Happy End

Filmszene aus Happy End. Die Familie Laurent sitzt beim Essen

WDR 2 Kino

Happy End

Von Andrea Burtz

Nur die großbürgerliche Fassade hält die Unternehmerfamilie Laurent noch zusammen. Dahinter: Bosheiten, Verzweiflung und Suizidversuche. Familiendrama von Michael Haneke mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant.

Eve (Fantin Harduin) ist zwölf Jahre alt und viel mit dem Handy beschäftigt. Heimlich filmt sie ihre Mutter bei der Abendtoilette und würzt ihre Bilder mit bösen Kommentaren. Eve hasst ihre depressive Mutter. Und ihren Hamster auch. Sie macht ihn zum Teil ihrer Versuchsanordnung. Eve stiehlt Medikamente und mischt sie dem Haustier ins Futter. Neugierig filmt sie, was dann mit dem Tier passiert. Emotionslos. Als ihre psychisch kranke Mutter schließlich auch vergiftet aufgefunden wird, geht die Familie von einem Selbstmordversuch aus. Als Zuschauer kann man anderes vermuten.

Eve ist der jüngste Sproß der bürgerlichen Familie Laurent, die in Michael Hanekes neuestem Werk "Happy End” im Mittelpunkt steht. Reich, böse, unglücklich – das trifft auf alle Mitglieder zu. Hier wird weder gebrüllt noch geschimpft, sondern Boshaftigkeit beiläufig verteilt. Beim Familiendinner geht es gesittet zu, die Fassade glänzt. Patriarch Georges Laurent (Jean-Louis Trintignant) bittet darum, Gezänk erst nach dem Dessert aufzutischen. Er selbst ist längst des Lebens müde. Sein strenger Blick auf Enkelin Eve, die er kaum kennt, lässt vermuten, dass er in der Kleinen sich selbst wiedererkennt. Auch seine Boshaftigkeiten.

Wie immer bei Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke wird nicht alles auserzählt – der Zuschauer muss in der WDR Co-Produktion seinen Beitrag leisten, Lücken füllen, Puzzle-Teile zusammenfügen, um die Familiengeschichte zu komplettieren.

Wie bitterböse sich die Menschen verhalten, zeigt sich in ihrem Gebrauch der sozialen Medien, der sie völlig zu enthemmen scheint. Da chattet Sohn Thomas (Matthieu Kassovitz) ungehemmt im dirty-talk mit seiner Geliebten, Tochter Eve liest heimlich mit und verfolgt, wie ihr Vater alle betrügt. Wer sollte ihr in dieser Familie als Vorbild dienen?

Michael Hanekes Filme sind das Gegenteil von Feelgood-Movies – sie beunruhigen den Zuschauer, fordern ihn zum Mitdenken auf. Konsequent verweigert Haneke Erklärungen zu seinen Figuren und seiner Geschichte – den Beitrag muss das Publikum selbst leisten.

"Happy End" – ein Titel, der in der Irre führt – ist ein echter Haneke Film. Einige Motive sind bereits aus früheren seiner Filme bekannt: die unberechenbaren Kinder, die beobachtende Kamera (diesmal ein Handy). Einen aktuellen Bezug stellt er mit dem Spielort Calais und der Flüchtlingsproblematik her. Enkel Pierre (Franz Rogowski) sprengt eine Familienfeier, indem er ein paar Flüchtlinge mit an den weiß gedeckten Tisch setzt, um seine Mutter (Isabelle Huppert) vor Familie und Geschäftsfreunden bloßzustellen.

Am Ende geht ein Wunsch in Erfüllung – so viel sei verraten. Ob das ein Happy-End ist, sei aber der Zuschauer überlassen.

Drama, F/D/D 2017

Regie:
Michael Haneke ("Das weiße Band", "Liebe", "Funny Games")

Darsteller: Isabelle Huppert ("Die Klavierspielerin", "Liebe" "Elle"), Matthieu Kassovitz ("Hass", "Die fabelhafte Welt der Amélie"), Jean-Louis Trintignant ("Leichen pflastern seinen Weg", "Rot", "Liebe"), Franz Rogwoski ("Love Steaks")

Länge: 107 min

Ab 12 Jahren

Kinostart: 12.10.2017

Stand: 12.10.2017, 00:01