Autorin Amina Eisner über ihre "Prissy Edition"

Die Autorin und Regisseurin Amina Eisner.

Autorin Amina Eisner über ihre "Prissy Edition"

Das WDR Hörspiel hat mit der "Prissy Edition" eine Neuauflage des welberühmten Romans "Vom Wind verweht" veröffentlicht. Autorin Amina Eisner berichtet, wie sie mit einer neuen Ebene den versklavten Menschen des Klassikers eine Stimme gegeben hat.

"Gone with the Wind" – "Vom Wind verweht", von Margaret Mitchell kam 1936 in den USA heraus. Der Roman wurde sofort ein Bestseller, dann natürlich der Film mit Vivien Leigh und Clark Gable. Aber es gab immer schon auch Debatten über die historisch problematische Zeichnung des Bürgerkriegs, vor allem aber über die rassistische Darstellung der Schwarzen in den Südstaaten. Der Bürgerrechtler Malcolm X zum Beispiel fand die Figur der Sklavin Prissy so unsäglich, dass er am liebsten unter den Teppich gekrochen wäre, wie er schrieb. Seit der Tötung von George Floyd durch einen Polizisten 2020 und der weltweiten Black Lives Matter-Bewegung steht Mitchells Roman wieder in der Kritik. WDR 3 hat "Vom Wind verweht" jetzt als Hörspiel bearbeitet, allerdings in einer neuen, sozusagen kommentierten Fassung durch die Autorin und Schauspielerin Amina Eisner. WDR 3-Moderator Michael Struck-Schloen hat Amina Eisner befragt.

Michael Struck-Schloen: Frau Eisner, Sie nennen ihre Fassung ja "Prissy Edition", also benannt nach dieser schwarzen Sklavin Prissy. Auf Englisch heißt das so viel wie überempfindlich, aber auch überangepasst. Da merkt man schon ein bisschen die diskriminierende Richtung. Und was haben Sie diesem Roman entgegengesetzt?

Amina Eisner: Ich habe versucht, das Erbe von Prissy entstehen zu lassen. Sie nicht mehr als unbeteiligte Beobachterin stehen zu lassen, sondern als quasi die, die die Geschichte eigentlich weitergetragen hat.

Struck-Schloen: Und dieses Erbe, das ist ein Stapel von Tagebüchern.

Eisner: Genau. Und Familienstammbäume.

Struck-Schloen: Wer entdeckt diese Tagebücher?

Eisner: Ein Nachfahre Prissys, der in den 70er-Jahren als GI nach Deutschland gekommen ist, sich dann verliebt hat in eine afrodeutsche Frau. Und auch eine Familie mit ihr gegründet hat, geblieben ist. Als seine Mutter stirbt, geht er mit seinen erwachsenen Töchtern in die USA, um das Haus seiner Mutter einzupacken und aufzulösen, was da noch so da ist. Und sie finden beziehungsweise übernehmen diesen Erinnerungsschatz, den die Oma bis dahin verwaltet hatte.

Struck-Schloen: Sie haben jetzt diese Entdeckungsgeschichte der Tagebücher von Prissy durch die afrodeutsche Familie dazwischen geschnitten. Oder wie muss man sich das vorstellen? Welches Verhältnis haben Sie zu dem Roman "Vom Wind verweht" von Mitchell?

Eisner: Die gegenwärtigen Handlungsstränge sind immer so zwischen fünf bis maximal neun Minuten lang und werden in die Story mit hineingewoben. Das hat ganz gut geklappt am Ende. Ich habe das ja erst geschrieben, nachdem schon die erste Fassung von der Romanvorlage fertig war, von der Bearbeitung, und habe versucht, Stellen zu finden, wo es vielleicht gut reinpassen könnte. Und natürlich habe das nicht nur ich gemacht, sondern ein ganzes Team steht dahinter.

Struck-Schloen: Und diese modernen Szenen zum Beispiel - reagieren die auf Kapitel im Roman oder sind die unabhängig davon?

Eisner: Teils, teils. Manchmal ist die Reaktion auf die Kapitel im Roman vielleicht nicht so offensichtlich. Und manchmal gibt es eine direkte Reaktion, weil es auch eine direkte Reaktion bei mir ausgelöst hat. Aber eigentlich ist es auch in sich nochmal eine eigene Geschichte.

Struck-Schloen: Es gibt ja im Moment sehr heftige Diskussionen darüber, wie weit man Rassismus oder das koloniale Erbe, das in Deutschland noch vielfach sichtbar ist, also in Museen zum Beispiel oder als Straßennamen, ob man das verbannt oder ob man es stehen lässt und kommentiert. Sie haben sich jetzt im Hörspiel dafür entschieden, Mitchells Roman stehen zu lassen. Oder der WDR hat sich dafür entschieden. Was erwarten Sie von dieser Konfrontation? Was könnte das für eine Erkenntnisprozess sein beim Publikum?

Illustration zum Hörspiel Vom Wind verweht - Die Prissy Edition. Person auf der linken Seite: Scarlett, Person auf der rechten Seite: Celeste.

llustration zum Hörspiel: Scarlett (links) und Celeste (rechts)

Eisner: Ich finde, dass zum Beispiel die Bearbeitung vom Roman schon extreme Sachen zwar nicht verändert hat, aber angepasst hat. Und allein der Fakt, dass die versklavten Personen beziehungsweise Charaktere eigene inneren Monologe haben und auch das, was geschieht, teilweise kommentieren und auch kritisch kommentieren, ist schon mal ein Schritt nach vorne. Ich fand einfach wichtig, auch eine Konversation zu haben mit diesem alten Text, weil es bringt ja nichts. Dieser Text existiert, ob wir es wollen oder nicht. Jetzt müssen wir eine Konversation darüber führen, wie man das heutzutage noch erzählen kann. Weil ungefiltert geht es auf gar keinen Fall.

Genauso wie bei Straßennamen: Zum Beispiel hieß in Berlin der Theodor-Heuss-Platz früher auch mal Adolf-Hitler-Platz. Und als er umbenannt wurde, gab's keine Proteste, jedenfalls keine großen, schätze ich mal. Genau wie Straßennamen sich umbenennen - unsere Gesellschaft ändert sich so stark. Wir müssen mit der Zeit gehen und auch das mitgestalten und nicht nur darauf gucken, was uns hinterlassen wurde, sondern auch etwas für die nächste Generation hinterlassen. Und dazu gehören Veränderungen.

Struck-Schloen: Da kann man nur hoffen, dass dieses Hörspiel, 16 Teile sind es, die Diskussion fortsetzen wird – danke für das Gespräch!


Das komplette Gespräch zum Nachhören:

Interview zu "Vom Wind verweht - die Prissy Edition"

WDR 3 Mosaik 08.03.2021 08:04 Min. Verfügbar bis 08.03.2022 WDR 3


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Stand: 09.03.2021, 14:17