Kamera-Einstellung als filmisches Mittel

Nick und Tim – Die Kamera auf Distanz

Kamera-Einstellung als filmisches Mittel

Auf die Einstellung kommt es an

Eine Kamera-Einstellung kann man beispielsweise nach ihrer Einstellungsgröße unter die Lupe nehmen. Die Größe einer Einstellung legt fest, was von einer Person oder einem Objekt im Bild zu sehen ist. Dadurch ist sie auch entscheidend für die Wirkung der Bildaussage. Es gibt viele verschiedene Einstellungsgrößen von "ganz klein" bis "ganz groß".

Bettina Braun beginnt ihren Film mit einer Detail-Einstellung: Gezeigt wird ein kleiner Ausschnitt, ein Detail aus Nick und Tims Welt – und zwar eine T-Shirt-Aufschrift. Dafür geht die Kamera ganz dicht an Nick und Tim heran. Die Einstellung ist sehr kurz, denn Nick und Tim halten einfach nicht lange still. Sieh selbst, was in den ersten 30 Sekunden des Films passiert!

"Wo ich bin, herrscht Chaos" steht auf den T-Shirts der Jungs. Dass dies nicht nur so ein Spruch ist, zeigen Nick und Tim auch direkt: Sie fangen an, sich zu prügeln. Die schnellen, wilden Bewegungen führen dazu, dass die Kamera nicht mehr so nah dran bleiben kann. Der Kameramann muss ein Stück weiter weg gehen und eine andere Einstellungsgröße wählen: eine Nahe und eine Halbnahe. So kann er besser zeigen, wie Nick und Tim kämpfen. Trotzdem bleibt er noch sehr dicht dran: Ein Fuß oder ein Kopf oder ein Arm verschwindet immer aus dem Blickfeld der Kamera. Richtig weit weg ist dann die Einstellung vom Haus, das in einer Totalen gezeigt wird. Die Titeleinblendung macht schnell klar: Hier wohnen Nick und Tim. So weit weg sieht alles ja ganz friedlich aus. Aber die streitenden Brüder sind weiterhin zu hören und jeder Zuschauer ahnt: Statt ländlicher Ruhe ist hier eher Trubel angesagt.

Näher kommen

Am Filmanfang hat sich der Kameramann Schritt für Schritt von Nick und Tim entfernt. Die Einstellungen wurden immer größer. Umgekehrt geht das natürlich auch, dass die Einstellungen immer kleiner werden. Die Kamera ist wie ein Detektiv, der nicht entdeckt werden will – sie filmt aus sicherer Entfernung. Im Bus ist die Kamera dann aber wieder sehr nah dran an den beiden Brüdern. Wirken Nick und Tim in dieser Einstellung nicht ganz anders als in den Szenen vorher? Sie sind jetzt ganz ruhig und eher in Gedanken verloren. Sie lassen die Kamera und so auch den Zuschauer nah an sich heran.

Manche Themen erfordern Nähe

Obwohl die Brüder Zwillinge sind, gibt es große Unterschiede zwischen den beiden. Für Nick läuft es einfach nicht so gut: Seine Noten in der Schule sind schlechter als die von Tim. Zusätzlich muss er wegen seiner Erkrankung ADHS noch Tabletten nehmen, die ihn ruhiger machen sollen. All das erfährt der Zuschauer von Nick selbst. Ganz schön mutig, darüber vor laufender Kamera zu sprechen. Deswegen ist es sehr wichtig, dass Nick der Filmemacherin vertrauen kann. Die Kamera – und damit auch der Zuschauer – kommt Nick in dieser Szene sehr nah. Wie wirkt Nick auf dich? Nimmt er sich oder die Kamera wichtig?

Stört es ihn wohl, dass er gefilmt wird oder scheint es ihm eher egal?

Nähe und Weite in einer Einstellung

Manchmal wird in einer einzigen Einstellung die räumliche und gefühlsmäßige Nähe und der Abstand verschiedener Menschen gleichzeitig gezeigt. Damit das funktioniert, muss der Kameramann eine gute Position wählen. Hier siehst du ein Beispiel, bei dem die Kamera und die Mutter im selben Raum und leider auch dasselbe Problem haben: Sie können Nick und Tim, die im anderen Zimmer sind, nicht richtig verstehen. Die Kamera hat allerdings den besseren Standort und kann die beiden filmen, wie sie mal wieder kämpfen. Durch den guten Standort der Kamera ist der Zuschauer in dieser Szene der Mutter sehr nah und gleichzeitig von Nick und Tim eher weiter weg. Die Szene zeigt deswegen auch ganz gut, wie es der Mutter manchmal mit ihren Söhnen ergeht.

Bettina Braun hat die Idee, gleichzeitig den einen Menschen ganz nah und den anderen weit weg zu filmen, auch in zwei Interviews umgesetzt. Im Gegensatz zur vorigen Szene, die lediglich mit der Kamera beobachtet ist, konnte Bettina Braun die Interviewszenen besser planen: Sie hat sich genau überlegt, wer wo sitzen soll. Tim spricht über seinen Bruder, während im Hintergrund Nick auf der Schaukel zu sehen ist. Tim sieht seinen Bruder zwar nicht, weiß aber sicher, dass er dort ist. Auch Nick spricht über seinen Bruder, während Tim auf der Schaukel zu sehen ist. Findest du, dass er anders über seinen Bruder spricht?

Pausen machen – Weitblick haben

In manchen Filmen hat man als Zuschauer kaum Zeit zum Nachdenken. Das ist zum Beispiel in Actionfilmen oft so. Um ein Thema gut nachvollziehen zu können, kann es aber auch manchmal gut sein, dass ein Film auch mal Pausen in der Geschichte macht. Bettina Braun hat solche Pausen gesetzt, indem sie Aufnahmen vom Haus und von der Umgebung gemacht hat und in den Film geschnitten hat. Diese Einstellungen sind in der Totalen aufgenommen – man sieht total viel, die Kamera ist weit weg und nicht nah dran. Solche Einstellungen dauern nur ein paar Sekunden, aber es sind die Momente, in denen sich der Zuschauer eigene Gedanken machen kann und mal zur Ruhe kommt. Es sind ruhige Einstellungen, die auch ein guter Kontrast zu den ja oft unruhigen und streitenden Brüdern sind.

Ranholen oder Wegschieben: der Zoom

Wenn der Kameramann sich mit der Kamera bewegt und seine Position verändert, kann er nah an einen Menschen ran oder auch weiter weg gehen. Den gleichen Effekt kann die Kamera aber auch erzeugen, wenn sie sich nicht bewegt: durch Zoomen. Dabei verändert sich die Brennweite des Objektivs, ein Gegenstand kann größer (herangezoomt) oder kleiner (weggezoomt) gezeigt werden. So kann der Eindruck entstehen, dass die Kamera näher an einen Menschen heran- oder weiter weg geht, ohne dass sie tatsächlich bewegt wurde.

Beide Einstellungen – die Nahaufnahme und die Halbnahe – haben Vor- und Nachteile. Je größer die Kamera das Gesicht von Nick zeigt, desto mehr kannst du in seinem Gesicht sehen: Stirnrunzeln, Augen zusammen kneifen, eine Schnute ziehen. Aber erst in der Halbnahen ist der ganze Nick zu sehen. Und wie ein Mensch sitzt oder sich bewegt, erzählt ja auch viel über den Menschen. Welchen Eindruck hast du? Wie fühlt sich Nick wohl während des Interviews? Anschließend zoomt der Kameramann von der Halbnahen wieder in die Nahaufnahme. Das kann mehrere Gründe haben: Vielleicht möchte er, dass der Zuschauer wieder mehr von Nicks Gesicht sieht. Vielleicht möchte er aber auch den Bildausschnitt wieder verkleinern, weil oben rechts in der Bildecke ein Stück vom Mikrofon zu sehen ist.