Finale der Theater-Streams

René Heinersdorff (l.) mit Stefan Keim (r.)

Finale der Theater-Streams

Von Stefan Keim

Zum Abschluss der Online-Theater-Inszenierungen präsentieren wir das Stück "Aufguss" von René Heinersdorff aus dem Düsseldorfer Theater an der Kö. Unser Theaterkritiker Stefan Keim war bei der Aufführung dabei und gibt einen Einblick in die elegant-rasante Wortwitzkomödie sowie eine kurze Einführung zu den vorangegangenen Streams.

"Aufguss" im Düsseldorfer Theater an der Kö

Hugo Egon Balder in der Komödie  "Aufguss "

Hugo Egon Balder als Waschmittelfabrikant "Dieter"

Irritation auf der Bühne. Schauspielerin Dorkas Kiefer will abgehen – und tut das auch. Laut Drehbuch sollte sie eigentlich aufgehalten werden, von Hugo Egon Balder. Doch der ist nicht da. Cut! Die Aufzeichnung der Komödie "Aufguss" im Theater an der Kö wird angehalten. Alle suchen Balder und finden ihn dort, wo er immer ist, wenn seine Lunge nach dem gewohnten Laster verlangt. Letztlich kein Problem für das Team, schnell geht es weiter.
Das Ensemble hat das Stück zwar schon oft gespielt, nun aber eine längere Zeit pausiert. So wurde für die WDR-Aufzeichnung extra noch einmal geprobt und ein paar zusätzliche Gags zur Corona-Zeit eingebaut. Nach der Aufzeichnung frage ich Hugo Egon Balder, ob ich die Geschichte mit dem verpassten Auftritt erzählen darf. Er zuckt lässig mit den Schultern: "Klar. Ist doch so passiert."

Theaterkritiker Stefan Keim mit dem Ensemble des Stücks "Aufguss"

Ensemble von "Aufguss" mit Theaterkritiker Stefan Keim

Das Stück "Aufguss" spielt im Wellnessbereich eines Hotels, das Ensemble trägt Bademäntel. Der Waschmittelfabrikant Dieter (Hugo Egon Balder) will seiner Freundin (Madeleine Niesche) ein besonderes Geschenk machen. Sie möchte gern ein Kind, er hat einen Samenspender (Max Claus) für sie organisiert. Die beiden begegnen dem Leiter einer Kinderklinik, den Autor und Regisseur René Heinersdorff selbst spielt. Er wartet mit seiner Assistentin (Dorkas Kiefer) auf einen Spender. Nun geht die Verwirrung los, weil nur von einer "Spende" die Rede ist und daraus immer abenteuerlichere Verwechslungen entstehen. Eine rasante und elegante Wortwitzkomödie.

"Der König lacht" am Wolfgang-Borchert-Theater Münster

Bühnenbild Theater Münster, Aufführung: Der König lacht. Ein König sitzt auf einem Thron, ein Mensch mit Katzenmaske daneben.

Bühnenbild von "Der König lacht"

Ein philosophisches Märchen. Es geht um Macht und Gier, um die Frage, wie man sich richtig verhält und um einen mythischen Vogel Greif. Die Italienerin Luisa Guarro hat es geschrieben und in Münster auch inszeniert. Das Wolfgang-Borchert-Theater ist oft international unterwegs und macht Koproduktionen. So ist auch diese außergewöhnliche, formal genau stilisierte und einfache Regiearbeit entstanden, die poetische Bilder zeigt und den wunderbaren Schauspielern viel Raum lässt. Nachdenkliches Theater, das witzig und auch einmal brutal sein kann. Eine außergewöhnliche Aufführung, wie man sie sonst auf internationalen Festivals sieht.

Das Wolfgang-Borchert-Theater ist eine private Bühne, die ihr Geld vor allem durch den Kartenverkauf verdient. Solche Theater sind derzeit besonders gefährdet. Intendant Meinhard Zanger, der auch den König spielt, erzählt von der Unsicherheit und der Hoffnung auf staatliche Hilfen. Vom riesigen Willen, wieder zu spielen und sich selbst zu retten, muss er nichts erzählen. Das tut er zusammen mit Florian Bender und Johannes Langer beim Spiel für die Kulturambulanz.

Kinderoper "Ritter Odilo und der strenge Herr Winter" vom Landestheater Detmold

Ein Klassenzimmerstück mit einem Sänger und einer Pianistin, extra gespielt für die WDR Kulturambulanz. Dem Ritter Odilo ist langweilig, weil der Winter alle in seinen Klauen hält.

Kinderoper mit Jakob Kunath und Sachie Furuya

Alle müssen Masken tragen. Ein sehr netter Theaterarzt ist während des gesamten Drehs dabei und kontrolliert, ob wir uns richtig verhalten. Deswegen führen Intendant Georg Heckel und ich das einleitende Interview auch mit Masken. Meine Maske hat, nebenbei bemerkt, meine Frau genäht. Der Arzt findet sie okay, das ist ja schon mal was. Nur Bariton Jakob Kunath und die Pianistin Sachie Furuya spielen das Stück demaskiert. 

Das Landestheater Detmold hat uns in seine Junge Bühne schräg gegenüber vom Bahnhof eingeladen. Hier zeigen Jakob und Sachie ein Stück, das sie sonst in Klassenzimmern spielen. Von den Kameras kriegen sie keine Reaktionen wie sonst aus der Schulklasse, das irritiert. Aber das tut der Spielfreude keinen Abbruch. "Ritter Odilo und der strenge Herr Winter" ist ein witziges Stück, in dem der Sänger alle Rollen übernimmt, vom Ritter bis zum Drachen. Dazu singt er Arien aus dem "König Arthur" von Henry Purcell.

"Die Marquise von O." vom Theater Oberhausen

 "Die Marquise von O." im Theater Oberhausen

Ronja Oppelt in "Die Marquise von O."

Intendant Florian Fiedler hat Kleists Novelle in der Marienkirche inszeniert. Dort bekommt die Geschichte von der Vergewaltigung und Ausgrenzung einer Frau besondere Bedeutung. Die Kirche ist das Bühnenbild, Fiedler selbst hat ein paar Scheinwerfer aus dem Theater geholt. Die Schauspielerin Ronja Oppelt wechselt oft den Spielort, nutzt den ganzen Kirchenraum. Die Kameraleute sausen hinterher, versuchen, die Energie des Spiels in Bilder zu fassen.

Ronja Oppelt spricht nicht nur Kleist, sondern bricht immer wieder aus dem Text der Novelle aus. Dann wird sie direkt, heutig, scharfkantig. Der Musiker Martin Engelbach untermalt die Aufführung atmosphärisch, es gibt auch einige Songs. Alle sind mit riesiger Begeisterung bei der Sache. Man spürt die Erleichterung, mal wieder spielen zu können. Denn niemand weiß, wie lange die Zwangspause sein wird. Um 23 Uhr bringen Florian Fiedler und ich die Scheinwerfer zurück ins Theater. Die Straßen sind ausgestorben. Aber das Theater lebt. Zumindest ein bisschen.

"Judas" im Schauspielhaus Bochum

Szenenfoto von "Judas" im Schauspielhaus Bochum

Bühnenbild von "Judas"

Ein Mann sitzt nackt auf einer Leiter vor dem eisernen Vorhang. Steven Scharf spricht und spielt Lot Vekemans Monolog "Judas". Der Verräter wird zum Mensch, der glaubt und zweifelt, seine ganze Hoffnung auf den Messias setzt und schließlich mit dem Judaskuss zum Symbol der Verlogenheit wird. Bei den Aufführungen saß das Publikum ausschließlich im Rang, das Parkett unten blieb leer. Hier oben stehen nun auch die Kameras. Das Licht ist gedämpft, fast wie in einem Gemälde von Rembrandt. Es ist eine hochkonzentrierte Aufführung mit wenig Aktionen. Eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was man sonst im Fernsehen sieht. Und eben deshalb so berührend.

Das Schauspielhaus Bochum hat es in dieser Saison doppelt schlimm erwischt. Erst blieb das Haus wochenlang wegen eines Wasserschadens geschlossen, dann kam Corona. Doch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirken positiv und geben alles. Auch wenn nur ein paar Leute zuschauen. Am Ende verbeugt sich der Schauspieler vor dem leeren Saal. Das hat er so gewollt, um das Stück ordentlich abzuschließen. Als die Aufzeichnung beendet ist, klatscht das Kamerateam Beifall. 

"Liebesweichen" im Aalto-Musiktheater Essen

 "Liebesweichen" im Aalto-Musiktheater Essen,

Marie-Helen Joel und Thomas Büchel im Theater-Foyer

Lotte Lenya und Kurt Weill – sie haben sich verliebt, geheiratet, getrennt, wieder gefunden, wieder geheiratet und sind zusammen ins Exil in die USA gegangen. Eine aufwühlende Paargeschichte zwischen "Dreigroschenoper" und der Entwicklung des Musicals, die Weill in Amerika voran getrieben hat. Die Mezzosopranistin Marie-Helen Joel und der Schauspieler Thomas Büchel lesen Briefe und singen Lieder, begleitet vom Pianisten Oliver Malitius.

Eine intime Aufführung, wegen der Corona-Abstandsregeln verlegt ins große Foyer des Aalto-Musiktheaters. An dem Tag scheint die Sonne, das Theater wird von Licht durchflutet. Intendant Hein Mulders erzählt, dass er gerade für verschiedene Situationen Spielpläne entwickelt, telefoniert und organisiert. Stücke, die jetzt ausgefallen sind, werden wohl erst ab Sommer 2021 gezeigt werden können. Während der Aufzeichnung stehe ich auf einer festen Position frei im Raum, damit die beiden auf der Bühne wissen, wohin sie spielen sollen. Ich verkörpere quasi das Publikum. Auch mal interessant.

Stand: 09.04.2020, 09:00