Zeitraffer als filmisches Mittel

Nico Rücker

Zeitraffer als filmisches Mittel

Tricksen beim Dokumentarfilm? Das ist eigentlich ein Widerspruch. Trotzdem: Einige Tricks sind durchaus erlaubt, wenn es dem Film und dem Verständnis dient. Auch bei Dokumentarfilmen, wie zum Beispiel "Herr Rücker".

Wie die Zeit vergeht ...

Filmische Tricks erwartet man im ersten Moment nicht in einem Dokumentarfilm. Vielleicht weil es immer heißt, dass der Dokumentarfilm das wahre Leben ganz ungeschminkt und unverändert zeigt. Aber einige Filmemacher, die Dokumentarfilme drehen, wenden auch filmische Tricks an. Kennst du den Trick?

Im Zeitraffer wird die Zeit beschleunigt. Die Sonne geht also ganz schnell unter. Das Gegenteil ist die Zeitlupe, dann werden Bewegungen ganz langsam, die Zeit wird also gedehnt. Zeitraffer und Zeitlupe sind gute Tricks, um Dinge zu zeigen, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen wären, weil sie entweder viel zu schnell geschehen (zum Beispiel, wie ein Stück Würfelzucker in den Kaffee fällt) oder sich viel zu lange hinziehen (zum Beispiel, wie ein Haus im Laufe von vielen Monaten entsteht).

Aber warum hat Filmemacherin Anna Wahle den Trick wohl benutzt? Vielleicht wollte sie zeigen, wie lange der Schüler Nico aus ihrem Film "Herr Rücker" manchmal in der Schule bleibt, um seine zusätzlichen Aufgaben zu erledigen.

Da die Zuschauer normalerweise den Film ja nur einmal sehen, musste Anna Wahle damit rechnen, dass nicht jedem Zuschauer dieser Trick auffällt: Während es ganz schnell dunkel wird, geht Nico aber ganz gemächlich über den Schulhof. Hast du die unterschiedlichen Geschwindigkeiten schon beim ersten Sehen bemerkt?

Du fragst dich, was das wohl soll? Eine Antwort könnte sein, dass Zeit sich unterschiedlich lang anfühlen kann. Wer kennt das nicht: Bei Langeweile dehnt sich eine Minute wie Kaugummi und wenn man beschäftigt ist oder etwas viel Spaß macht, dann scheint die Zeit zu rasen. Für Nico geht der Tag schnell vorbei, obwohl er die ganze Zeit in der Schule war. Anderen Schülern geht es da bestimmt ganz anders und sie sind froh, so früh wie möglich nach Hause zu gehen. Wie wäre es für dich, wenn du aus der Schule kommen würdest und es schon spät am Abend wäre?

Und: Ist dir aufgefallen, dass es noch einen Trick im Trick gibt? Klick doch noch einmal die Szene oben an!

Zwei Filme in einem

In sehr vielen Spielfilmen, zum Beispiel in Actionfilmen, wird mit der so genannten "Green-Box" (oder auch "Blue-Box") gearbeitet. Auch Filmemacherin Anna Wahle hat dies gemacht. Schaue dir doch noch mal den Teil des Abspanns hier an: Im Grunde siehst du zwei Filme gleichzeitig. Einmal ist da Nico, wie er von links nach rechts läuft. Und im anderen Film sieht man die Mitschüler, wie sie zum Beispiel im Schulflur sitzen oder sich auf dem Boden prügeln. Die Filmaufnahmen von Nico sind vor so einer Green-Box entstanden. Er ist vor einer grünen Wand gelaufen und die Kamera hat ihn dabei gefilmt. Am Computer wurde dann das Filmmaterial bearbeitet: Der grüne Hintergrund wurde weggeschnitten und durch den anderen Film ersetzt. Die Filmemacherin musste vorher genau darauf achten, dass Nico keine grüne Kleidung trägt. Diese Teile wäre sonst weggeschnitten worden.

Durch diesen Trick ist im Abspann noch mal gut zu sehen, dass es zwischen Nico und den anderen Schülern eine richtige Distanz gibt. Wie in zwei unterschiedlichen Welten, sind sie in zwei unterschiedlichen Filmen und trotzdem auch an ein und demselben Platz.