Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis für das "Poetry Project"

Poetry Project

Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis für das "Poetry Project"

Von Nina Giaramita

Sechs afghanische Flüchtlinge und ihr Übersetzer erhalten den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis 2018. Die mit 3.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am Freitag in Wuppertal überreicht.

Die Preisträger sind Teilnehmer der Gruppe "The Poetry Project" - die Initiative wurde 2015 in Berlin von der "Spiegel"-Reporterin Susanne Koelbl gegründet. Im Rahmen ihrer Arbeit als Auslandskorrespondentin hatte die Journalistin die Erfahrung gemacht, dass in Ländern wie Afghanistan und Iran für die meisten Menschen "Lyrik eine ganz vertraute Form" ist.

Daher entstand 2015 die Idee, in Berliner Notunterkünfte zu gehen und geflüchtete Jugendliche zu einem Gedichte-Workshop einzuladen. Die heute 14- bis 18-jährigen Jugendlichen trafen sich regelmäßig, um Texte in ihrer Muttersprache zu verfassen. Das Geschriebene wurde daraufhin simultan ins Deutsche übersetzt. "Die Zeilen waren derartig berührend, dass uns allen die Spucke weggeblieben ist", so Susanne Koelbl.

"Reife lyrische Schicksalsbeschreibungen"

Die entstandenen Gedichte und Geschichten geben wieder, wie die Jugendlichen den Krieg in ihrer Heimat erlebt haben und warum sie nach Deutschland geflüchtet sind. Ihre Schilderungen würdigte die Jury für den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis als "erstaunlich reife lyrische Schicksalsbeschreibungen".

Teilnehmer des "Poetry Project" auf der Bühne, mit Susanne Koelbl

Das "Poetry Project" bei einem Literaturfestival in Berlin

Es seien "Erkenntnisse von Menschen, die ihrer Kindheit und Teenager-Jahre brutal beraubt wurden" und sich nun als Erwachsene einer für sie fremden Welt stellen müssten. Der Preis würdigt zugleich die Leistung ihres Übersetzers Arash Spanta - ein in Berlin lebender Jurist mit afghanischen Wurzeln.

Lyrikpreis für "The Poetry Project"

WDR 3 Mosaik | 08.02.2018 | 07:42 Min.

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Nach dem Willen von Initiatorin Koelbl sollen Ableger des "Poetry Project" nun bundesweit entstehen. Dabei ist ihr wichtig, dass die Teilnehmer in ihrer eigene Sprache dichten können. Die Muttersprache biete "eine viel breitere innere Vielfalt" - darüber hinaus habe jede Sprache ihren eigenen "Klang und Rhythmus".

Erinnern an Else Lasker-Schüler

Der Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis wird von der in Wuppertal ansässigen Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft verliehen. Erinnert wird damit an die deutsch-jüdische Lyrikerin und Dramatikerin Else Lasker-Schüler, die in Wuppertal geboren wurde und 1933 nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in die Schweiz flüchten musste. Sie gilt als herausragende Vertreterin des Expressionismus in der Literatur. Bisherige Preisträger des Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreises sind unter anderem Friederike Mayröcker und Safiye Can.

"Bis ich verstand" von Ghani Ataei

Sie töteten vor meinen Augen, im Dorf.

Vier Tage konnte ich nicht sprechen.

Vier Tage blieb ich stumm.

Bis ich verstand.

Niemand erwartet etwas von niemandem.

Gleich, wieviel ich älter werde,

wie erwachsen ich sein werde,

wenn ich unruhig bin und voller Sorge,

wünschte ich die Mutter an der Seite.

Aber ich bin hoffnungslos,

was die Welt angeht.

(Mit Erlaubnis von "The Poetry Project")

Stand: 08.02.2018, 06:00