Schnitt – Montage-Techniken

Drei Filmstreifen

Schnitt – Montage-Techniken

Nur das Beste für den Film

Eine zündende Idee haben, gute Protagonisten finden, tolle Bilder drehen – das alles ist wichtig beim Film, aber nur die halbe Miete. Damit am Ende ein richtiger Film herauskommt, müssen die besten Bilder und Töne ausgewählt und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht werden. Das passiert beim Schnitt und ist Aufgabe der Cutterin oder des Cutters. Ein anderes Wort für Schnitt ist Montage.

Schneiden mit PC-Maus statt Schere

Ein historischer Schnittplatz

So sah es früher aus, als es noch keine Computer im Schnitt gab.

Der Ausdruck "Schnitt" stammt noch aus der Zeit, als es keine Computer gab. Damals musste der Cutter die Filmrolle mit einem speziellen Gerät zerschnippeln und die Einzelteile anschließend in der gewünschten Reihenfolge wieder zusammenkleben. Heute werden die Bilder digital aufgenommen und am Computer montiert. Die PC-Maus hat Schere und Klebstoff ersetzt.

Aus acht Stunden werden drei Minuten

Ein Computer-Schnittplatz

Computer statt Schere: So werden Filme heute geschnitten.

Warum nimmt man nicht einfach alle Bilder und schneidet sie hintereinander? Ganz einfach: Nicht alle Einstellungen sind für die erzählte Geschichte wichtig. Man muss sich entscheiden. Manche Bilder sind vielleicht auch technisch nicht in Ordnung.

Außerdem muss etwas, das der Protagonist gerade tut, nicht in voller Länge gezeigt werden, wenn es für das Verständnis des Films nicht nötig ist.

Der Schnitt dient also auch dazu, die Handlung auf die wichtigsten Aspekte zusammenzustauchen. So kann man einen Acht-Stunden-Schultag in einem Drei-Minuten-Film zeigen. Eine Stunde Mathe in voller Länge anzuschauen, wäre sicher sehr langweilig. Es reicht, ein paar Bilder zu zeigen: Die Tafel voller Formeln, Schüler über Mathe-Bücher gebeugt, ratlose Gesichter. Und schon ist klar: Mathe kommt hier nicht so gut an!

Auf die Reihenfolge kommt es an

Die Arbeit im Schneideraum kann ganz schön lange dauern. Cutter und Regisseure verbringen oft viele Wochen damit, die Abfolge der Bilder so festzulegen, dass sie die Geschichte des Films optimal erzählen. Denn da gibt es ungezählte Möglichkeiten. Entscheidend ist, was der Filmemacher erzählen möchte. Die Reihenfolge der Bilder hat nämlich einen großen Einfluss darauf, was der Zuschauer beim Ansehen denkt.

Machen wir dazu ein Experiment: Schau dir zuerst Bild 1 an, dann Bild 2. Wie würdest du den Gesichtsausdruck von Philip interpretieren?

Zwei Jungen prügeln sich

Bild 1: Serge prügelt sich

Philip trägt eine Mütze und schaut mit starrem Gesicht zur Kamera.

Bild 2: Wie fühlt sich Philip dabei?

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Wirf dann noch einen Blick auf Bild 3, dann auf Bild 4. In welcher Stimmung ist Philip jetzt?

Vier Jungen vor einem Fußballtor

Bild 3: An den vier Fußballspielern kommt niemand vorbei.

Philip trägt eine Mütze und schaut mit starrem Gesicht zur Kamera.

Bild 4: Und wie scheint sich Philip jetzt dabei zu fühlen?

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Ist es dir aufgefallen? Obwohl Bild 2 und Bild 4 absolut identisch sind, meint man, in Philips Gesicht zwei verschiedene Gefühlsregungen sehen zu können. Auf Bild 2 kann man Hilflosigkeit oder sogar Wut erkennen, weil sein Freund Serge herum geschubst wird, auf Bild 4 möglicherweise Angst vor den vier Jungs, die sich provozierend vor dem Tor aufgebaut haben.

Wie die Zuschauer den Gesichtsausdruck interpretieren, hängt davon ab, welche Situation oder welches Motiv vorher gezeigt wurde. Diesen Effekt nennt man "Kuleshov-Effekt". Lev Kuleshov war ein russischer Regisseur, der vor gut 100 Jahren entdeckte, wie sehr die Reihenfolge der Bilder das beeinflusst, was beim Zuschauer ankommt. Er filmte das Gesicht eines Schauspielers und montierte dann verschiedene Motive vor dieses Bild. Kuleshovs Test-Publikum interpretierte den Gesichtsausdruck auch unterschiedlich: Zeigte das erste Bild einen Kindersarg, sagte das Publikum: "Der Mann ist traurig!", sah man einen Teller Suppe, hieß es: "Der Mann hat Hunger!".

Aber einfach nur Bild an Bild zu reihen, ist nicht so spannend. Damit dem Zuschauer nicht langweilig wird, hat die Cutterin oder der Cutter verschiedene Möglichkeiten, einen Film zu schneiden. Einige davon wollen wir hier vorstellen.

Plansequenz

Manchmal möchte die Filmemacherin oder der Filmemacher eine abgeschlossene Handlung in voller Länge zeigen. So zum Beispiel wenn eine wichtige Info vermittelt wird. Dann kann der Cutter die Handlung als Plansequenz montieren. Das bedeutet, dass die Einstellung nicht durch Schnitte unterbrochen wird. Der Zuschauer fühlt sich wie mitten im Geschehen, weil er die Handlung quasi in Echtzeit verfolgen kann.

Parallelmontage

Sollen im Film zwei oder mehrere Handlungen gezeigt werden, die zur gleichen Zeit ablaufen, schneidet der Cutter einzelne Bilder oder ganze Sequenzen abwechselnd hintereinander. Die Handlung springt dann hin und her. Das kann beim Zuschauer Spannung erzeugen, denn man möchte wissen, wie es wohl weitergeht.

Zwischenschnitt

Diese Art von Schnitt(-bild) kann bei der Montage für viele Zwecke eingesetzt werden. Er dient zum Beispiel dazu, die erzählte Zeit im Film zu straffen, wenn der Regisseur eben nicht die ganze Handlung zeigen will. Ein Zwischenschnitt wird auch verwendet, wenn man zeigen will, worüber der Protagonist im Interview spricht. Erzählt er etwa von seinem Hobby Geige zu spielen, kann ein Bild des Instruments als Zwischenschnitt in das Interview montiert werden. Das sorgt für Abwechslung beim Zuschauer – man will ja nicht immer nur minutenlang das Gesicht des Protagonisten sehen.

Schuss/Gegenschuss

Diese Technik verwendet der Cutter zum Beispiel bei Gesprächen und Interviews. Das erste Bild zeigt meist beide Gesprächspartner. Das zweite Bild zeigt dann Person A, die etwas sagt (Schuss), das dritte Bild die Reaktion der Person B (Gegenschuss). Der Schnitt kopiert dabei unser natürliches Verhalten, wenn wir ein Gespräch beobachten. Stell’ dir vor, zwei deiner Freunde streiten sich. Wenn sie sich gegenseitig ihre Argumente an den Kopf werfen, wirst du sicher auch abwechselnd mal den einen, mal den anderen anschauen.

Aber Vorsicht beim Schuss/Gegenschuss! Man darf keine Einstellungen hintereinander schneiden, die nicht von der gleichen Seite aufgenommen wurden. Macht der Cutter diesen Fehler doch, spricht die Fachfrau vom so genannten Achsensprung.

Nehmen wir an, im Film wird ein Gespräch zwischen zwei Personen gezeigt. In der Halbtotalen sehen wir Miriam (links) und Marie (rechts) am Tisch sitzen und sich unterhalten. Man könnte die beiden nun mit einer Linie verbinden, das ist die so genannte Handlungsachse.

Im Schnitt soll das Gespräch nicht nur in der Halbtotalen gezeigt werden, sondern auch in zwei nahen Einstellungen von den Gesichtern der beiden. Das Bild zeigt zuerst Miriam (das wäre der Schuss), dann Marie (das ist dann der Gegenschuss). Beide Male steht die Kamerafrau vor der Handlungsachse.

Nutzt der Cutter ein Bild von Miriam, das von der anderen Seite unserer Handlungsachse aufgenommen wurde, dann stimmt die Blickrichtung der beiden nicht mehr. Es sieht so aus, als ob sich Miriam und Marie mit einer ganz anderen Person unterhalten.

Schnittrhythmus

Das Tempo eines Filmes kann der Cutter über den Schnittrhythmus beeinflussen. Grob gesagt gilt: viele Schnitte, kurze Einstellungen = schneller Rhythmus; wenige Schnitte, lange Einstellungen = langsamer Rhythmus. Wie schnell die einzelnen Bilder hintereinander montiert werden, kommt auf die Art des Filmes an. In einem Actionfilm wird der Cutter eher viele unterschiedliche Einstellungen von kurzer Dauer montieren, der schnelle Wechsel vermittelt dem Publikum Spannung und Geschwindigkeit. Soll das Tempo des Films ruhig sein, sind es auch die Schnitte.

Erfahrene Cutter kennen noch viel mehr Möglichkeiten, einen Film abwechslungsreich zu schneiden. Sie setzen zum Beispiel Blenden ein, um Zeit- oder Ortswechsel deutlich zu machen, oder unsichtbare Schnitte, die dem Zuschauer kaum auffallen. Diese und andere Techniken findest du im Glossar – wirf doch mal einen Blick dort hinein!