Oper in NRW: "Es kann nicht sein, dass wir so weitermachen"

Komponist Moritz Eggert, Komponistin Elena Mendoza, Intendant der Oper Wuppertal Berthold Schneider und Dramaturgin Anna Chernomordik (v.l.n.r.)

Oper in NRW: "Es kann nicht sein, dass wir so weitermachen"

Kommunale Opernhäuser sind in ihrer jetzigen Form nicht zukunftsfähig – und benachteiligen weibliche Komponistinnen. Das war das Ergebnis einer WDR 3-Diskussion am Montag (23.09.2019) in der Oper Wuppertal. Es mangele an flexiblen Teams, Innovationsdruck und mehr Frauen in Führungsteams.

Anna Chernomordik, Muchtar Al Ghusain, Nele Freudenberger, Elena Mendoza, Moritz Eggert und Berthold Schneider (v.l.n.r.)

Anna Chernomordik, Muchtar Al Ghusain, Nele Freudenberger, Elena Mendoza, Moritz Eggert und Berthold Schneider (v.l.n.r.)

Die Komponistin Elena Mendoza forderte eine Quote für Uraufführungen. Es stünden nur deshalb so wenige Frauen auf dem Spielplan, weil es nur so wenige Uraufführungen gebe. Anstatt neue Wege zu gehen, halten die Häuser nach Mendozas Worten an einem Ideal des 19. Jahrhunderts fest. "Die Opernhäuser sind zu Museen verkommen", kritisierte sie bei der WDR 3-Veranstaltung. Es müsse mehr Aufträge an Frauen geben, damit auch jüngere Komponistinnen eine eigene Klangsprache entwickeln könnten.

Mendoza forderte auch eine Reform der Opernhäuser: "Ich wünsche mir Opernhäuser mit mobilen und flexibleren Ensembles, an die man auch sein eigenes Team mitbringen kann." Die komplexen Apparate eines städtischen Opernhauses seien nicht flexibel genug, um moderne Arbeitsweisen abzubilden.

Braucht die Oper eine Frauenquote?

WDR 3 Forum 13.10.2019 54:53 Min. Verfügbar bis 23.09.2020 WDR 3

Download

"Schlachtschiffe" für das Bürgertum

Der Komponist Moritz Eggert wies darauf hin, dass Uraufführungen allein das Problem nicht lösen. Diese verschwinden nach seinen Worten schnell wieder in der Schublade, wenn es keine Wiederaufführungen gebe. Opernhäuser seien Schlachtschiffe, die perfekt auf die Bedürfnisse des Bürgertums im 19. Jahrhundert ausgerichtet sind. Für die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts braucht es laut Eggert neue Formen.

Berthold Schneider, Intendant der Oper Wuppertal, bezeichnet es als "katastrophal", dass zu wenig für die zeitgenössische Musik getan werde. "Es kann nicht sein, dass wir so weitermachen." Die Häuser müssten viel dynamischer werden und dürften sich nicht hinter betrieblichen Notwendigkeiten verstecken. Aber: "Wenn wir einen Tarifvertrag im Haus haben, der dem eines Möbel-Fuhrunternehmens gleicht, dann ist das falsch."

Quoten seien Zeichen der Hilflosigkeit

Quoten hält Schneider aber für Zeichen der Hilfslosigkeit. Stattdessen müsse man die Suche nach Komponistinnen und Komponisten überdenken. Auch die musikalische Sprache muss sich nach Ansicht des Intendanten so ändern, dass sie zugänglicher wird. Auch Komponisten der Vergangenheit hätten die populäre Musik der Zeit in ihrer Musik verarbeitet: "Wir müssen sowohl inszenatorisch als auch musikalisch ein Spiegel der Welt sein."

 Intendant der Oper Wuppertal Berthold Schneider, Dramaturgin Anna Chernomordik und Kulturmanager Muchtar Al Ghusain (v.l.n.r.)

Intendant Berthold Schneider, Dramaturgin Anna Chernomordik und Kulturmanager Muchtar Al Ghusain (v.l.n.r.)

Anna Chernomordik, Dramaturgin am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, bezweifelte, ob eine Reform der städtischen Bühnen zum Ziel führen kann. Opernhäuser in der aktuellen Struktur könnten keine Erneuerung des Genres leisten: "Wir sind ja nicht nur den Komponisten oder dem Musikbetrieb verpflichtet, sondern eben auch einem Publikum."

 Führungspositionen sollen verstärkt mit Frauen besetzt werden

Kulturmanager Muchtar Al Ghusain (l.) und Moderatorin Nele Freudenberger

Kulturmanager Muchtar Al Ghusain und Moderatorin Nele Freudenberger

Muchtar Al Ghusain, der Kulturdezernent der Stadt Essen, sieht das Problem tiefer im System verwurzelt: "Es fehlt an Frauen in Führungspositionen in der Oper. Ich glaube, der erste Schritt könnte sein, dass wir sagen, Führungspositionen sollen insbesondere durch Frauen besetzt werden." Diese Debatte müsse aber nicht nur kulturpolitisch, sondern gesamtgesellschaftlich geführt werden. Auch die berufsständischen Organisationen wie der Deutsche Bühnenverein oder die Gewerkschaften müssten sich dazu verhalten und positionieren.

Anlass der Diskussion mit Opernschaffenden war eine Auswertung der Spielpläne der kommunalen Opernbühnen in NRW. WDR 3 hatte ermittelt, dass lebende Komponisten an den Häusern kaum Chancen haben und von über hundert Opern nur eine einzige von einer Frau geschrieben wurde.

Stand: 24.09.2019, 08:06