Wie sich Deutschland an sich selbst erinnert

Wie sich Deutschland an sich selbst erinnert

Von Thomas Köster

Wie entstanden deutsche Mythen in Ost und West? Und welche Erzählungen ließen zusammenwachsen, was zusammengehört? Das zeigt jetzt eine Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte.

Deutsche Mythen seit 1945, Haus der Geschichte, Bonn 2018 (Ausstellungsansicht)

Zu den Fundamenten einer Nation gehöre "der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen", schrieb 1882 der französische Denker Ernest Renan. In diesem Sinne ist auch Deutschland eine "Gedächtnisgemeinschaft". Aber wie erinnert sich Deutschland an sich selbst? Das Haus der Geschichte geht dieser Frage in einer neuen Ausstellung nach.

Zu den Fundamenten einer Nation gehöre "der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen", schrieb 1882 der französische Denker Ernest Renan. In diesem Sinne ist auch Deutschland eine "Gedächtnisgemeinschaft". Aber wie erinnert sich Deutschland an sich selbst? Das Haus der Geschichte geht dieser Frage in einer neuen Ausstellung nach.

In Bonn versammelt sind rund 900 Objekte, Fotografien und Dokumente, die zeigen, wie sich die kaum überschaubare deutsch-deutsche Geschichte nach 1945 von der "Stunde Null" in Ost und West bis zu den "blühenden Landschaften" der Wiedervereinigung immer wieder zu sinnstiftenden Erzählungen verdichtete.

Nicht zuletzt Bilder werden da heraufbeschworen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Und die immer wieder heraufbeschworen werden können. Wie Stephan Balkenhols Entwurf für ein Denkmal zur deutschen Einheit, das fatal an den Kniefall Willy Brandts am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto erinnert.

Und ruft nicht auch ein ebenfalls fast schon sprichwörtlicher Satz wie "Wir schaffen das!" und die damit verbundene Debatte, ganz wertneutral betrachtet, automatisch die enorme Blütezeit der Wirtschaftswunderjahre nach den Jahren des Entbehrens ins kollektive Gedächtnis, in denen ein anderer CDU-Bundeskanzler den "Wohlstand für alle" propagierte? Auch solche spannenden Wege eröffnet die Bonner Schau.

Nicht verschwiegen wird dabei, dass der Nationalsozialismus durch seine Vereinnahmungen etwa im Personenkult um Adolf Hitler die geschichtlich gewachsene deutsche Mythentradition erst einmal kappte. Heinrich Bölls 1950 erschienene Erzählung "Wanderer kommst du nach Spa…" über einen Schwerverwundeten im Zweiten Weltkrieg fasst diese Kappung eindrucksvoll im Titel zusammen.

Am Beispiel Hermann des Cheruskers und seinem legendären Sieg über die Römer im Teuteburger Wald, den die Ausstellung visuell buchstäblich wieder aus der Kiste holt, wird dies mit einigen wenigen, aber gut ausgewählten Exponaten nacherzählt. Und die Folgen bis heute aufgezeigt.

Positiv gesehen brachte der Bruch und die damit verbundene Aufarbeitung der Gräueltaten auf lange Sicht nämlich auch mit sich, die Erinnerung an die deutsche oder als deutsch vereinnahmte Geschichte von jeglichem schalen Heldenpathos einer "Herrenrasse" zu befreien.

So kommt es, dass man im im "Varusjahr" 2009 zum 2000. Jubiläum der Schlacht im Teuteburger Wald als Werbeträger für die Region Lippe-Detmold den "Zwermann" kaufen konnte: ein rund 40 Zentimeter großer grüner Gartenzwerg, der dem Denkmal ähnelt. Werbung des "Westfalium-Shops": "Dieser wehrhafte Winzling verteidigt Ihren Vorgarten gegen jede Invasion."

So oder so machte die identitätsstiftende Leere, in die beide deutsche Staaten 1945 gestoßen wurden, den Weg frei für ganz individuelle Gründungsmythen, die sich teils bis heute halten. In Deutschland waren es die Trümmerfrauen als Symbol des Aufbaus, in der DDR die sowjetischen Befreier. Auch diesem Aspekt widmet die Schau einen ganzen kleinen Raum.

"In Demokratien entstehen vielfältige Erzählungen", sagen die Kuratoren. "Diktatoren geben sie vor und kontrollieren sie." Auch auf diesen Unterschied geht die Ausstellung bei den Gründungsmythen ein. Und relativiert die Aussage doch immer wieder. Denn auch in Demokratien wirken Regierungen, Medien, Unternehmen und Organisationen kräftig beim Mythenmachen mit.

Für viele Historiker ist sowieso das "Wunder von Bern", also der 3:2-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die hoch favorisierten Ungarn und der damit verbundene Fußball-Weltmeistertitel am 4. Juli 1954 die eigentliche Geburtsstunde der bundesrepublikanischen Nation.

Damit verbunden waren viele Erzählstränge, die sich im Grunde in einem Objekt – nämlich vermutlich vom ehemaligen Bäcker und "Adidas"-Gründer Adi Dassler entwickelten Schuhs mit anschraubbaren (und damit auswechselbaren) Stollen als "Geheimwaffe" verdichteten. Hier allerdings die Variante von Adis Bruder und "Puma"-Gründer Rudolf Dassler. Wie die Geschichte der Aldi-Brüder auch Stoff zahlreicher Legenden.

Das regnerische Wetter war den Deutschen dabei ebenso gewogen wie ihr sprichwörtlicher Kampfgeist und die Innovationskraft des "German Engineering". Dass sich die westdeutsche "Gedächtnisgemeinschaft" im Moment des höchsten Triumphs auch ihrer legendären Bierbraukunst erinnerte, ist ebenso logisch wie konsequent.

Aber der Mythos geht nicht nur über Auge und Gaumen direkt ins Hirn. Auch das Ohr spielt mit. Das "Wunder von Bern" wäre weniger wundervoll ohne die leidenschaftlichen Worte des Sportreporters Herbert Zimmermann, der den deutschen Torhüter Toni Turek zum "Fußballgott" stilisierte. Deshalb ist im Haus der Geschichte sein "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt. Tor, Tor, Tor, Tor!!!!" in der Endlosschleife zu hören.

Von Bern führt ein direkter Weg zum "Sommermärchen" bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, zu dem wie beim "Wunder" auch ein pathetischer Film erschien. Hier erwies es sich als Glücksgriff des Schicksals, dass Deutschland im eigenen Land nur den dritten Platz errang. Immerhin ging es unter dem Motto "Zu Gast bei Freunden" ja darum, vom Buhmann der Geschichte zum Sympathieträger zu avancieren.

Weltmeister der Herzen waren wir aus unserer Perspektive in den Augen der Welt danach sowieso. Und Weltmeister sind wir immer schon gewesen. Export-Weltmeister zum Beispiel. Oder Weltmeister im Umweltschutz. In Kriegsgegnerschaft. Oder in Mitmenschlichkeit. Diesen Gedanken tragen wir wie auf der Fahne in Form von Aufklebern ganz gerne vor uns her. Auch darauf verweist die Bonner Schau.

Dass diese moralische Spitzenposition in Epochen, die von Waldsterben, Irak-Krieg oder Tschernobyl und Fukoshima geprägt sind, oftmals auch mit einer - typischen? - "German Angst" einhergeht, ist ein weiterer Randaspekt der "Deutschen Mythen nach 1945". Den bekommen Besucher eher en passant mit aufs deutsche Butterbrot geschmiert. "Nicht vergessen: Regen messen!" eben.

Dass ökologisches Bewusstsein und Staatsräson in Fragen der Atompolitik in den 1980er Jahren nicht miteinander vereinbar waren, zeigt der Schaukasten über die "Republik Freies Wendland", deren Bewohner sich gegen die Verwendung Gorlebens als Endlager für radioaktiven Abfall verwahrten. Identitätsstiftend wirkte hier vor allem der Pass.

Egal. Richtig Fußball-Weltmeister wurden wir erst wieder 2014, Papst hingegen schon 2005. Der Epoche machenden Schlagzeile der "Bild"-Zeitung widmet die Ausstellung einem im Selfie-Zeitalter etwas antiquiert wirkenden Fotoraum. Zu Recht. Denn von hier aus lassen sich bespiegelungstechnisch viele weitere Stränge erzählen.  

"Wir sind Kanzler" titelte beispielsweise der "Stern" noch im Bildschlagzeilenjahr 2005 nach dem Wahlkampfduell von Gerhard Schröder (SPD) gegen seine Herausforderin Angela Merkel (CDU). Die ebenfalls 2005 gestartete und von Bertelsmann koordinierte Social-Media-Kampagne "Du bist Deutschland", die ein positives Nationalgefühl schaffen wollte, ist ein Abklatsch davon. Und zeigt, wie Medien, Politik und "Think Tanks" Identitätsstiftung befeuern.

Schließlich musste nach dem Fall der Mauer zusammenwachsen, was zusammengehörte. Und was würde sich da als staatstragender Slogan der Wiedervereinigung besser eignen als die Variante einer im kollektiven Gedächtnis verankterten Parole während der Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR.

Seit der Währungsreform hatte West- und dann Gesamtdeutschland die einheitsbildende D-Mark. Und was ist mit dem Euro? "Europa entwickelt derzeit keine gemeinsame Mythen", konstatieren die Kuratoren. "Ansätze, die EU als Friedensgarant oder als Wertegemeinschaft zu schildern, finden wenig Resonanz." Da haben die Mythenmacher wohl noch einiges zu tun.

"Deutsche Mythen seit 1945" ist noch bis zum 14. Oktober 2018 im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Der Eintritt ist - wie auch in die Dauerausstellung - frei.

Stand: 16.03.2018, 12:14 Uhr