"Hommage an Jannis Kounellis" in Duisburg

Kunst & Kohle. Hommage an Jannis Kounellis, MKM Museum Küppersmühle, Duisburg 2018 (Ausstellungsansicht)

"Hommage an Jannis Kounellis" in Duisburg

Jannis Kounellis schuf aus alltäglichen Materialien wie Kohle oder Stahl hoch poetische Kunst. In Duisburg ist zu sehen, wie dieser Funke übersprang.

Von Thomas Köster

Kunst & Kohle. Hommage an Jannis Kounellis, MKM Museum Küppersmühle, Duisburg 2018 (Ausstellungsansicht)

Eisen und Kohle seien die Materialien, die "am besten die Welt der industriellen Revolution und damit die Ursprünge der heutigen Kultur darstellen", hat Jannis Kounellis einmal gesagt. Als einem der wichtigstem Vertreter und Begründer der "arte povera", die sich mit einfachen Materialien befasste, bilden Kunst und Kohle bei ihm also eine Einheit.

Eisen und Kohle seien die Materialien, die "am besten die Welt der industriellen Revolution und damit die Ursprünge der heutigen Kultur darstellen", hat Jannis Kounellis einmal gesagt. Als einem der wichtigstem Vertreter und Begründer der "arte povera", die sich mit einfachen Materialien befasste, bilden Kunst und Kohle bei ihm also eine Einheit.

"Kunst & Kohle" ist auch die Ausstellungsreihe betitelt, mit der 17 der 20 Ruhrmuseen an die Schließung der letzten NRW-Zeche Prosper-Haniel in Bottrop Ende 2018 erinnern. Die "Hommage an Jannis Kounellis" in Duisburg passt hier wunderbar hinein. Selbst dann, wenn gar keine Kohle zu sehen ist.

Ursprünglich hatte das MKM Museum Küppersmühle eine große Retrospektive zum Werk des bedeutenden griechischen Künstlers geplant, der sich seit den 1960er Jahren mit Kohle beschäftigt. Als dieser dann 2017 mit 80 Jahren in Rom verstarb, musste der Plan leider abgeändert werden.

Jetzt sind in Duisburg nur die Installationen zu sehen, die Kounellis zu Lebzeiten noch autorisieren konnte. Aber selbst diese aus verschiedenen Ländern zusammengetragenen Arbeiten sind von einer poetischen Wucht, die zeigt, warum der 1936 in Piräus geborene Kounellis zu den wichtigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts gehört.

Nach dem Tod des griechischen Künstlers ist aus der Retrospektive eine "Hommage an Jannis Kounellis" geworden, die die Arbeiten des Arte-Povera-Vertreters mit Positionen von sechs zeitgenössischen Künstlern in Dialog setzt, die in starkem Maße von Kounellis beeinflusst worden sind.

1986 traf Anselm Kiefer Jannis Kounellis in Basel. Gemeinsam mit Beuys sprach man über Grenzen, Nationen und die Idee von Europa. All dies ist in "Klingsors Garten" (2018) eingeflossen, der einen ganzen Raum – und Vergangenheit und Zukunft – umspannt. Anspielung an Hermann Hesse inklusive.

In "Klingsors Garten" lässt Kiefer Sonnenblumen aus einem Kohlenboden wachsen. Ein Verweis auf die griechische Mythologie, in der die von Apollo verschmähte Klytia als Blume mit ihrem Blick dessen Sonnenwagen folgt, auf Werden und Vergehen – und auf unser neues Energiebewusstsein.

Am griechischen Mythos orientiert sich auch die türkische Künstlerin Ayşe Erkmen, die 2017 bei der Skulptur Projekte Münster Besucher übers Wasser gehen ließ. Bei der Duisburger Installation hat sie sich dem Feuer verschrieben, das uns ja bekanntlich Prometheus von den Göttern brachte.

Die Heizstrahler von Erkmens "Arbeit aus Licht und Hitze für eine Wand mit Licht und Hitze" (1991) bringen den Raum buchstäblich zum Glühen. "Prometheus / Er brachte uns / das Feuer / Und so / können wir / die Zukunft / nicht mehr sehen. / Wir sind glücklich." ist auf der Elektrodenkohle eingraviert.

Der französische Künstler Bernar Venet ist Kounellis seit den 1970er Jahren verbunden – und gehört zudem zu dessen Sammlern. In Duisburg hat er eine Installation geschaffen, die sich als eine Art Bühne für künstlerisches Improvisationstheater versteht.

"Jannis Kounellis’ Arbeiten waren sehr kraftvoll, sehr dunkel und sehr körperlich", sagt Venet. "Also habe ich mich entschieden, etwas ganz und gar Physisches, Kraftvolles zu machen: Installation, verbunden mit Aktion." Die Aktion soll am Eröffnungsabend hier stattfinden.

Die Zeit der Kohle mag in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland generell zu Ende gehen: In China besitzt sie nach wie vor Zukunftspotenzial. In seinem Film "Kohlenzauber" 2008 macht Sun Xun dies konkret – und metaphorisch deutlich. Getreu seinem Motto: "Die Kunst ähnelt einer Kohlenmine. Sie steht nicht nur für die gegenwärtige Arbeit, sondern auch für die Zukunft oder für das Unbekannte."

Überhaupt ist dies das Schöne an der Schau: Die Kohle ist allgegenwärtig, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. Wie in den Arbeiten von Timm Ulrichs, die in Duisburg zu sehen sind: ein Kohle-Ofen, der sich selbst verbrennen kann ...

... und die wundervoll ironische "Kohlezeichnung", die eine Aktion des Künstlers von 1975 zitiert: Hier ist Ulrichs mit einem Kohlesack auf dem Rücken einfach an der Wand entlang gestrichen. Der Sack liegt schlaff am Boden, die Kohle ist verschwunden.

"Jannis Kounellis hat als Künstler die Kohle zum Glühen gebracht", brachte es Kollege und Weggefährte Günter Uecker einmal auf den Punkt. In Duisburg kann man bestaunen, wie der Funke offenbar auch auf die nachfolgenden Generationen übergesprungen ist.

Kounellis "wollte in den lichten, großzügig angelegten Räumen seine Arbeiten inszenieren, mit Fokus auf den Werkstoff, der für ihn im übertragenen Sinne die Energie des Daseins und der Geschichte gespeichert hat: Kohle", resümieren die Kuratoren den ursprünglichen Sinn der Schau. Es ist schön zu sehen, wie sich dieses Konzept durch die Neukonzeption erweitert hat.

Trotzdem ist es auch ein bisschen schade, dass die große Retrospektive jetzt doch ein wenig kleiner ausgefallen ist. Denn Kounellis hat nicht nur etwas zur großen Kulturgeschichte von Energieträgern zu sagen, deren Zeit vermeintlich abgelaufen ist. Irgendwie wirkt seine "arme Kunst" frischer, aktueller – und zukunftsträchtiger – denn je.

Das betrifft nicht nur die politische, kulturelle und soziale, sondern von allem auch die poetische Dimension seines Werks, die ebenfalls in seinen Nachfolgern weiterlebt. Etwa in der "Tränenpresse" (2018) des Berliner Künstlers Michael Sailstorfer, der den Umgang mit der Kohle und den Abschied von ihr auf besonders anrührende und ironische Art in Kunst transformiert. Das können Fotos nicht vermitteln. Also: Hingehen und verzaubern lassen.

"Kunst & Kohle. Hommage an Jannis Kounellis" ist noch bis zum 28. Oktober 2018 im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg zu sehen. Auch der Katalog ist lesens- und sehenswert.

Hommage an Jannis Kounellis

WDR 3 Mosaik | 12.06.2018 | 08:58 Min.

Download

Stand: 13.06.2018, 11:54