Black Matters - Die Musik zur Sendung

Nina Simone, Solange Knowles.

Black Matters - Die Musik zur Sendung

Jede Ausgabe widmet sich einem anderen Song der Black Community der USA oder Deutschlands. WDR3-Reporterin Noelle O’Brien-Coker stellt die Lieder und ihre politische Bedeutung vor.

Schon der Vorspann zum Hörspiel "Vom Wind verweht – Die Prissy Edition" taucht tief ein in die Geschichte des Schwarzen Widerstands in der Musik: mit Pianistin und Sängerin Nina Simone, die "Strange Fruit" performt.

Nina Simone – "Strange Fruit" (1965)

Der traurige Song "Strange Fruit" beschreibt die grausamen Lynchmorde an Schwarzen, die noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts von Weißen in den US-Südstaaten verübt wurden. Auch mit ihrem noch subversiveren Track "Mississippi Goddamn" setzt Nina Simone ein Zeichen gegen rassistische Morde.

Nina Simone – "Mississippi Goddamn" (1954)

"Alabama regt mich so auf. Tennessee lässt mir keine Ruhe. Und alle wissen um Mississippi gottverdammt!", singt Nina Simone. Sie ist wütend: Im Juni 1963 stirbt der Bürgerrechtsaktivist und Weltkriegsveteran Medgar Evers in Mississippi durch die Schüsse eines Rassisten; im September 1963 verüben Mitglieder des Ku Klux Klan einen Bombenanschlag auf eine Schwarze Baptisten-Gemeinde in Alabama – vier Kinder sterben.

Es sind nicht die einzigen Morde, auf die sich Nina Simone in "Mississippi Goddamn" bezieht. Jetzt teilt sie also musikalisch aus. Ihre Waffen: ihr Klavier, ihre unverkennbare Stimme und ihr Humor. Die klassisch ausgebildete Pianistin und geborene Entertainerin garniert ihren musikalisch teils fröhlich anmutenden Song mit sarkastischen Kommentaren.

Viele Radios der US-Südstaaten boykottieren das Lied. Ihre Politisierung hat Nina Simones Karriere nicht nur gut getan. Aber die Wut musste raus. Nina Simone war ein wichtiger Teil der US-Bürgerrechtsbewegung. Im Nachbarshaus in New York lebt die Familie von Malcolm X, mit der sie regen Umgang pflegt. "Mississippi Goddamn" bezeichnete sie als ihren ersten Bürgerrechtssong.

BSMG"Jesse Owens" (2017)

Die deutsche Kolonialpolitik ist heute wenig aufgearbeitet, aber in einem geflügelten Wort überliefert: dem berüchtigten "Platz an der Sonne". 1897 meinte der Politiker Bernhard von Bülow damit nichts anderes als den vermeintlichen kolonialen Anspruch des Kaiserreichs auf afrikanisches Land. "Platz an der Sonne" heißt auch das Album der Schwarzen deutschen Crew BSMG – ein musikalischer Ritt durch die deutsche Kolonialgeschichte und ein Werk Schwarzer deutscher Selbstermächtigung.

Erste Station: 1936. Das ist eine Klatsche für Nazi-Deutschland: bei den Olympischen Spielen in Berlin holt Jesse Owens gleich vier Mal Gold. Der Schwarze US-amerikanische Leichtathlet geht in die Geschichte ein und inspiriert bis heute. "Wir waren nicht willkommen wie Jesse. Wir haben gewonnen wie Jesse!", singen BSMG in "Jesse Owens".

BSMG steht wahlweise für "Black Superman Group" oder "Brüder Schaffen Mehr Gemeinsam" und ist ein Zusammenschluss aus Rapper Megaloh, Produzent Ghanaian Stallion und Rapper Musa.

Mit ihrem Album "Platz an der Sonne" setzen sie ein anti-koloniales und rassismuskritisches Zeichen. Inspiriert von westafrikanischen Afrobeats und der HipHop-Spielart Trap feiert es die globale popkulturelle Dominanz der Musik Schwarzer Artists. Während BSMG so auch ihre afrikanischen Wurzeln erkunden, drehen sie den kolonialen Spieß um und beanspruchen selbstbewusst ihren Platz in der Geschichte und Gegenwart Deutschlands.

Solange – "F.U.B.U" (2016)

Solange hat sich und ihren ganz eigenen R’n’B-Stil gefunden, als sie 2016 ihr viel beachtetes drittes Album "A Seat At The Table" rausbringt. Die kleine Schwester von Superstar Beyoncé kommt dabei ganz ohne Bling Bling aus und überzeugt mit anspruchsvoller Coolness.

Das Album ist ein politisches Statement über das Leben als Schwarze Frau in den USA. Davon erzählt nicht nur die Hitsingle "Don’t Touch My Hair", sondern auch der Song "F.U.B.U", der sich auf die gleichnamige, in den 90er Jahren gegründete Schwarze Klamottenmarke bezieht für "For Us By Us" steht. Der Claim ist auch heute ein verbreitetes Empowerment-Statement der Community.

"F.U.B.U." wird 2019 zum epischen Höhepunkt von Solanges exklusiven Deutschland-Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie, als sie alle Schwarzen Menschen im Publikum auffordert, von ihren Sitzen aufzustehen und mit ihr zu singen: "This shit is for us!" – "dieser Scheiß ist für uns!"

Kendrick Lamar – Black Panther (2018)

Vor drei Jahren hat das Marvel-Epos "Black Panther" die Mainstream-Kinos erobert und war damit der erste Blockbuster mit einer fast ausschließlich Schwarzen Besetzung. Den Soundtrack dazu hat Kendrick Lamar produziert, der wohl bedeutendste Rapper unserer Zeit. Eine natürliche Kombination, denn wie das Symbol des Panthers hat auch HipHop für den Schwarzen Widerstand insbesondere in den USA eine zentrale Bedeutung.

Im Intro-Song zum "Black Panther"-Soundtrack schlüpft Kendrick in die Rolle des Königs T’Challa. Im Laufe des Albums wird er noch in ganz andere Schuhe steigen, etwa in die von Erzfeind Killmonger. Es ist ein Markenzeichen des Rappers aus Compton bei L.A., mit seinem Stil ganz unterschiedliche Perspektiven seiner selbst zu erzählen und diese im Klang seiner Stimme sowie in seiner Technik hörbar zu machen.

Kendrick Lamars Texte sind Futter fürs Hirn, berühren das Herz und den Bauch. Seine Lyrik ist außerdem preisgekrönt, nicht nur mit dem Grammy: 2018 war er der erste und bisher einzige Rapper, der den Pulitzer-Preis bekam. Davor und danach ging die Auszeichnung ausschließlich an Jazz- und klassische Artists. Kendrick Lamar hat damit etwas Entscheidendes erreicht: Die Anerkennung von HipHop und Rap als Hochkultur durch eine weiße Bildungselite.

Es ist also kein Wunder, dass gerade er die Geschichte des Black Panther vertonen durfte – einer afrofuturistischen Utopie, die die Welt aus einer Schwarzen, hoffnungsvollen Perspektive neu erzählt. 

Stand: 10.03.2021, 13:20