Binnensicht der Flucht

Afrika Film Festival 2018

Binnensicht der Flucht

Von Christoph Ohrem

Wie setzen afrikanische Filmemacher die Migrationsbewegungen innerhalb Afrikas künstlerisch um? Das ist Programmschwerpunkt des Afrika Film Festival Köln 2018. Und liefert ganz neue Perspektiven auf ein Phänomen, das derzeit sehr kontrovers diskutiert wird.

Am liebsten in Form von Naturgewalten. So spricht die neue Rechte über Migrationsbewegungen. "Flüchtlingsströme" zum Beispiel. Innenminister Horst Seehofer nannte Migration kürzlich gar die "Mutter aller Probleme". Das Afrika Film Festival Köln widmet sich ab Donnerstag (13.09.2018) dem Thema Migration auf bereichernde Weise. Themenschwerpunkt ist die "innerafrikanische Migration".

Die Flucht freiwillig wiederholen

Der Ivorer Kumut Imesh hat mit dem australischen Filmemacher David Fedele ein ungewöhnliches Filmprojekt durch Crowdfunding finanziert. Der Dokumentarfilm "revenir" ist beim Festival Köln zu sehen. Kumut Imesh ist für dieses Filmexperiment seine Fluchtroute erneut abgegangen - mit einer einfachen Kamera und ohne Unterstützung. David Fedele hat ihm die technischen Grundlagen vermittelt, war selbst aber nicht dabei. Der Film liefert authentische Eindrücke von Imeshs beschwerlicher Reise.

Zu Fuß durch die Wüste

Afrika Film Festival 2018

Imesh macht sich erneut auf: von der Elfenbeinküste bis nach Marokko. Zu Fuß durch die Wüste Algeriens. Ein Film, der eine ungefilterte Binnensicht auf das Phänomen innerafrikanische Migration wirft. In lakonischem Ton zu verwackelten Bildern erzählt Imesh: "Auf der Straße musst du Freunde suchen. Eine Gruppe bilden. Dann bist du nicht so einsam. Hier kannst du dich austauschen. Über den Weg und die Lage. Außerdem gerätst du so weniger in Schwierigkeiten und gefährliche Situationen. Dass wir uns die Zutaten für das Abendessen teilen, erspart uns zudem Geld."

Die meisten Flüchtlinge leben südlich der Sahara

Afrika Film Festival 2018

Amin Farzanefar

Die Festivalmacher haben das Thema "innerafrikanische Migration" gewählt, um Menschen aufzuklären. Amin Farzanefar ist Programmverantwortlicher des Gründervereins des Festivals, Filminitiativ Köln e.V. Obwohl das Thema Migration in den Medien so präsent sei, seien viele der grundlegenden Fakten bislang nicht bekannt, sagt er. "Es geht natürlich auch darum das Bild richtig zu rücken und zu sagen: Die meiste Migration findet in Afrika statt und nur die Wenigsten wollen wirklich hier nach Europa kommen."


Laut UNHCR wurden 2017 täglich 28.300 Menschen durch Krieg und Verfolgung zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben. Nur 17 Prozent der globalen Geflüchteten gelangen dabei in das vergleichsweise reiche Europa. Die meisten Geflüchteten, etwa ein Drittel, bleiben innerhalb Afrikas, größtenteils südlich der Sahara. Insgesamt befinden sich 68 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht.

Schwierige Recherche für das Programm 

Im seinem Programmschwerpunkt zeigt das Festival Kurzfilme, Spielfilme und Dokumentationen. Gerade Dokumentarfilme seien gut geeignet aufzuklären, sagt Amin Farzanefar: "Dokumentationen können Fakten vermitteln und sie können Menschen zeigen, die wirklich konkret vor Ort in Not oder aktivistisch unterwegs sind. Der Spielfilm hat ja eher die Stärke, allgemeinere Wahrheit herauszuarbeiten anhand eines Einzelschicksals."

Ein Western über das Apartheidsregime

Ein Western, fast schon im Stile eines Sergio Leone, ist "Five Fingers for Marseilles". Der Spielfilm führt in das verschlafene Städtchen Marseilles in Südafrika zur Zeit der Apartheid. Die Bewohner leiden unter brutaler Polizeigewalt. Der junge Tau tötet bei einem Zwischenfall einen Polizisten und muss fliehen. 20 Jahre später kehrt er zurück. Seine alten Freunde haben wichtige Positionen in der Gemeinde, alles scheint friedlich zu sein. Doch der Frieden in Marseilles ist nur oberflächlich. Tau muss wieder zu den Waffen greifen.

Afrika Film Festival 2018

„Five Finger for Marseilles“

Der Spielfilm "apartride", zu deutsch staatenlos, erzählt in langsamen, dichten und poetischen Bildern fast ganz ohne Dialog die Geschichte eines Grenzschicksals. Hénia lebt staatenlos in Marokko. Algerien ist ihre Heimat, nach der sie sich sehnt. Doch sie kann ohne Papiere nicht dorthin zurückkehren. Dieser Film ist mit der Kamera ganz nah bei der Hauptdarstellerin. Durch den fehlenden Dialog muss man sich die Innenwelt von Hénia immer wieder selbst vergegenwärtigen.

Filme aus Afrika für Europa

Finanziert werden die Filme mit Ausnahme von wenigen Crowdfunding-Projekten aus europäischen Mitteln. Viele der Filme liefern dem Publikum Fakten und Innenansichten, die sonst in Europa kaum bekannt sind. Ein bereichernder Perspektivwechsel. Einer, der zumeist einem interessierten cineastischen Publikum vorbehalten bleibt. Große Verbreitung jenseits engagierter Festivals finden die Filme kaum.

Afrika Film Festival 2018

Sebastian Fischer, Leiter des Afrika Film Festivals

Auch in den meisten afrikanischen Ländern finden die Filme kein Publikum. Was nicht an mangelndem Interesse liegt, wie Festivalleiter Sebastian Fischer weiß. "Die meisten Filme, die in afrikanischen Ländern produziert werden, können auf dem Kontinent nicht gezeigt werden. Es gibt kaum Abspielmöglichkeiten. So viele Kinos sind geschlossen. Gerade auch in Hochburgen wie dem Senegal."

Es fehlt an Information

Filme können einen wichtigen Beitrag leisten, Menschen aufzuklären – zum einen hier in Europa, um Flüchtlingsgeschichten aus der Anonymität herauszuholen. Um klarzustellen, dass Migration hauptsächlich innerhalb Afrikas stattfindet. Zum anderen, um Menschen auf dem Kontinent Einblicke zu geben. Das war Kumut Imeshs Hauptanliegen. Er wusste vor seiner beschwerlichen Reise nichts über das Leben als Flüchtling.

Afrika Film Festival 2018

Kumut Imesh möchte besonders Afrikaner informieren

"Ich wusste nur, dass die Elfenbeinküste Flüchtlingen aus Liberia half. Ich wollte nicht, dass mich jemand Flüchtling nennt. In der Elfenbeinküste habe ich die Flüchtlinge bemitleidet, die ich getroffen habe. Deshalb wollte ich nicht, dass mir jemand diese Identität gibt. Bis heute ist das schwierig für mich."

16. Afrika Film Festival in Köln

WDR 3 Kultur am Mittag | 13.09.2018 | 06:16 Min.

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Stand: 12.09.2018, 11:22