Atze Brauner - Eine lebende Legende wird 100

Atze Brauner - Eine lebende Legende wird 100

Von Antonia Kasparek

Filmproduzent Artur "Atze" Brauner feiert am 1. August 2018 seinen 100. Geburtstag. Jeder kennt seine Filme – darunter viele Karl May- und Edgar Wallace-Verfilmungen.

Filmproduzent Artur Brauner wird 100

Romy Schneider saß auf seinem Sofa. Curd Jürgens bediente sich aus seinem Kühlschrank. Bei Artur "Atze“ Brauner gingen die Stars des Nachkriegsfilms ein und aus. Jetzt wird der Filmproduzent und Holocaust-Überlebende 100 Jahre alt.

Romy Schneider saß auf seinem Sofa. Curd Jürgens bediente sich aus seinem Kühlschrank. Bei Artur "Atze“ Brauner gingen die Stars des Nachkriegsfilms ein und aus. Jetzt wird der Filmproduzent und Holocaust-Überlebende 100 Jahre alt.

Artur Brauner war viele Jahre lang einer der erfolgreichsten unabhängigen Filmproduzenten Europas. In den letzten Jahren hat er sich allerdings immer mehr aus dem Geschäft zurückgezogen. In den CCC-Ateliers auf dem Studiogelände in Berlin-Haselhorst wird aber nach wie vor gedreht, nun unter der Leitung seiner Tochter Alice Brauner.

Artur Brauner wurde 1918 als Sohn eines Holzgroßhändlers im polnischen Lodz geboren. Er und seine Familie wurden von den Nationalsozialisten während der Besetzung Polens verfolgt. Brauner gelang es, in die Sowjetunion zu flüchten und sich zu verstecken. Schon vor dem Krieg war Artur Brauner ein großer Filmfan. Nach dem Krieg und vorübergehenden Plänen, in die USA auszuwandern, kam er nach West-Berlin. Er erhielt eine Produktionslizenz und gründete 1946 die Berliner CCC (Central Cinema Company) -Film Gesellschaft mbH. 1949 erwarb er im Norden von Berlin ein 35.000 Quadratmeter großes Gelände einer ehemaligen Giftgasfabrik in Spandau-Haselhorst, das er in eine "Traumfabrik" umwandelte.

Von den Berlinern liebevoll "Atze“ genannt – den Spitznamen soll ihm ursprünglich Curd Jügens verpasst haben – schuf Brauner mit der Central Cinema Company praktisch aus dem Nichts ein florierendes Unternehmen für erfolgreiche Unterhaltungsfilme. Er war alles in einem: Produzent, Autor, Atelierchef, Dramaturg, Besetzungsboss und Buchhalter. Die CCC-Studios in Berlin-Spandau waren ein kleines "Haselwood"-Hollywood in Deutschland. Weit mehr als 700 Filme sind bisher dort entstanden – etwa 200 davon sind Eigenproduktionen der CCC.

Artur Brauner war Stammgast auf den roten Teppichen dieser Welt. Hier tanzt er mit Petra Schürmann, der ehemaligen Miss World. Doch Stars und Glamour waren immer nur die eine Seite im Leben des eleganten Filmmoguls mit dem gepflegten Menjou-Bärtchen. Brauner engagierte sich im demokratischen Aufbau Deutschlands und versucht bis heute an die Verfolgung der Juden zu erinnern. Sein Film "Morituri“ war, zwei Jahre nach Beendigung des Krieges, quasi der erste Film, der das Thema der NS-Opfer behandelte. Dem jüdischen Museum Berlin hat er zudem aus seinem umfangreichen Werk eine Filmsammlung aus 21 Filmen zu den Themen Holocaust und Nationalsozialismus gespendet.

Artur Brauner produzierte Kassenknüller wie "Dr. Mabuse“, "Es geschah am hellichten Tag", "Mädchen in Uniform“ und "Der Tiger von Eschnapur“. Bei letzterem Film führte Fritz Lang Regie, der von dem Produzenten das Angebot einer Neuverfilmung des zweiteiligen Stummfilmklassikers "Das indische Grabmal" aus dem Jahr 1921 erhielt.

Große Erfolge feierte er in den 50er und 60er Jahren mit den Dr. Mabuse-Produktionen und Filmen nach Karl May und Bryan Edgar Wallace wie "Der Fluch der gelben Schlange" mit Joachim Fuchsberger. Brauners Filme trafen den Geschmack des Publikums. Er selbst sagte in einem Interview: "Die Menschen wollten nach dem schrecklichen Krieg unterhalten werden, und ich hatte ein Gespür für die Bedürfnisse des Publikums."

Gleichzeitig mit den Edgar-Wallace-Filmen der 1960er-Jahre wurde auch Doktor Mabuse wieder für den Film entdeckt. Von 1960 bis 1964 entstanden sechs neue Schwarzweiß-Mabuse-Filme, die aber nur noch Wert auf den Kriminalaspekt legten und kaum noch sozialkritische Aspekte aufwiesen – darunter "Das Testament des Dr. Mabuse" mit Gert Fröbe.

Besonders bekannt wurde Artur Brauner auch für seine Karl May-Verfilmungen – die er zusammen mit Regisseur Harald Reinl umgesetzt hat. Dazu gehörten "Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten", aber auch viele Orientstoffe wie "Durchs wilde Kurdistan", an denen er sich die Rechte gesichert hatte.

Anlässlich Artur Brauners 96. Geburtstag und dem 50. Geburtstag des Films "Winnetou" statteten ihm daher rund 100 Fans aus dem Karl May Fanclub einen Besuch ab und rauchten mit ihm eine Friedenspfeife in seinem Garten.

Artur Brauner hat das deutsche Nachkriegskino geprägt wie kaum ein anderer. Romy Schneider, Heinz Rühmann, Curd Jürgens, O.W. Fischer, Peter Alexander und Caterina Valente (hier zusammen mit Rudolf Prack in "Das einfache Mädchen") – sie alle standen in den Berliner Filmstudios von Artur Brauner vor der Kamera.

Artur Brauner setzte das Kapital, welches er mit dem Unterhaltungskino verdiente, immer wieder für Filmprojekte ein, die ihm aufgrund seiner persönlichen Geschichte stark am Herzen lagen. Er produzierte unter anderem "Die weiße Rose" (1982) unter der Regie von Michael Verhoeven mit Lena Stolze als Sophie Scholl.

Sein "Hitlerjunge Salomon" (1990) mit Marco Hofschneider und Julie Delpy in den Hauptrollen gewann den Golden Globe und erhielt eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch.

Artur Brauner ist prominentes Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Berlin und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Unter vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 2003 bei den Berliner Filmfestspielen die Berlinale Kamera, eine Auszeichnung für das Lebenswerk von Filmpersönlichkeiten. Im Jahr 1991 wurde die Artur Brauner Stiftung gegründet: Zweck ist die Förderung der Verständigung zwischen Juden und Christen sowie der Toleranz zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen, Kulturkreise, Hautfarben und gesellschaftlicher oder ethnischer Herkunft.

Nach einer großen Feier ist Artur Brauner aber eigentlich an seinem 100. Geburtstag nicht zumute. Im vergangenen August starb Brauners Ehefrau Maria (rechts im Bild), mit der er 71 Jahre verheiratet war. Er wird seinen Ehrentag daher wohl ruhig mit seiner Tochter Alice (links) begehen.

Stand: 31.07.2018, 11:29 Uhr