Der Distelfink

Der Distelfink

Von Andrea Burtz

Vom Bestseller zum Kinodrama mit Starbesetzung: Die Verfilmung von Donna Tartts komplexem Roman "Der Distelfink" wird der brillanten Vorlage leider nicht gerecht.

Das Leben des kleinen Theo (Oakes Fegley) gerät aus den Fugen: Als er mit seiner Mutter in New York ein Kunstmuseum besucht, explodiert eine Bombe. Seine Mutter kommt bei dem Attentat ums Leben. Im Staub und Chaos bittet ihn ein Sterbender, den Distelfink aus dem Museum zu bringen.

Theo gehorcht und bringt das berühmte Gemälde aus dem 17. Jahrhundert unbemerkt unter seinem Pullover nach draußen. Es wird Theo in den kommenden Jahren immer wieder an die letzten Momente mit seiner Mutter erinnern.

Von New York nach Las Vegas

Da Theos Vater Larry (Luke Wilson) ein unzuverlässiger Trinker ist, von dem die Mutter getrennt war, kommt der Junge in eine reiche Pflegefamilie. Mrs. Barbour (Nicole Kidman) wirkt zunächst distanziert, kümmert sich aber rührend um den trauernden Jungen, der nicht über sein Trauma spricht.

Heimlich sucht er das Antiquitätengeschäft auf, das Welty (Robert Joy), dem sterbenden Mann aus dem Museum, gehörte. Mit dessen Geschäftspartner Hobie (Jeffrey Wright) freundet sich Theo an. Hier lernt er auch Pippa (Aimee Laurence) kennen, das Mädchen, das den sterbenden Welty im Museum begleitet hatte.

Odyssee ohne Ende

Langsam findet Theo ins Leben zurück, eine Reise mit den Barbours ist geplant. Doch dann taucht Theos Vater wieder auf und nimmt ihn mit seiner Geliebten Xandra (Sarah Paulson) in einen winzigen, abgelegenen Ort in der Nähe von Las Vegas.

Die leerstehende Apartment-Siedlung hat nichts mit dem Familienleben der Barbours gemein, an das Theo sich gerade gewöhnt hatte. Larry und Xandra vernachlässigen den Jungen. Schnell ist klar, dass sie nur an sein Geld wollen.

Theo freundet sich mit Schulkameraden Boris (Finn Wolfhard) an, der ein ähnlich verwahrlostes Leben führt. Sein russischer Vater prügelt den Jungen grün und blau, wenn er mal zuhause ist. Theos Odyssee, gemeinsam mit dem wertvollen Bild, ist noch nicht zu Ende.

Trauer und Schuldgefühle

Wie er über Jahre hinweg mit Trauer und Schuldgefühlen umgeht, wie ihm sein Leben immer wieder entgleitet und Beziehungen abbrechen, erzählt der Film über die ersten 13 Jahre nach dem Attentat. Theo hat Probleme, ein geordnetes Leben zu führen, auch wenn es viele Menschen gibt, die es gut mit ihm meinen.

Romanautorin Donna Tartt wurde für die Romanvorlage mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Als öffentlich wurde, dass der Stoff mit Nicole Kidman in einer Hauptrolle verfilmt wird, waren schnell die Oscars im Gespräch.

Film als Ganzes überzeugt nicht

Doch auch wenn die Verfilmung überzeugende Darsteller hat (allen voran Oakes Fegley, der den Jungen spielt), Kameramann Roger Deakins ("Skyfall", "Blade Runner 2049") stimmungsvolle Bilder für Theos Gefühlszustände findet und die Einsamkeit des Jungen in atmosphärische Bilder übersetzt, kann die Verfilmung als Ganzes nicht überzeugen.

Die 13 Jahre aus Theos Leben werden – anders als im Buch -  nicht chronologisch erzählt. Das verwirrt bei der Fülle an Personen (die oft von zwei Darstellern gespielt werden) und Ereignissen.

Trotz über zweieinhalb Stunden Laufzeit hetzt der Film durch seine Episoden. Beziehungen einzelner Figuren zu Theo zu vertiefen, gelingt nicht, viele Charaktere bleiben oberflächlich. "Der Distelfink" ist kein schlechter Film. Der brillanten, komplexen Romanvorlage wird er aber nicht gerecht.

Drama, USA 2019

Regie: John Crowley ("Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten", "Boy A")

Darsteller: Nicole Kidman ("Moulin Rouge!", "The Hours", "The Others"), Oakes Fegley ("Elliot, der Drache"), Jeffrey Wright ("Die Tribute von Panem"), Luke Wilson ("Durchgeknallt"), Sarah Paulson ("Carol", "12 Years a slave")

Länge: 152 Minuten

Ab 12 Jahren

Kinostart: 26.09.2019

Stand: 26.09.2019, 00:00