Pop Fiction: Das Kino des Quentin Tarantino

Pop Fiction: Das Kino des Quentin Tarantino

Von Ingo Neumayer

Quentin Tarantino gilt als einer der prägendsten Regisseure derzeit. Aber warum? Sind es die Inszenierungen? Die Dialoge? Oder der ungewöhnliche Einsatz von Songs und Scores?

Filmszene: "Reservoir Dogs"

Dass Regisseur Quentin Tarantino ein Faible für Musik und Popkultur hat, wird gleich in der ersten Szene seines ersten Films "Reservoir Dogs" aus dem Jahr 1992 klar. Da sitzen sieben knallharte Gangster an einem Tisch und diskutieren engagiert. Und zwar nicht über ihre Zeit im Knast oder über den nächsten Coup. Nein, sie philosophieren über ...

Dass Regisseur Quentin Tarantino ein Faible für Musik und Popkultur hat, wird gleich in der ersten Szene seines ersten Films "Reservoir Dogs" aus dem Jahr 1992 klar. Da sitzen sieben knallharte Gangster an einem Tisch und diskutieren engagiert. Und zwar nicht über ihre Zeit im Knast oder über den nächsten Coup. Nein, sie philosophieren über ...

Madonna! Ist "Like A Virgin" die Hymne eines verletzlichen Mädchens oder der obszöne Abgesang einer Nymphomanin? Welcher ihrer Songs ist besser, "Borderline" oder "True Blue"? Gangster, die ernsthaft wie Kulturkritiker über Popmusik referieren – das ist neu. Und auch der Soundtrack von "Reservoir Dogs" macht klar, dass Tarantino nicht nur ein Film-Nerd, sondern auch ein Musikexperte ist. Eine brutale Verhörszene unterlegt er mit dem 70er-Jahre-Softrock-Song "Stuck In The Middle With You" und sorgt dafür, dass die Band Stealers Wheel ein kleines Revival erlebt.

Mit seinem zweiten Film "Pulp Fiction" schafft Tarantino 1994 den weltweiten Durchbruch. Und das gleich in mehreren Medien. Denn nicht nur an den Kinokassen läuft es blendend, auch in den Plattenläden. Der Soundtrack, auf dem er Surf-Rock (Dick Dale), Disco-Funk (Kool & The Gang), Soul (Al Green), R&B (Dusty Springfield), Country (Statler Brothers) und noch mehr versammelt, wird stilbildend und schafft es, die Teens und Twens der 90er für die Musik ihrer Eltern zu interessieren.

Unvergessen ist die Szene in Jack Rabbit Slim's Restaurant, wo Vincent Vega (John Travolta) und Mia Wallace (Uma Thurman) zu Chuck Berrys "You Never Can Tell" Twist tanzen und damit sogar einen Preis gewinnen.

Der "Pulp Fiction"-Nachfolger "Jackie Brown" erzählt die Geschichte einer Stewardess (gespielt von Pam Grier), die in einen Drogenschmuggel verwickelt ist. Die musikalische Begleitung stammt meist aus dem Bereich Funk und Soul: Unter anderem sind Bobby Womack, The Supremes, The Delfonics, Bill Withers und Randy Crawford zu hören, aber auch Johnny Cash und The Guess Who.

"Kill Bill" ist eine klassische Rachegeschichte, die filmisch zwischen den Genres hin- und herspringt. Es gibt Western-Elemente, Bezüge zu fernöstlichen Kampfkunstfilmen, Blaxploitation-Anleihen und sogar Comic-Sequenzen. Entsprechend wild geraten auch die Soundtracks der beiden Teile: Von Nancy Sinatra bis Isaac Hayes, von Krautrock bis HipHop, von "Don't Let Me Be Misunderstood" bis "Green Hornet".

"Death Proof" handelt von einem mörderischen Stuntman (Kurt Russell), der mit seinem Auto Frauen verfolgt und von der Straße drängt. Der Film floppt an den Kassen, die ersten Abgesänge auf das Regie-Genie Tarantino werden verfasst. Auch vom Soundtrack nimmt das Publikum wenig Notiz. Und das, obwohl darauf tolle Songs sind, unter anderem T.Rex, Mink DeVille, The Coasters und Dave, Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich.

"Inglourious Basterds" ist 2009 der erste Tarantino-Film, der in der Vergangenheit spielt, und zwar im Zweiten Weltkrieg. Entsprechend gibt es kaum Pop-Musik, aber viel stimmungsvollen Score von Soundtrack-Experten wie Lalo Schifrin ("Mission: Impossible"), Elmer Bernstein ("Die Glorreichen Sieben") und Ennio Morricone ("Spiel mir das Lied vom Tod") zu hören.

Das Finale von "Inglourious Basterds" gerät äußerst überraschend - auch musikalisch. Denn als sich die Widerstandskämpferin Shosanna (Melanie Laurent) bereit macht, um die versammelte Nazi-Führung in die Luft zu sprengen, läuft auf einmal düsterer Achtziger-Pop: David Bowies "Cat People", produziert von Giorgio Moroder.

Musik aus späteren Zeiten in einem historischen Film zu platzieren, ist ein sehr wirkungsvolles Stilmittel. Das beweist Tarantino auch bei "Django Unchained", der kurz vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg spielt und das Schicksal des Sklaven Django verfolgt. Neben klassischen Western-Nummern gibt es HipHop von 2Pac, RZA und Rick Ross zu hören.

Auch sein folgender Film, "The Heightful Eight" (2015), ist ein Western und laut Tarantino stark von "Bonanza" beeinflusst. Statt sich bei bereits existierenden Songs und Soundtracks zu bedienen, lässt er diesmal einen abendfüllenden Score komponieren. Und das übernimmt niemand geringeres als ...

Ennio Morricone! Der italienische Filmkomponist (hier links) gilt als einer der Meister seines Fachs und hat unter anderem die Soundtracks zu "Spiel mir das Lied vom Tod", "Zwei glorreiche Halunken", "The Untouchables", "Das Ding aus einer anderen Welt" oder "In The Line of Fire" geschrieben.

"Once Upon A Time In Hollywood", Tarantinos bislang letzter Film, wird oft als seine Liebeserklärung an das Hollywood der Sechziger Jahren interpretiert. Hier häufen sich natürlich die Pop-Bezüge. Im Film tauchen unter anderem Mama Cass und Michelle Phillips von The Mamas & The Papas auf, und auch die mordende Manson-Family, die sich stark auf die Beatles berief, spielt eine Rolle. Der Soundtrack ist wie ein gutes Mixtape aus dem Jahr 1969: Darauf sind unter anderem Deep Purple, Vanilla Fudge, Bob Seger, Box Tops, Simon & Garfunkel und Neil Diamond.

Quentin Tarantino hat immer wieder in Interviews erzählt, dass er nur zehn Filme in seiner Karriere drehen will. Neun hat er schon gemacht, und wenn er sich an sein Wort hält, bleibt also nur noch einer. Wann dieser kommt und wovon er handelt? Keiner weiß es. Nur eine Sache kann man wohl jetzt schon versprechen: In diesem Film gibt es viel gute Musik zu hören.

Stand: 11.10.2019, 11:16 Uhr