Tongestaltung als filmisches Mittel

Nora

Tongestaltung als filmisches Mittel

Der Ton zum Bild

Beim Fernsehen gehören Sehen und Hören untrennbar zusammen. Ein passender Ton ist genauso wichtig wie aussagekräftige Bilder. Was wäre ein schöner Sonnenuntergang auf einer einsamen Insel ohne das Meeresrauschen? Je nachdem, wie Filmemacher Geräusche und Töne einsetzen, können sie Stimmungen verstärken, ablenken oder Aufmerksamkeit erregen. Wenn man einen Film sieht, in dem plötzlich eine Sirene los geht, möchte man wissen, was der Grund dafür ist. Oder wenn man einen schwarzen Bildschirm sieht und dabei hört, wie ein Streichholz angezündet wird, ahnt man, dass es vermutlich gleich hell wird.

Im Film "Nora in New York" nutzt die Filmemacherin Anna Wahle Geräusche, um den Zuschauer miterleben zu lassen, wie Nora ihre Umwelt wahrnimmt und was sie empfindet. Nora ist seit ihrer Geburt schwerhörig. In der Schule verstärken ihr Hörgerät und Mikrofone, was ihre Mitschüler und Lehrer sagen. Ihr Gehör mit dem Hörgerät kann die Geräusche jedoch nicht filtern, was bei Menschen mit gesunden Ohren ganz automatisch funktioniert. Wenn viele Menschen durcheinander reden, können Normalhörende sich dennoch auf nur eine Geräuschquelle konzentrieren. Nora kann das nicht. 

In diesem Ausschnitt hörst du, wie Nora die vielen Gespräche in der Pause wahrnimmt: durcheinander, laut und stressig. Sie kann nicht gezielt bestimmten Gesprächen zuhören. Nur wenn ihre Freundin Alina so nah an ihr Ohr kommt, dass ihre Stimme lauter ist als die Umgebung, kann sie etwas hören. Die Geräusche hat die Filmemacherin Anna Wahle versucht so zu gestalten, wie Nora hört. Erst sehr laut und durcheinander, dann werden die Hintergrundgeräusche leiser und die Stimme von Alina deutlich und laut.

Nora in New York - Nora in der Pause Planet Schule 19.01.2016 00:13 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 WDR

Mächtige Stille & hörbarer Szenenwechsel

Auch das Fehlen von Geräuschen ist ein starkes Mittel, um den Zuschauer zu fesseln. Damit hat die Filmemacherin Anna Wahle in dem Film "Nora in New York" ganz bewusst gearbeitet. Nora sitzt inmitten des Lärms der Kantine und fühlt sich ausgeschlossen, weil sie nichts verstehen kann. Ganz plötzlich ist es still, sie fühlt sich wieder wohl. Die Ruhe in der Bibliothek gibt ihr Sicherheit. Kannst du nachfühlen, wie es Nora mit dem Lärm und mit der Stille geht? Die plötzliche Stille erhöht die Aufmerksamkeit und lässt den Zuschauer Noras Empfinden besser verstehen. 

Um den Übergang von der Kantine in die Bibliothek, also vom Stress in die Ruhe, besonders deutlich zu machen, hat die Filmemacherin einen sogenannten hörbaren Tonschnitt gesetzt. Das sind Schnitte, an denen große Lautstärkepegel aufeinander prallen – wie hier der Lärm in der Kantine und die Stille in der Bibliothek. Filmemacher nutzen hörbare Tonschnitte, um den Zuschauer zu fesseln und um seine Stimmung zu beeinflussen. Hast du vielleicht auch das Gefühl, einmal tief durchatmen zu müssen, sobald Nora in der Bibliothek ist?

Nora in New York - Nora in der Cafeteria Planet Schule 19.01.2016 00:36 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 WDR

Lautlose Übergänge

Die meisten Tonschnitte im Film sind jedoch kaum hörbar. Dafür setzt die Filmemacherin im Schnitt eine sogenannte Tonblende. 

In diesem Ausschnitt ist es ebenfalls sehr laut, die Schüler beklatschen Noras Zaubertrick. Doch der Übergang in die Ruhe beim Arzt ist viel sanfter, als der Wechsel von der Kantine in die Bibliothek. Hör einmal ganz genau hin! Du merkst, dass das Klatschen langsam leiser wird. Es wird also nach und nach ausgeblendet, bis es fast weg ist. Dann ist die folgende Stille kein so harter Kontrast.

Nora in New York - Nora beim Akustiker Planet Schule 19.01.2016 01:00 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 WDR

Traumhafte Geräusche

Filmemacher spielen auch gerne mit den Erwartungen des Zuschauers und setzen Geräusche  ein, die gar nicht zu einer bestimmten Szene passen. In dieser Szene liegt Nora ganz entspannt auf der Massagebank und fängt an, zu träumen. Die Geräusche die sie wahrnimmt, passen jedoch nicht in das Behandlungszimmer. Sie gehören schon zu ihrem Traum. Zuerst ist nur das Rauschen von Wasser zu hören, dabei erscheint im Bild langsam ein neutrales, bewegtes Grau. Dann kommt ein Motorgeräusch dazu. Dank dieser Geräusche weißt du, dass gleich eine Szene mit Wasser und einem Fahrzeug kommen muss, bevor du sie sehen kannst.  

Nora in New York - Noras Traum Planet Schule 19.01.2016 00:57 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 WDR

Musik unterstützt das Bild

Anna Wahle verzichtet in ihrem Film fast ganz auf Musik. Nur mit Geräuschen, Tönen, Atmo und dem, was Nora erzählt, erlebt der Zuschauer die Szenen direkt und intensiv. Es klingt nicht so, als ob etwas für den Film gestellt worden wäre. Es gibt nur eine einzige Stelle, in der Musik zu hören ist. Nora sitzt mit ihrer besten Freundin Nati auf der Couch. Obwohl du nicht siehst, was sie sich im Fernsehen anschauen, weißt du dank des Liedes, dass es um "New York" geht - um Noras Lieblingsstadt also. Nachdem die Filmemacherin Anna Wahle vorher Noras Probleme gezeigt hat, ist das ein eleganter Übergang, um wieder zu Noras großem Traum, ihrer Reise nach New York, zu kommen.

Nora in New York - Nora schaut Fernsehen Planet Schule 19.01.2016 00:19 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 WDR