Doku über Günther Weisenborn und die "Rote Kapelle"

Joy und Günther Weisenborn

Doku über Günther Weisenborn und die "Rote Kapelle"

In seiner Geburtsstadt Velbert erinnert noch eine Straße an ihn: Günther Weisenborn gehörte mit seiner Frau zur Widerstands-Gruppe "Rote Kapelle", die gegen die Nazis kämpfte. Sein Sohn Christian nähert sich nun in einem Dokumentarfilm der bewegenden Geschichte des Vaters.

59 Mitglieder des Widerstands-Netzwerks wurden von den Nazis als angebliche Spione hingerichtet. Günther Weisenborn überlebte nur dank eines Zufalls. Nach dem Krieg wurde die Gruppe keineswegs für ihren Widerstand gefeiert, sondern ihre Mitglieder lange als kommunistische Agenten verschrien. Erst 2009 hob der Bundestag die wegen Kriegsverrats gegen sie gefällten Urteile der NS-Justiz im Nachhinein auf. Seitdem wird die Gruppe rehabilitiert. Der Dokumentarfilmer Christian Weisenborn hat nun einen sehr persönlichen Film über seinen Vater Günther Weisenborn, seine Mutter Joy und den Berliner Teil der Widerstandskämpfer gemacht. Christian Weisenborns Film "Die guten Feinde", der den Titel eines Theaterstücks seines Vaters trägt, ist ab dem 27. Juli in den Kinos zu sehen. Zudem erscheint Ende August im C.H. Beck Verlag das Buch "Liebe in Zeiten des Hochverrats" mit Briefen und Tagebucheinträgen bzw. Gedichten aus dem Gefängnis von Günther und Joy Weisenborn.

WDR 3: Ihr Vater und Ihre Mutter gehörten beide der "Roten Kapelle" an. Was hat diese Gruppe ausgezeichnet?

Christian Weisenborn: Die haben sich zusammengeschlossen, um Hitler loszuwerden. Dazu waren ihnen nahezu alle Mittel recht. Sie haben Flugblätter geschrieben und sie per Post versandt. Sie haben Juden aus dem Land gebracht. Mein Vater war damals im Großdeutschen Rundfunk und hat auch dort versucht Widerstand zu leisten. Sie haben versucht, mit ausländischen Botschaften Kontakt aufzunehmen, was aber schwierig war. Die Franzosen gab es nicht mehr, die Engländer hatten abgelehnt, und die Amerikaner waren nicht interessiert, die waren nicht im Krieg. So blieben also nur die Russen. Die stellten der Gruppe zwei Funkgeräte zur Verfügung, die aber beide nicht funktionierten. Sie hatten viele Informationen, konnten so aber keine Nachrichten senden. Harro Schulze-Boysen war Fliegerleutnant bei Göring und bekam natürlich unmittelbar auch Informationen über den Überfall auf die Sowjetunion. Das wären natürlich Dinge gewesen, die den Russen sehr genutzt hätten. Diese Nachricht hat aber Stalin nicht geglaubt.

WDR 3: Welche Personen gehörten zu der Widerstands-Gruppe um ihren Vater?

Weisenborn: Es waren Studenten, Künstler, Offiziere – es war ein Spiegel der Gesellschaft, der sich da wiederfand. Es waren um die 120 Menschen, die verhaftet wurden. Der Kreis war aber wesentlich größer. Aber diese 120 wurden erwischt, von denen 59 dann zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

WDR 3: Auch die engsten Freunde ihres Vaters wurden hingerichtet. Er selbst kam per Zufall mit dem Leben davon.

Weisenborn: Das war in Luckau, es war kurz vor Kriegsende, die Russen war schon in der Nähe. Am Ende kam die Gestapo, um die politischen Häftlinge abzuholen. Sie holten die erste Gruppe ab. Da sein Name mit W beginnt, wäre er erst am nächsten Tag dran gewesen. Aber am nächsten Tag waren die Russen da und der Krieg war zu Ende.

WDR 3: Im Film erfährt man, dass es nicht nur düster zugeht. Die Gruppe liebte das Feiern. Man lebte in WGs, genoss das Großstadtleben – waren das ein bisschen die frühen 68er?

Weisenborn: Das waren zum großen Teil Leute, die aus der Jugendbewegung gekommen sind. Die gewandert sind, Lieder gesungen und gezeltet haben. Das hat ihr Leben bestimmt. Das war ja schon eine sehr oppositionelle Bewegung, die entstand nach dem Kaiserreich nach 1918. Eine sehr große Bewegung, die man sehr unterschätzt hat.

WDR 3: Die "Rote Kapelle" galt nach dem Krieg als kommunistische Spionage-Organisation. Wie konnte sich dieses Missverständnis so lange halten?

Weisenborn: Es war der Richter Manfred Röder, der versucht hat, meinen Vater vor Gericht zu bringen. Der BND, - alles - war damals noch sehr von der Gestapo bestimmt. Und das waren auch die Artikel im "Spiegel". Der Stern hat auch einen Zehnteiler gebracht und auch der WDR hat in den 1970er Jahren noch eine sechsteilige Serie gemacht, die auch in einer ähnlichen Konstellation gebaut wurde.

WDR 3: Ist der Film so etwas wie das, was sich ihr Vater immer gewünscht hat: Aufzuklären über die "Rote Kapelle"?

Weisenborn: Das kann ich mir vorstellen. Er war ja ein Mann, der immer an den Sieg der Vernunft geglaubt hat. Ich selbst bin da ein bisschen skeptischer. Aber das war natürlich das Ziel. Er hat sich ein Leben lang um die Rehabilitierung bemüht. Es ist nie ein offizieller Dank ausgesprochen worden. Das hat meine Mutter schon ein bisschen verbittert. Die jungen Leute damals waren sieben Monate in Haft, haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt und zum Großteil verloren. Und es gab keine staatliche Anerkennung. Das war schon sehr schwierig für sie.

Christian Weisenborn sprach mit WDR 3 Moderatorin Kornelia Bittmann. Das vollständige Interview aus der Sendung "Mosaik" können Sie hier nachhören:

Filmdoku: "Die guten Feinde"

WDR 3 Mosaik | 26.07.2017 | 07:17 Min.

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Stand: 26.07.2017, 15:19