Geheimnis eines Lebens

Szene aus dem Film "Geheimnis eines Lebens":  Sophie Cookson als Joan

WDR 2 Kino

Geheimnis eines Lebens

Von Andrea Burtz

Während des Zweiten Weltkriegs spioniert eine englische Physikstudentin für die Sowjetunion, behält dies aber jahrzehntelang für sich. Erst im hohen Alter wird die Rentnerin vom britischen Geheimdienst wegen Hochverrats belangt.

Die pensionierte Wissenschaftlerin Joan Stanley (Judi Dench) lebt zurückgezogen in einem Vorort von London. Sie hat sich eine Tasse eingeschenkt, als es an ihrer Tür klingelt. Kurz drauf wird die alte Dame wegen Hochverrats festgenommen. Ihr wird ein Verbrechen vorgeworfen, das mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Im Verhör von Regierungsvertretern bestreitet sie jegliche Schuld, erzählt dabei aber ihre Geschichte, die der Film von Regisseur Trevor Nunn in langen Rückblenden nachstellt.

Physikstudentin wird politsch

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg studierte die begabte, junge Joan (Sophie Cookson) in Cambridge Physik. Ihre Freundin Sonya (Tereza Srbova) führt sie in einen Kreis politisch aktiver Kommilitonen, die die Republikaner in Spanien unterstützen, die sich für eine klassenlose, kommunistische Gesellschaft einsetzten. Joan verliebt sich Hals über Kopf in Sonyas Bruder Leo, einen gutaussehenden Idealisten, der das Leben als Herausforderung versteht. Er und seine Schwester Sonya sind jüdische Flüchtlinge mit russischen Wurzeln, die in Deutschland leben. Nach anfänglichen Zweifeln interessiert sich auch Joan für die Bewegung, lässt sich rekrutieren und beginnt mit Leo eine Liebesaffäre. 

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs arbeitet Joan an einem streng geheimen britischen Geheimdienstprojekt, das Leo stark interessiert. Joans Kameraden bedrängen sie, ihnen Geheimdienstinformationen zu verraten.

Loyalität oder Liebe?

Joan steht vor der schwierigen Frage, ob sie gegenüber ihrem Land loyal bleiben oder ihrer großen Liebe Leo helfen soll. Da die junge Frau davon ausgeht, dass die Sowjets in Besitz einer Bombe sind, die verhindern würde, dass die großen Nachkriegsmächte sich gegenseitig vernichten, wird sie zur Verräterin. 

Drama nach einer wahren Geschichte

An Joans Geschichte und ihre Beweggründe legt das Drama in Rückblenden frei. Dabei setzt die Inszenierung von Trevor Nunn ("Lady Jane – Königin für neun Tage", "Was ihr wollt") weder auf Spannung – das Ende von Joans Geschichte ist in den ersten Minuten bekannt – noch auf äußere Dramen. Nunn interessiert Joans innere Zerrissenheit. Für ihre Entwicklung bekommt Judi Dench jedoch nur wenig Raum. Ihre wenigen Szenen dienen lediglich als Rampe, um zurück in die 40er Jahre zu gleiten und in konventionell inszenierten Rückblenden ihre Vergangenheit zu erzählen. "Red Joan"“ – wie das Drama im Original heißt – liegen wahren Begebenheiten zugrunde. Melita Norwood (die im Film "Joan Stanley" heißt), wurde durch einen Zufall 1992 erst mit 80 Jahren als dienstälteste britische Spionin des KGB entlarvt. Spannender Stoff, dem weder das Drehbuch, noch die Inszenierung von "Red Joan" gerecht werden.

Drama, USA 2018, Regie: Trevor Nunn, ab 6 Jahren

Kinostart: 04.07.2019

Stand: 04.07.2019, 00:00