In der Schwebe: Alicja Kwades Kunst in Neuss

In der Schwebe: Alicja Kwades Kunst in Neuss

Von Thomas Köster

Alicja Kwade ist eine der gefragtesten Künstlerinnen der Welt. Jetzt hat sie in der "Langen Foundation" bei Neuss einen eigenen Kosmos errichtet, der wundervoll mit der Architektur des Museums korrespondiert - Kunst in perfekter Schwebe.

"Ich sehe die Realität nicht als etwas Absolutes, sondern als eine Möglichkeit von vielen." Das ist das Motto der 1979 in Kattowitz geborenen Berliner Bildhauerin und Installationskünstlerin Alicja Kwade. In ihren Werken spielt sie mit diesen Möglichkeiten: Bei ihr ist alles in der Schwebe, kurz vorm Kippen. Zurück in die alte oder eben in eine neue Realität.

In der Langen Foundation auf dem Gelände der ehemaligen NATO-Raketenstation bei Neuss wird dieser philosophische Grundgedanke schon beim Betreten des Geländes sinnfällig gemacht: Da hängen Steine in einem Metallgerüst, als hätten sie kein Gewicht. Was in seiner perfekten Balance jetzt fast schwerelos und poetisch wirkt, war im Vorfeld, beim Aufbau, ein schweißtreibender Kraftakt.

Diese Installation am Eingang denkt eine Arbeit Kwades weiter, die 2019 für ein halbes Jahr auf dem Dach des New Yorker Metropolitan Museums stand - nur, dass hier Kugeln wie Planeten in ihren stählernen Sphären schwebten. Die Kugeln tauchen auf der großen Freitreppe des Museums wieder auf. Wenn man von unten kommt, scheint hier etwas Neues zu entstehen. Wer von oben hinabschreitet, sieht eher Zerfall.

Die Bewegung des Betrachters gehört bei Kwade zu diesem seltsamen Zustand der Schwebe unbedingt dazu. Ihre Skulpturen verändern sich, ja: Sie entstehen erst durch den eigenen Gang. Wie bei "Emergenz" (2019), wo sich das Spiegelbild eines Dings mit der Realität eines anderen Dings bei jedem Schritt zu einem neuen, aus "Sein" und "Schein" bestehenden Objekt zusammensetzt.

"Kausalkonsequenz" hat Kwade die Ausstellung genannt, die rund 40 Skulpturen der letzten zehn Jahre präsentiert. Konsequent ist dabei vor allem, wie stark sich die Kausalität, also die logische Abfolge der Impressionen, erst beim Durchschreiten und Betrachten ergibt. Drinnen wie draußen.

Das hat viel mit Zeit zu tun, und mit der Veränderung der Welt - und von uns selbst - in der Zeit. Wer unter der fast schon bedrohlich tief pendelnden Uhr durch die Installation "Die bewegte Leere des Moments" (2015/2016) hindurchgeht, spürt das buchstäblich am eigenen Leib.

Bei "88 Seconds" (2017) sind in diesem Sinn verschiedene Möglichkeiten einer chronologischen Abfolge eingefroren. Wir sehen das Abbild eines silbernen Reifens in verschiedenen Stadien seines Falls.

Vieleicht zeigt uns die Skulptur aber nur das, was wir beim Trudeln eines Reifens dank unserer trägen Wahrnehmung zu sehen glauben.

Kausalitäten sind durch Konventionen (oder künstlerische Freiheit) ohnehin gemacht. Irgendwie ist in diesem Sinn ein Baum auch schon ein Stuhl...

... oder ein Ast vielleicht schon ein Buch. Auch diese Kipp-Ideen von Seinszuständen präsentiert Kwade in ihrer Schau. Und macht das auf eine so sinnliche Art und Weise, dass man sich die Installationen auch ohne großes Wissen in hinlänglichem Maß selbst erschließen kann. Bei zeitgenössischer Kunst keine Selbstverständlichkeit.

Dabei schafft Kwade Bezüge zur grandios meditativen Architektur des japanischen Pritzker-Preisträgers Tadao Ando, die ihre Werke fast so erscheinen lassen, als wären sie für die Langen Foundation geschaffen worden. Weil alles so zauberhaft zusammenpasst ("Silent Matter", 2019).

"Dieses Gebäude verbindet Außen und Innen", sagt Kwade dem entsprechend. "Um da eine zusätzliche Qualität reinzubringen, wollte ich nicht dagegen arbeiten. Ich wollte mit diesem Flow arbeiten und der Geometrie und Bewegung dieses Raumes noch eine Inhaltlichkeit hinzufügen." Und das ist ihr grandios gelungen.

So archaisch die kraftvollen Arbeiten Kwades zum Teil auch wirken mögen, so sind sie doch ein Kommentar auch zu unserer digitalen Wirklichkeit. "Die Welt bewegt sich dahin, dass man durch Informationen Materialität virtuell ersetzen kann", sagt Quade. "Mich interessiert, ob die Information von etwas noch genauso viel ist, wie das etwas selbst?" Sprich: Ist ein Objekt nur das, was wir über es wissen oder an Daten sammeln können? ("Space Slot", 2017)

Deshalb lässt Kwade das Material, mit dem sie arbeitet, wissenschaftlich untersuchen, um zur Essenz der Dinge zu gelangen. Was macht den Stein zum Stein? Was macht den Baum zum Baum? Hat jedes Ding seine eigene Qualität? Oder ist es nur etwas, weil wir es als etwas zu erkennen glauben? Weil wir es mit einem Wort benennen? ("Three Trees Tell", 2020).

Ein wenig ist das so wie beim Surrealisten René Magritte, dessen wohl berühmtestes Bild mit dem Schriftzug "Ceci n'est pas une pipe" Kwade in einer Arbeit zitiert. Bei ihr ist es nicht einmal wie bei Magritte das Bild einer Pfeife, sondern ein Bild, das Magrittes Bild einer Pfeife imaginiert ("cecin'estpasunepipececin'estpasunepipececin'estpasunepipe", 2019).

Zum eigenwilligen Schwebezustand von "Kausalkonsequenz" gehört deshalb auch, dass man seinen Augen, seinem Wissen und den vorgefertigten Meinungen vom Seinszustand der Welt nicht trauen sollte. Denn es kann sein, dass das, was vermeintlich Rinde ist, aus Stein besteht, der nach dem Modell eines eingescannten Baums modelliert worden ist.

Und manchmal bekommen die Dinge - wie bei dieser scheinbar vom Aufbau der Mammutausstellung erschöpften Holzpalette - sogar eine fast schon menschliche Seele ("Used and Tired", 2012).

"Eine Arbeit ist immer eine Art autonomes Wesen, was mit keinerlei Hilfestellung irgendetwas tun muss", sagt die Künstlerin. "Entweder ein Verärgern oder Anekeln oder ein Erfreuen oder ein Berühren." Bei Kwade ist auf jeden Fall Erfreuen und Berühren angesagt.

"Alicja Kwade. Kausalkonsequenz" ist noch bis zum 18. April 2021 in der Langen Foundation bei Neuss zu sehen. Und bietet eine gute Gelegenheit, einfach einmal die Perspektive auf die Welt zu wechseln (Blick durch "Multi-Teller 20", 2018)

Stand: 08.09.2020, 09:00 Uhr