffen", wandte sich Behrens Ende des 19. Jahrhunderts der Architektur und dem Gebrauchsdesign zu. Mit scheinbarer Leichtigkeit entwarf er Tafelsilber und Elektrokessel, Klavierflügel und Buchtypografien, Brücken und Kleider, Serviettenmuster, Wohnzimmer - und für Hagen ein Krematorium. Und er war in allem gleichermaßen gut.

"#alleskönner" ist die Ausstellung im Kölner Museum für Angewandte Kunst (MAKK) deshalb betitelt. Das ist vielleicht etwas zu sehr an den Hashtag-Zeitgeist angebiedert, trifft aber sehr wohl den Kern. Eigentlich ist im Nachhinein kaum mehr zu ermessen, wie stark Behrens die Alltagskulturgeschichte von Firmen, Produkten und Sehgewohnheiten im 20. Jahrhundert geprägt und verändert hat.

Zu Behrens' 150. Geburtstag hat das MAKK die knapp 60 Objekte aus eigenen Beständen mit rund 170 herausragenden Leihgaben bereichert und eine überaus imposante Schau zusammengestellt, die sich vor allem der Anfangszeit des Gestalters widmet, in der er, vom Jugendstil kommend, einen unverwechselbaren optischen "Behrens-Sound" entwickelt hat.

Dieser "Sound" zeigt sich vor allem in Details, etwa in dieser farblich wundervollen Kombination aus edlen Hölzern und Steinen auf dem berühmten Schiedmayer-Salonflügel für die Darmstädter Mathildenhöhe.

Zum "Sound" gehört neben Kreis und Quadrat vor allem auch die geschwungene Linie, die sich, wie fast alle gestalterischen Elemente, immer nur für kurze Zeit ausmachen lässt: Dann verlor Behrens die Lust daran und strebte zu neuen Ufern. So kommt es, dass Kuratorin Romana Rebbelmund dieses Glas anhand eines zeitgleichen Buchcoverentwurfs exakt auf 1901 datieren konnte.

Zu den vielleicht langlebigsten Entwürfen von Behrens gehört der 16 Meter breite, eigens für diesen Zweck entworfene Schriftzug "Dem deutschen Volke" auf dem Architrav über dem Westportal des Berliner Reichstages. Und die "lachende Kaffeekanne", mit der der Gestalter aus dem Einzelhandelsunternehmen "Kaiser's" 1914 für über 100 Jahre eine Marke machte.

Aber es gibt auch unbekanntere Sachen. Wie diesen Bühnenentwurf zu Shakespeares "Hamlet", der illustriert, dass Behrens das Theater, ganz am Puls seiner Zeit, als "Stätte der Erbauung, der höchsten Feierlichkeit, der erhabensten Feste, der reinen Sittlichkeit" begriff. Und architektonisch wegstrebte von der unterhaltsamen Guckkastenbühne des Naturalismus.

1907 entdeckte die Allgemeine Elektricitätsgesellschaft (AEG) den Allrounder Behrens als "künstlerischen Berater". In der Folge entwarf Behrens nicht nur das Firmenlogo; er prägte auch mit Druckerzeugnissen, Produkten und Reklamen bis hin zur Architektur von Fabrik- und Verwaltungsgebäuden das gesamte optische Erscheinungsbild des Unternehmens – lange bevor der leuchtenden Begriff der "Corporate Identity" erfunden war.

Eines der originellsten und imposantesten Objekte ist in diesem Zusammenhang ein Heizstrahler aus gehämmertem und patiniertem Messingblech, den Behrens wohl in den 1920er Jahren für die AEG entwarf und der in seinen kreisförmigen Ornamenten das große Ganze des Objekts nochmal widerspiegelt. Und irgendwie auch die Symbolik vom göttlichen Sonnendreieck wieder aufnimmt.

Nicht nur am Beispiel AEG macht die Kölner Schau nebenbei eines schmerzlich bewusst: Die Zeit der einst so großen Firmennamen, die Qualität mit gestalterischem Anspruch verknüpften und hierfür Künstler wie Peter Behrens engagierten, ist längst abgelaufen. Ohnehin hat die damalige AEG-Werbebotschaft "Perfekt in Form und Funktion" im Zeitalter von Sollbruchstellen etwas an Strahlkraft verloren.

Dieser Untergang einer Unternehmenskultur für Massenware gilt für AEG und Kaiser's, aber auch für die Rheinische Glashütten AG aus Köln-Ehrenfeld, die Steinzeugmanufaktur Simon Peter Gerz in Höhr-Grenzhausen, die Leinen- und Damastweberei Samuel Fränkel in Neustadt oder die Metallwarenfabrik Gerhardi & Ci aus Lüdenscheid, von denen nicht einmal mehr der einstmals international renommierte Name im kollektiven Gedächtnis geblieben ist.

Übrig geblieben ist eigentlich nur noch die Insel-Bücherei, für die Behrens 1899 das Signet entwarf. Das verwendet der Verlag immer noch. Das Design von Behrens selbst hingegen, das zeigt die Schau, ist in großen Teilen zeitlos.

Apropos "zeitloses Design": Bei einem Besuch sollte man bedenken, dass die ständige Sammlung des MAKK wegen Renovierungsarbeiten momentan geschlossen ist. Aber schon der Mercedes-Benz 300 SL "Gullwing" von 1956 mit seinen offenen Flügeltüren in der ansonsten leeren großen Halle des Museums ist für sich genommen schon eine Schau.

Apropos "Kult und Autos": In der zweiten Sonderausstellung "Freiheit, Raum und Licht" sind noch bis zum 8. April 2018 die animalisch funkelnden Autoaugen der Düsseldorfer Installationskünstlerin Elisabeth Brockmann zu sehen. Ihr verspielter Surrealismus steht in einem schönen Kontrast zu Peter Behrens' klarer, wenngleich oft auch geschwungener Linie.

"#alleskönner. Peter Behrens zum 150. Geburtstag" läuft noch bis zum 1. Juli 2018 im Museum für Angewandte Kunst in Köln. Im April folgt das LVR Industriemuseum Oberhausen mit einer Ausstellung zu Behrens als Architekten, im Mai das Krefelder Kaiser Wilhelm Museum mit Exponaten aus ihren Beständen. Programmatischer Titel: "Das Praktische und das Ideale".

Stand: 16.03.2018, 06:00 Uhr