Herr Rücker

Inszenierung als Filmisches Mittel

Inszenieren im Dokumentarfilm

Inszenieren? Das gibt es doch im Theater oder in Spielfilmen? Ein Regisseur sagt, was und wie etwas in einer Szene zu spielen ist. Schauspieler lernen die Texte aus den Drehbüchern und proben ihre Rollen.

In Dokumentarfilmen spricht man eigentlich nicht von Inszenierung, denn hier geht es um echte Menschen, die eher beobachtet werden. In wieweit ein Filmemacher bei den Dreharbeiten eingreift – z.B. mit Regieanweisungen oder nachgestellten Szenen - ist immer eine Gratwanderung. Das  führt häufig zu der Frage, ob ein Film authentisch – also echt und unverfälscht - ist und das wirkliche Leben zeigt. Es gibt Filmemacher, die greifen möglichst wenig in das Geschehen ein, andere machen das stark. Da gibt es ganz unterschiedliche Abstufungen. Manchmal fehlen einem Filmemacher aber die richtigen Bilder, um die Geschichte und Themen gut umzusetzen. Dann kann er zum Beispiel Situationen nachstellen, damit sich der Zuschauer etwas besser vorstellen oder damit man eine Geschichte besser erzählen kann. Andere Filmemacher inszenieren z.B. einen Menschen (Orte oder Geschehen), um ihn mit seinen Wünschen, Träumen und Gefühlen genauer zu zeigen. 

Willkommen im Alltag

Anna Wahle hat sich vor den Dreharbeiten viel mit Nico unterhalten und ihn so gut kennen gelernt. Nach und während der Gespräche hat sie sich überlegt, wie sie ihren Film machen will und welche Seiten und Facetten sie von Nico zeigen möchte. Dafür hat sie ihn mit der Kamera beobachtet, typische Situationen mit ihm nachgestellt und manchmal auch mit filmischen Mitteln in Szene gesetzt.

Der Film "Herr Rücker" zeigt Nico in seinem Alltag. Das ist ganz typisch für Dokumentarfilme, denn Alltagsbeobachtungen sind eine häufig gewählte Methode. Schaue dir einmal den nächsten Ausschnitt an. Hier gibt es keinen Kommentar, der die Zuschauer von den Bildern ablenkt oder die Meinung in eine bestimmte Richtung drängt. So kann der Zuschauer zusehen und sich eigene Gedanken machen. 

Beobachtet oder nachgestellt?

In diesem Filmausschnitt siehst du Nico mit einem anderen Jungen in seinem Zimmer zuhause. Was denkst du: Ist die Szene tatsächlich so geschehen oder ist sie nachgestellt?

Es ist möglich, dass die Filmemacherin Anna Wahle und der Mitschüler zufällig am gleichen Tag bei Nico zu Hause waren. Vielleicht aber haben sich Nico, der Junge und Anna Wahle extra verabredet, um diese Szene zu drehen. Dann wäre die Szene wohl eher nachgestellt. Aber ist sie dadurch weniger echt? Was meinst du? Darüber lässt sich vortrefflich streiten. Der Filmemacherin war es offenbar wichtig, dass der Zuschauer Nico auch mal zu Hause sieht und nicht immer nur in der Schule. In dem Ausschnitt wird auch deutlich, warum es Nico irgendwie schwer fällt Freunde zu finden. Das erzählt Nico zwar auch in seinem Kommentar, aber wenn dazu Bilder zu sehen sind, wird deutlicher, was er meint.

Alles nur geträumt

Nico erzählt im Film, dass er sich gut vorstellen kann, später einmal Hausmeister zu werden. Statt aber nur davon zu erzählen, lässt Anna Wahle Nico im Bild einmal Hausmeister sein. Er trägt einen Hausmeisterkittel und einen Schnurrbart. Dieser Traum ist inszeniert. 

Hier noch eine andere interessante Szene. Im Off erzählt Nico eine wahre Geschichte: Er arbeitet an der Verschönerung des Computerraums. Dann ist im Film zu sehen, wie er eine Glasscheibe bemalt, die direkt vor der Kamera ist. Und so gibt es plötzlich für den Zuschauer für einen kleinen Moment nichts mehr zu sehen - nur die angemalte Scheibe. Nico hat natürlich nicht die echten Glasscheiben im Computerraum gestrichen. Das hat die Filmemacherin so inszeniert. Nico verschwindet für den Zuschauer hinter seiner bemalten Glasscheibe – so wie er vielleicht auch für seine Mitschüler hinter seinen Aktionen verschwindet.

Geführter Kommentar

Auch der Kommentar, der im Film zu hören ist, wurde von Anna Wahle inszeniert. In "Herr Rücker" ist Nico aus dem Off zu hören.

Der Kommentar von Nico klingt anders als Kommentare in anderen Filmen (im Film "Gelb & Pink" zum Beispiel besteht der Off-Kommentar aus Ausschnitten eines gefilmten Interviews mit der Hauptperson Alina). In "Herr Rücker" klingt der Kommentar wie vorgelesen. Die Filmemacherin Anna Wahle hat diese Form des Kommentars als Stilmittel eingesetzt. Sie hat sich vor und während der Dreharbeiten mit Nico unterhalten und dann einen Text geschrieben. Der von Nico gesprochene Text wurde über die jeweiligen Szenen gelegt. Filmemacher (manchmal auch zusammen mit der Hauptperson (Protagonist) ) können sich so gut überlegen, was sie zu sagen haben. Anna Wahle konnte so entscheiden, welche Infos sie über Nico geben wollte und auch ausprobieren, welcher Text gut zu welchem Bild passt.